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ESCHEDE. Auch an diesem Samstag zogen wieder zwei Demonstrationen durch den Eschede. Gleich mehrere Bündnisse hatten zu den Demonstrationen aufgerufen. Sie wollten ein Zeichen setzen und sich klar gegen die am Ortsrand befindliche NPD stellen. Die Demonstrationen verliefen friedlich und auch das milde Wetter trug dazu bei, dass die Gemüter generell entspannt waren.

Um 12 Uhr startete am Marktplatz in Eschede die erste Demonstration. Das örtliche Bündnis gegen Rechtsextremismus (BgR) hatte dazu aufgerufen und rund 60 Teilnehmer hatten laut Zählung der Polizei daran teilgenommen. In einem Demonstrationszug ging es umgehend zum Bahnhof zu den Kundgebungen. 

Marlon Gollnisch, Sprecher des BgR, berichtete darüber, dass die Errichtung einer Beratungsstelle im Ort langsam Form annimmt und auch das angekündigte Symposion ist ein Schritt in die richtige Richtung. Seinen Dank richtete Gollnisch an den Präsidenten des Verfassungsschutzes in Niedersachsen, Bernhard Witthaut und an den Innenminister Boris Pistorius. Beide hatten sich zuvor für die im Ort angesiedelte Beratungsstelle stark gemacht. Gollnich kündigte im Anschluss an, dass das Bündnis die Veranstaltungen anders gewichten werde. Man wolle die Dorfgemeinschaft stärken und viel mehr niedrigschwellige Veranstaltungen anbieten. Eine Demonstration vor der Demonstration sei obendrein nicht wirkungsvoll, so werde das Bündnis zukünftig auf Veranstaltungen und Verrammlungen danach setzen.

Bürgermeister Günter Berg zeigte die geschichtliche Entwicklung auf. Seit 30 Jahre n wisse man von den Treffen auf dem „Hof Nahtz“, doch seit 2007 gibt es erst einen organisierten Widerstand. Ein Arbeitskreis habe dazu den Grundstein gelegt, welcher später in das Bündnis überging. Es gäbe gegen die Rechten kein Patentrezept und es müsse stets eine individuelle Auseinandersetzung geben, so Berg. Der Bürgermeister begrüßt das angesetzte Symposion und den generellen Austausch mit anderen Orten, die ähnlich gelagerte Herausforderungen zu meistern hatten. Die dem Ort und der Bevölkerung vorgeworfene Gleichgültigkeit weist Berg zurück. Man dürfe sich durch Provokationen nicht auseinanderdividieren lassen und vor allem nicht entmutigen lassen. Eschede ist schön und hat tolle Menschen, ist Günter Berg überzeugt. „Eschede ist bunt und es lohnt sich hier zu leben“.

Ralf Müller (IG Metall) beschäftigte sich mit der Frage: „Was ist rassistisch oder chauvinistisch“. Müller zitierte dazu die Nachtgedanken von Heinrich Heine:
„Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht, ich kann nicht mehr die Augen schließen, und meine heißen Tränen fließen. (…) Gottlob! Durch meine Fenster bricht, französisch heitres Tageslicht; Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen, Und lächelt fort die deutschen Sorgen.“
Heine blickte eher mit Abstand auf seine alte Heimat und freute sich schließlich, dass er diesem Traum wieder französisches Sonnenlicht erblickte. Der Dichter glaubte an Freiheit, Gleichheit und Solidarität, die er in dem preußischen Deutschland nicht verortete. Müller stellte sich klar auf die Seite des bürgerlichen Widerstands gegen Rechts und betonte, dass man für seine Werte einstehen sollte.

Marlies Petersen (BgR) verwies auf die Aussage „Dialog statt Hetze“ auf den Wahlplakaten der NPD. Da sich die Mitglieder der NPD jedoch nicht zum Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland bekenne, sei ein Dialog nicht möglich. Petersen machte hingegen auf die angebotenen Aussteigerprogramme aufmerksam, die gezielt Mitglieder der Partei ansprechen. Die NPD stehe nur für Provokationen und selbst die Einmischung im Bürgermeisterwahlkampf habe gezeigt, dass die NPD mit ihrem „parteilosen“ Kandidaten Manfred Dammann, auch überhaupt kein Konzept für den Ort vorgelegen hatte, so Marlies Petersen. Sie begrüßte, dass zumindest die AfD nie in Eschede Fuß fassen konnte und das dennoch knapp über 70 Personen Dammann gewählt hatten, könne durchaus als schlecht einstuft werden.

Nach den Kundgebungen am Bahnhof gab es konnten sich die Teilnehmenden noch einmal sammeln und auf die nun folgende Demonstration des DGB / Netzwerk Südheide gegen Rechtsextremismus vorbereiten. Die Polizei war mit vielen Einsatzkräften vor Ort und beobachte die Lage sehr genau. Am Samstag habe es noch Parallelveranstaltungen in Hamburg und Lüneburg, so waren sich die Einsatzkräfte nicht sicher, ob Teilnehmer nicht noch verzögert anreisen würden.

