Evangelische Jugend übergibt im Lutherjahr zehn Thesen an OB Nigge

Evangelische Jugend übergibt im Lutherjahr zehn Thesen an OB Nigge

9. März 2017 Aus Von

CELLE. Die Reformation der Kirche durch Martin Luther feiert in diesem Jahr bekanntlich 500-jähriges Jubiläum. Zum Gedenken daran hat die Jugendvertretung der evangelischen Kirche heute ein Papier mit zehn Thesen an Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge übergeben. Thesen, die nicht den 95 Thesen von Luther entnommen, sondern den aktuellen gesellschaftlichen und politischen Problemen geschuldet sind. Die Hintergründe der Aktion haben die Jugendlichen wie folgt zusammengefasst:

Junge Menschen engagiert!

Reformation – nur ein historisches Ereignis? Bestimmt nicht! Reformation ist Anlass für die Zukunft. Männer und Frauen der Evangelischen Jugend formulieren ihre Forderung für ihre Stadt und den Kirchenkreis gemeinsam mit Gleichaltrigen anderer Jugendverbände – im Thesenformat. Das Engagement junger Menschen vernetzen und weiten, ist das erste Anliegen der Arbeitsgruppe, die die 10 Thesen erarbeitet hat.

„Wir formulieren Aufbruch, denn wir wollen – wie Martin Luther – eine Öffentlichkeit herstellen, die sich zu unseren heutigen Anliegen positionieren kann“, so die Autoren, „da ist es nahe liegend den neuen Oberbürgermeister Jörg Nigge mit ins Boot zu nehmen.“ Mit guten Wünschen zum geeigneten Zeitpunkt das Amt zu übernehmen, ist das eine. Mit jungen Menschen die Zukunft gewinnend und wertschätzend zu empfangen, ist das andere. “Darauf bleiben wir gespannt”, so die Vertreter der Evangelischen Jugend!

Nächtlicher Thesenanschlag – Evangelische Jugend mischst sich ein

Anlässlich des Jubiläumsjahres zur Reformation folgte die Evangelische Jugend (EvJu) dem guten Beispiel Luthers, wonach Martin Luther im Jahre 1517, 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg schlug, um insbesondere den Ablasshandel der katholischen Kirche anzuprangern. So wurden im Laufe eines Tages 10 Thesen entwickelt, die in einer nächtlichen Aktion an fast alle Kirchentüren des Kirchenkreises genagelt und geklebt wurden.

Die Teilnehmer*innen im Alter von 15 bis 22 Jahren befassten sich intensiv mit aktuellen politischen Umständen und mit Entwicklungen in der evangelischen Kirche. Im Anschluss an intensive Diskussionen über die Themen Jugendarbeit, Integration, Inklusion, Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen sowie deren Rechte, entwickelten sie gemeinsame Positionen, mit denen sie einen Denkansatz zur Verbesserung dieser Problematiken liefern wollen.

Des Weiteren besuchten die beiden großen politischen Jugendorganisationen, die Jusos sowie die Junge Union den Workshop der evangelischen Jugend. Beide Gruppierungen waren jeweils mit ihren Kreisvorsitzenden, Yannick Tahn (Jusos) und Christian Ceyp (JU) sowie weiteren Vertreter*innen vor Ort und unterstützen die Teilnehmer*innen bei der Thesenbildung.

„Wir müssen Wege finden, die verschiedenen Verbände, die sich der Jugendarbeit verschrieben haben, wieder attraktiver für die Jugendlichen zu gestalten. Aus unserer Sicht fehlt es im Besonderen an Anerkennung, daher müssen die Kommunen und auch der Landkreis Celle Wege finden, wie man diese Situation in den Griff bekommen kann. Nicht nur die Kirchen leiden unter den Folgen der gesellschaftlichen Individualisierung, es betrifft alle Verbände und Vereine. Die langfristige Verpflichtung erscheint vielen, insbesondere jungen Menschen als zu großes Hindernis, es müssen also Wege gefunden werden, projektbezogen aktiv zu werden, um ein eigenes i-Tüpfelchen in der Welt zu hinterlassen,“ erläutert Felix Schorling. „Hinzu kommt, dass sich viele Jugendliche gar nicht darüber bewusst sind, welche Möglichkeiten zur Partizipation in die Gesellschaft und auch in den politischen Willensbildungsprozess möglich sind.“

So fordert Charlotte von Butler, Mitglied im Vorstand der Evangelischen Jugend: „Stadt und Landkreis müssen dafür sorgen, dass  junge Menschen in den Jugendhilfeausschüssen als stimmberechtigte Mitglieder vertreten sind. Wir sind die Experten*innen  für uns selbst und wollen gerne Verantwortung übernehmen“. Gleichwohl unterstütze man den Gedanken, ein Jugendparlament in Celle zu etablieren.

