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Pantomime in anderer Dimension in Kunst und Bühne

CELLE. Am vergangenen Samstag zeigt das Pantomimen Duo Mimikry in Kunst und Bühne seine köstlichen Kekse. Kleine Darbietungen, die wie in einer dänischen Keksdose eine überraschende Vielfalt anbot, werden jeweils mit einem krossen Knuspern eingeläutet.

Nahezu jeder Tisch ist besetzt und Besucher verfolgen gespannt die Aufführungen. Der Einstieg der 2 Ganoven hat es in sich. Die herausragende Professionalität der pantomimischen Arbeit: Mehrere unsichtbare Wände werden ertastet. Durch die geschlossenen Fenster, welche sie gewaltsam öffnen, steigen sie nacheinander in mehrere Räume ein. Auch der Verzehr der köstlichen Kekse wird äußerst anschaulich genossen.

Der 1. Keks „Las Vegas Magic“ zeigt einen Zauberer, der eine Lady in widerlicher Manier verzaubert und bloßstellt. Hier zeigt sich erstmals die bösartige Parodie auf die Showkultur unserer Gesellschaft, das als ein gewichtiges Thema am Abend nochmals auftaucht. Der 2. Keks präsentiert eine regungslose Puppe und einen Puppenspieler. Der Puppenspieler ermächtigt sich der Puppe und haucht ihr neues Leben ein. Doch kurze Zeit später wird der Puppenspieler selbst zur Puppe und die Macht / Ohnmachtsposition wird vertauscht. Beim dritten Keks geht es wieder um ein Machtverhältnis, das sich verändert. In König und Narr befinden sich die beiden Figuren in einer Zombi-Apokalypse. So kämpfen und bezwingen sie die Zombis. Doch nach dem Gemetzel ist vor dem Gemetzel. Leichenteile müssen beseitigt werden. Dies ist für beide nicht vergnüglich und so entbrennt ein weiterer Kampf mit Besen zwischen den beiden Kontrahenten. Der Narr unterliegt ihm vorerst und muss den menschlichen Unrat beseitigen. Als er seinem König treu als Diener ihm Speis und Trank serviert hat, nickt der König ein. In einem anschließen Duell, zu welchem der neidische Narr auffordert, beweisen die beiden Schauspieler ihre fechterischen Künste. Der Narr obsiegt, genießt seinen Sieg mit kräftigen Schlücken aus der Weinflasche und lädt den König zum Bruderschafttrinken ein.

Nach einer kurzen Pause, in der die Besucher sich darüber austauschen, wie professionell und mit welch geistig seelischer Tiefe die Schauspieler ihre Kekse verabreichen, folgt die „super Behandlung“. Superman hat Zahnschmerzen und wie viele Menschen hat er Angst vor dem Zahnarzt. Doch mit Superkräften ist das so eine Sache. Also versucht der Zahnarzt ihm mit Ballett, eine weitere Spielart der Pantomime, seine Angst zu nehmen, um ihn auf den Stuhl zu bekommen. Die Behandlung läuft dabei recht kämpferisch ab und der Zahn wird gewaltsam entrissen. Nach der Behandlung liegt Superman erschöpft auf dem Stuhl. Da ruft eine Besucherin aus: “Oh, der Arme!“ Superman wird wach und fliegt erleichtert von dannen. Beim 5. Keks verwandelt sich die Bühne in den Comedy Club „Cheeseburger“ mit allerlei derben Späßen werden die Opfer der Spaßattacken deutlich verhöhnt und teilweise sogar verletzt. Aber auch die Konkurrenz der beiden Spaßmacher tritt in den Pausen deutlich zu Tage und führt zu einem Mord aus Rachsucht und Neid. Dann wird es ganz speziell und ungewöhnlich. Bereits beim Umziehen wird deutlich, dass hier eine etwas andere LoveStory gezeigt wird. Denn offen kann der Besucher mitverfolgen, wie die Kleidungsstücke umgekehrt angezogen werden. So sind die Brüste der Frauenfigur auf dem Rücken und die Knopfleiste des Jacketts des Mannes ebenso. Auch die Haube überkopf und die Perücken im Gesicht muten ein ungewöhnliches Bild an. Auf einer Party beim Schmusesong „Say you, say me“ tanzen sie eng umschlungen und küssen sich erstmals, anfangs unsicher und später mit Leidenschaft. Aber alles verkehrt herum, was für eine Glanzleistung in der Darbietung und das als Premiere! Zum krönenden Abschluss zeigen sie in einer Zugabe eine Parodie eines Metallerkonzerts mit Frosch-Handpuppe als Sängerin.

Alle Stücke sind aus eigener Hand entwickelt und geschrieben worden. Mit Kamera und anschließender Bewertung durch die beiden Künstler selbst stellen sie ihre Darbietungen nach wiederholten Proben zusammen. Mit der Parodie des Comedy Clubs wollten die beiden Künstler aufzeigen, wie sehr die vermeintliche Königsdisziplin der heutigen Comedy Shows an Niveau verlieren und auch keine Grenzen der Scham mehr kennen würde. Es komme nur noch auf Lacher und Einschaltquoten an. In den Stücken „Der Puppenspieler“ und „König und Narr“ ist gerade der Bruch und der Rollentausch ein gewolltes Stilmittel, das auch bei den Besuchern Verblüffen auslöst. Es sei ihnen wichtig, die klassische Pantomime des Marcel Marceau mit seiner klassischen Kunstfigur des „Bip“ hinter sich zu lassen. Sie wollen Neuartiges in der Pantomime entwickeln und darbieten, was ihnen an diesem Abend gelungen ist. Die ästhetische Schönheit der anrührenden Romantik des Pantomimenspiels haben sie verlassen und die tiefen Kämpfe der menschlichen Natur wie Macht, Gewalt und Statusverlangen sowie die damit einhergehenden Konflikte zwischen den Figuren aufgezeigt. Direkt und brutal wollen die Schauspieler den Besuchern diese Zusammenhänge verdeutlichen über den körperlichen Ausdruck. Dieser wird häufig viel intensiver und unmittelbarer gelebt und erlebt als der verbale, gedankliche Austausch. Vielleicht besteht die Möglichkeit sie ein weiteres Mal sehen zu können.

Redaktion
Celler Presse
Fotos: Manuela Mast






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