Pünktlich um 14 Uhr begrüßte Anmelder Dirk Garvels (DGB) alle Demonstrationsteilnehmer. Es haben sich zu dem Zeitpunkt rund 100 Menschen eingefunden, um nun im Anschluss zum NPD-Zentrum zu ziehen. Am „Schweinestall“ gab es jedoch einen kurzen Halt mit einer Zwischenkundgebung.

Wilfried Manneke, Netzwerk Südheide, erinnert an das Reichserntedankfest und die Bedeutung der Bauernschaft im Dritten Reich. Die „Blut und Boden“ Ideologie war fest verwurzelt und zeigte, dass auf dem Reichserntedankfest in Bückeburg mehr Menschen anwesend waren als auf dem Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg. Die Landbevölkerung war erkennbar das Rückgrat für Adolf Hitler. Doch Mannecke erinnerte auch an die „Aktion Erntefest“. Am 3. November 1943 töteten die Nazis in den deutschen Konzentrationslagern auf dem heutigen polnischen Gebiet insgesamt 43.000 Menschen. Diese blutrünstige Aktion ist als schwärzester Tag des Holocaust eingegangen. Wilfried Manneke machte eindringlich darauf aufmerksam, dass auch die Nazis in der heutigen Zeit diese „Feste“ feiern und diese Ideologie von damals vertreten. Die Lage wird auch im Ort Eschede schleichend immer schlimmer, ist Mannecke überzeugt und schließt mit dem Zitat: „Wir haben in unserer Nachbarschaft lieber 1.000 Flüchtlinge, als nur einen Nazi“.

Jürgen Uebel, Bad Nenndorf ist bunt e.V., erinnerte an die „Trauermärsche“ in Bad Nenndorf. Man musste zusammenstehen und insgesamt gut 10 Jahre gegen die Nazis im Ort kämpfen, bis diese sich schließlich nicht mehr blicken ließen. Uebel mahnte jedoch, dass man mit den Rechten nicht verhandeln dürfe. Der Aktivist verwies auf die Jesuitendebatte von Ludwig Thoma:
„Der Fuchs stand vor dem Hühnerstalle, und merkte in der Winternacht, die Einschlupflöcher waren alle, just seinetwegen zugemacht. (…) Kaum war die weise Tat geschehen, war von dem ganzen Hühnerhof, nichts mehr als das Prinzip zu sehen, und Krallen und ein Federschwof“. Uebel wollte mit diesem Gedicht verdeutlichen, dass die angeblichen Gespräche und Diskussionen nur Strohfeuer und Ablenkungsmanöver der Rechten sind. Letztendlich verfolgend diese Leute nur ihr eigenes Ziel. In Bezug auf Eschede verwies Uebel auf die Worte von Manfred Dammann, der die Errichtung eines Kampfgemeinschaftzentrums ankündigte und am besten den ganze Ort Eschede gleich einverleiben würde.

Unter starker Polizeipräsenz ging es nun mit allen Teilnehmenden auf den langen Weg zum NPD-Zentrum. Vor dem Hof hatte die Polizei zuvor Sperrgitter erreichtet, um für mehr Sicherheit zu sorgen. Die Demonstranten zogen alle friedlich daran vorbei. Auf eine motivierte Einzelperson musste zwischenzeitig gut zugeredet werden, trübte aber nicht die generelle friedliche Atmosphäre.

Dirk Garvels betonte, wie wichtig und richtig es sei, dass die Demonstrationen bis zum Hof gingen. So können alle zeigen, dass sie die Einstellung der Mitglieder der NPD nicht tolerieren. Garvels zeigte auf die „verlorenen Seelen“, die abgeschirmt von allem sich auch noch selbst dort eingezäunt haben.
Auf dem angeblichen „ruhigen Hinterland“ sind wieder einmal einhundert Demonstranten gewesen, die nach den Rechten schauten. Mit der Sichtweise, dass selbst dort sich die Rechten einsperren und einzäunen müssen, zeige im Umkehrschluss, dass die NPD hier auch nicht sicher und in Ruhe ihre Zeit verbringen könne.

Michael Müller, NPD, bestätigte die friedliche, aber kurzweilige Aktion vor dem Hof. Müller verwies auf die noch immer andauernden Baumaßnahmen auf dem Hof und den Ambitionen, den Hof nicht nur mit den Feierlichkeiten der Sonnenwendfeiern oder Erntedankfeste zu bespielen. Die NPD möchte weiter die Arbeit vor Ort aufrechterhalten und sogar ausbauen, dazu setze die NPD weiterhin auf einen Diskurs mit den Bürgerinnen und Bürgern in Eschede.

Die an diesem Tag eingesetzten Polizeikräfte rechneten mit mehr Teilnehmern und bezeichnete die stets wechselnden (und, nicht vorhersehbaren) Teilnehmerzahlen als „Wundertüte“. Sicher konnte so jeder Teilnehmer an diesem Tag sein, doch ein kreisender Polizeihubschrauber verwunderte. Diese Maßnahme wäre ein wenig überzogen gewesen, musste aber schließlich selbst von der Polizei am Boden überprüft werden. Der Polizeihubschrauber des Fliegerhorstes Gifhorn befand sich auf einem Übungsflug und war deshalb zufällig über dem Demonstrationszug.

Redaktion
Celler Presse






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