Portraits und Körperstudien in Foto sowie Malerei – Kunstgattungen im Dialog auf dem Hof des atelier 22

CELLE. Am Freitag, den 04.09., herrscht im Hof des atelier 22 reger Betrieb. Denn der Workshop „Kunstgattungen im Dialog“ bringt insgesamt zehn Künstler um das Modell Jennifer Bettenworth zusammen. Fünf Zeichner/Maler portraitieren das junge Model in antik anmutendem Kleidchen vor moderner Kulisse. Aber auch die Fotografen positionieren sich immer wieder neu, um neue Perspektiven für ihre Fotos zu gewinnen. Das Modell Jennifer Bettenworth nimmt drei unterschiedliche Posen ein. Mal sitzt sie auf der Bank mit Hut und angelehntem Sonnenschirm. Ein anderes Mal steht sie ohne Hut mit gespanntem Sonnenschirm auf dem Rasen. Und zuletzt sitzt sie auf einem Tisch und liebkost das Efeu.

Die Maler und Zeichner gehen unterschiedlich an das Portrait heran:

Faisal al Hassan zeichnet mit Ölpastellkreide und legt Flächen mittels Schraffur mit der Kreidekante an. Im Anschluss zeichnet er einen lockeren Umriss ohne Absetzen der Kreide. Er zieht Linien mit Kohlestift nach, um sie zu verstärken und füllt dann die Flächen mit unterschiedlichen Farben. Das komplexe Spitzenmuster des Kleides setzt er mit Kreidekante um. Unentwegt ist er am Zeichnen und arbeitet seine Werke auch noch mal nach, wenn ihm etwas nicht gefällt.

Sigrid Menzel hingegen bleibt klassisch beim Zeichnen allerdings mit unterschiedlichen Stiften. So skizziert sie gekonnt mit Rötelstift, Bleistift oder Finelinern innerhalb kurzer Zeit nicht nur das Model sondern auch die Teilnehmer. Dabei beginnt sie mit einer lockeren Umrisszeichnung und arbeitet in diese in verschiedene Details ein.

Claudia Klassen skizziert detailliert mit Bleistift, äußert sich selbst aber kritisch zu ihrem Werk. Beim zweiten Werk beginnt sie mit dem Gesicht und arbeitet erste Details schon hinein. Im weiteren Verlauf tastet sie sich Stück für Stück an die Figur heran. Im Anschluss unterstreicht sie die Figur mit roten Schatten und blauen Kanten als Abgrenzung zum Hintergrund mithilfe von Aquarell.

Günter Thomaschek arbeitet mit seinem Druckbleistift und geht in seiner Arbeitsweise sehr technisch vor. Erst wird die Figur des Modells in drei Teile aufgeteilt, die in bestimmten Maßstäben festgelegt werden. Danach erfolgt der konkrete Umriss, welcher wiederum mit Details angereichert wird. Speziell beim zweiten Portraitieren des Gesichtes wird dies für ihn schnell zum Stolperstein. Von anfänglich androgynen über männlich wirkenden Gesichtszügen hin zu einem weiblichen Portrait hat sein Werk die längste Reise hinter sich.

Ganz anders die Künstlerin Rita Dahlem: Mit Bleistift und Tempera direkt aus der Tube skizziert sie schnell und flüssig die Umrisse. Mit Wasser und Pinsel feuchtet sie die Farben an und lässt sie flächig ineinander laufen. So beginnt sie auch ihr zweites Werk. Doch hier spielt sie noch mehr mit den Farben. So wird Aerocolour – ihre Lieblingsfarbe – noch drauf geträufelt, setzt mit neonoranger Acrylfarbe Highlights und legt ein wenig Goldpulver auf Kleid und Schirm. „Realistisch muss es nicht sein, dafür gibt es ja die Fotografen.“

Perspektivenwechsel und verschiedene Kameras bieten Abwechslung:

Analoge und digitale Kameras, manche auch mit Spiegelreflex, nutzen die Fotografen. Aber das besondere Highlight ist die Plattenkamera von Martin Menzel. Martin Menzel muss für das Bild die Plattenkamera mit dem Verlängern oder Verkürzen des Blasebalgs scharf stellen. Danach bereitet er die Glasplatte im Bad mit der Chemie vor und kann nach einem weiteren Justieren die Platte einsetzen. Jetzt geht es ganz schnell: 21, 22 und das Bild ist im Kasten. Nun wird das Silbernitrat im Salzwasserbad mit Fixiersalz fixiert. Nach einem hellen Schleier tritt das Positivbild durch den schwarzen Hintergrund in Erscheinung. „Diese Fotografie ist wie ein Ü-Ei. Man weiß nie, was dabei rum kommt – bis man das Ergebnis sieht“, so Jennifer Bettenworth

Für Martina Kunz sei der Workshop eine Herausforderung. Normalerweise mache sie keine Portraitfotos. Gern hätte sie ein CloseUp des Modells geschossen, leider sei dies durch den erforderlichen Abstand wegen Corona nicht möglich. Spannend finde sie den Kontrast zwischen der neumodernen Mauer zu dem Modell, gekleidet wie Anfang der 20er Jahre. Was ihr allerdings viel Freude als Motiv bereitet hätte, wäre die große Plattenkamera von Martin Menzel. Mit ihren Fotos scheint sie kleine Geschichten erzählen zu wollen. Gerade das Foto mit dem Efeu habe sie betont in schwarz weiß umgesetzt, um das Märchenhafte herauszuholen.

Eric (EHW) Schaper wirft sich auch schon mal auf den Boden für eine ungewöhnliche Perspektive. Die analoge Schwarz-Weiß-Fotografie biete ihm bessere Möglichkeiten, die Konturen sowie den Charakter des Kopfes herauszuarbeiten. Nuancen und Kontraste zwischen Schwarz und Weiß würden entweder im high-key (helle Farbtöne, weiches Licht und niedrige Kontraste) oder im low-key (dunklere Farbtöne) umgesetzt. Durch die analoge Bildaufnahme bekomme er eine größere Detailreichtum und Detailtiefe des Fotos hin. Zumal die Arbeit mit der analogen Kamera mehr Bewusstsein schaffe und sorgfältiger, durchdachter fotografiert werden würde. Eine digitale Nachbearbeitung sei trotzdem möglich.

Der Aktionismus im Verein hat allen Teilnehmern viel Spaß bereitet. Weitere Workshops dieser Art werden angestrebt – notfalls auch mit Mitgliedern als Modell. Das Video von Stefan Skropski soll zu der Ausstellung in der Werkstatt zum Ende des Jahres zu sehen sein. Dieses wird auf dem Stick zur Verfügung gestellt. Es wäre gut, die verschiedenen Produkte und Ergebnisse in einem kleinen Workshop zu besprechen und anschließend auch in der Werkstatt 22 auszustellen. So sei angedacht, in einem Werkstattgespräch alle drei Gattungen Video, Foto und Malerei zu besprechen.

Redaktion
Celler Presse

Fotos: Horst Busch, Martin Menzel, Eric (EHW) Schaper und Martina Kunz

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