„Ehrenamt braucht Anerkennung“ fordert Matthias Potempa, Vorsitzender der Evangelischen Jugend, „Ein jährliches „Anerkennungsfest“ der Kommunen sowie des Landkreises für Ehrenamtliche in der Jugendarbeit würde viele zur Weiterarbeit motivieren“. Kirchenkreisjugendpastor Michael Dierßen stellt nach dem Voting der wichtigsten 10 Thesen fest, dass die Thesen sehr politisch ausgerichtet sind und stellt die Frage inwieweit sich Kirche politisch engagieren soll. „Für mich bedeutet Glauben auch Nachfolge, Jesus selbst war ein sehr politisch handelnder Mensch“, antwortet Kirchenkreisjugendwartin Susanne Mauk spontan darauf.

10 Thesen junger Menschen

Liebe Brüder und Schwestern,

vor 500 Jahren begann die Reformation mit dem Thesenanschlag Martin Luthers. Heute haben sich Junge Menschen diverser Verbände zusammengesetzt, um folgende Thesen zu verbreiten:

I.

Ehrenamt braucht Anerkennung. Der Superintendent, der Bürgermeister und der Landrat sollen im Zuge dessen einmal im Jahr ein Anerkennungsfest für die getane Arbeit von Jugendlichen veranstalten.

II.

Kinder brauchen Freiraum und Orte zum Experimentieren außerhalb von Schule und Familie. Sie brauchen Orte wo Glauben entdeckt und Spiritualität altersgerecht gelebt werden kann.

III.

Der gesellschaftliche Leistungsdruck wird durch die Schule auf Kinder übertragen. Dadurch werden unverhältnismäßige Ängste erzeugt.

IV.

Schulen müssen mehr für die politische Orientierung Jugendlicher tun, um ihnen ihre Möglichkeiten der Partizipation und ihre Verantwortung bewusst zu machen.

V.

Kommunale Jugendpolitik (von Kirchenkonvent, Jugendparteien, etc.) muss öffentlicher gemacht werden, um Jugendlichen ihre Möglichkeiten der Einbringung bewusst zu machen.

VI.

Jugendarbeit wird durch Interaktion und Partizipation attraktiv gestaltet.

Daher muss die Stelle des Jugendvertreters im Jugendhilfeausschuss bestehen bleiben. Denn die Jugend muss in einem Ausschuss, der über sie entscheidet, vertreten sein.

VII.

Die Kommunikation zwischen den Jugendverbänden muss gefördert werden, um den Jugendlichen mehr Stimmgewalt zu verleihen.

VIII.

Es muss finanzielle Unterstützung für hauptamtliche Stellen in Jugendverbänden geben, gefördert durch Kommune/Träger.

IX.

Um Inklusion aller zu ermöglichen, muss die Angst aller Seiten durch Aufklärung und Offenheit genommen werden.

Daher muss ein geeignetes Umfeld für inklusive Begegnungen auf Gemeindeebene geschaffen werden.

X.

Die Kirche muss sich an die Menschenrechte halten, v.A. Artikel 2 der Menschenrechtskonvention. Alle Kirchenmitglieder sollen dazu angehalten werden, alle Menschen als gleich anzusehen, ungeachtet ihrer Hautfarbe, Herkunft, Sexualität, Sprache, Religion, ihres sozialen Status etc.

Nach dem nächtlichen Thesenanschlag haben insbesondere die Kirchengemeinden in Wietzenbruch, Altencelle und Groß Hehlen, die Thesen mit großem Engagement in ihre Gottesdienste eingebaut und dem Vorstand der EvJu die Möglichkeit gegeben, ihre Thesen den anwesenden Kirchgänger*innen näherzubringen. „Dies ist ein Anfang, wir wollen Missstände im Stile Luthers anprangern und ins Gespräch kommen“, so Paula Seidensicker, „Reformation findet nicht über Nacht statt, sondern ist ein immerwährender Prozess“.“

PR/Redaktion
Celler Presse





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