Den Fortgang der siebenwöchigen Passionszeit bewusst wahrnehmen – St. Laurentius Nienhagen verhüllt in sieben Schritten das große Altarfenster der Kirche

NIENHAGEN. In vielen Kirchen gibt es den Brauch, in der Passionszeit vom Sonntag Invokavit an bis Ostern die Kreuze und Bilder in den Kirchen zu verhüllen. Diese Tradition kam zu einer Zeit auf, in der man das Kreuz – oft mit Perlen und Edelsteinen geschmückt – vor allem als Sieges- und Lebenszeichen verstand. In der siebenwöchigen Passionszeit wurden diese Triumpfkreuze verhüllt, weil man sich vor Ostern auf das Leiden und Sterben Jesu Christi konzentrierten wollte. Als schließlich Kreuze mit der Gestalt des leidenden Christus üblich wurden, blieb der Brauch der Verhüllung dennoch erhalten.

Kerstin Kozlowski und Maya Tsantilis

Maya Tsantilis und Kerstin Kozlowski, die gemeinsam das Kreativgeschäft „Fachwerk“ für Stoffe in Nienhagen betreiben, haben eine Idee des Kirchenvorstandes aufgenommen und sieben lange Stoffbahnen angefertigt, die nach und nach die sieben vertikalen Segmente des großen Altarfensters verdecken – bis am Karfreitag schließlich das gesamte Altarbild verhüllt ist.

Für Pastor Uwe Schmidt-Seffers ist die Verhüllungsaktion in doppelter Hinsicht interessant: „Wenn wir das Gewohnte nicht mehr sehen, fangen wir vielleicht an, darüber nachzudenken, wie uns die Gewöhnung vergessen lässt, was unser Leben so wunderbar wertvoll macht. Einen Regenbogen, der länger als 15 Minuten leuchtet, sehen wir auch nicht mehr.“

Andererseits soll die Verhüllungsaktion darauf aufmerksam machen, dass sich die Spannung von „Sehen“ und „Nicht-Sehen“ wie ein roter Faden durch die Bibel zieht, so Schmidt-Seffers. Was der Nienhagener Pastor damit meint, erklärt er so: „In der Passionszeit erinnern wir uns daran, wie selbst der sich von Gott verlassen fühlte, der sich zeitlebens aufs Engste mit Gott verbunden wusste. Indem wir uns als christliche Gemeinde Jesu Schrei am Kreuz »Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?« stellen, geben wir der Klage über die Abwesenheit Gottes einen legitimen Raum!“

Auf einer Informationskarte, die für die Gottesdienstbesucher in den Bänken der Laurentiuskirche ausliegt, heißt es weiter: „Wo immer Gott im Alten Testament an entscheidenden Wendepunkten der Geschichte Israels auftritt und sich zu erkennen gibt, sind seine Erscheinungen gleichzeitig mit Verhüllungsmotiven verbunden. Wie im Buch Genesis beschrieben, offenbarte sich Gott dem Mose im brennenden Dornbusch, woraufhin Mose sein Angesicht »verhüllte, denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen«. Auch das Neue Testament kennt die Spannung von Enthüllen und Verhüllen. Gerade in den Ostergeschichten sehen die Jüngerinnen und Jünger ihren auferstandenen Herren und erkennen ihn lange doch nicht.“

Pastor Uwe Schmidt-Seffers freut sich schon heute auf den Osterfrühgottesdienst in der Laurentiuskirche, wenn um 5.30 Uhr langsam die Sonne aufgeht und die fast 2000 farbigen Glasstücke zu leuchten beginnen: „Ich bin mir sicher, dass dies nach den Wochen der Verhüllung ein ganz besonderer Moment sein wird.“

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Foto: Uwe Schmidt-Seffers

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