Zum Tod von Marianne Stumpf
Am 4. März verstarb Marianne Stumpf kurz vor Vollendung ihres 88. Lebensjahres. Am vergangenen Ostersamstag wurde sie unter großer Anteilnahme beigesetzt.
Marianne war eine Persönlichkeit der Celler Stadtgesellschaft, hat hier in vielfältiger Weise Spuren hinterlassen, einen Platz gefunden in den Herzen vieler, die sie kannten. Sie war Geschäftsfrau, engagierte sich über viele Jahre kommunalpolitisch, gründete ein „Tapetenmuseum“ und den Verein „Frauenräume“. Ein Foto zeigt sie gemeinsam mit Ursula von der Leyen anlässlich der Eröffnung des MehrGenerationenHauses. Marianne half, als im Jahr 2015 viele Menschen aus anderen Ländern Schutz suchten in der Stadt, deren Zentrum ihr Zuhause war. Für ihr breitgefächertes Engagement erhielt sie das Bundesverdienstkreuz.
Zuletzt gehörte ihre Hingabe der Kultur, sie wandelte die früheren Geschäftsräume „Wandliebe“ in eine Stätte für Lesungen, Musik und Ausstellungen. Häufig zu Gast – ihr Freund Oskar Ansull, anstelle eines Nachrufs hat der Celler Schriftsteller, Lyriker und Rezitator einen Prosa-Text für Marianne verfasst.
Anke Schlicht
Exklusiv in der „Celler Presse“:
Oskar Ansull:
ZWISCHEN NORD- UND SÜDWALL – Ein Papierstreifen für Marianne
Die schmale Gestalt von bald achtundachtzig Jahren, die mir da mit einem großen weißen Briefumschlag in der rechten Hand an einem Herbstvormittag entgegenkommt, geht die Runde Straße mit schnellen, leicht federnden Schritten zur Post, nicht übereilt, konzentriert folgt sie ihrer Spur. Ich erkenne Marianne, die sichtlich geschäftig unterwegs ist, schon von Weitem. Ihr Alter lässt sich nur in den minimalen, kaum wahrnehmbaren Schwankungen im eiligen Dahingehen erahnen. Sie schaut auf den Weg vor sich, blickt nur hin und wieder kurz auf. Sie hat mich noch nicht wahrgenommen. Apart, in elegantes Schwarz gekleidet, gleitet sie zwischen den Passanten dahin, in ihrer schmalen Hose und enganliegenden Kostümjacke mit kleinen, aufgestellten Kragen. „Hallo Marianne“, rufe ich ihr zu, wir sind jetzt nur noch drei, vier Schritte voneinander entfernt. Sie geht noch einen Schritt und blickt dann erst auf, sieht mich, lächelt und fragt verwundert: „Du bist in Celle?“ „Ja, hat sich gestern ergeben. Ich wollte erst nächste Woche hier sein.“ Sie lächelt, und wir reichen uns die Hände. Sie sagt noch gar nichts, schaut nur ganz überrascht. Ich überbrücke und frage: „Bist Du nachher, über Mittag, am Kleinen Plan?“ Sie überlegt einen Moment und spricht jetzt in einem Zuge: „Nein, ich werde nach Hause gehen, aber komm gern vorbei, Du kannst dann mitkommen. Ich mache etwas warm und wir haben Zeit, die Lesung zu besprechen, Plakate und Handzettel sind fertig, Du kannst gleich welche mitnehmen.“
Inzwischen haben wir den Postbriefkasten erreicht, und sie wirft den frankierten Umschlag ein. Wir wechseln nicht mehr allzu viele Worte, sie muss zurück in ihr Museum, gehen zusammen nur ein paar Schritte in Richtung Stechbahn. Es ist Markt und sie will Obst einkaufen. „Bis nachher“, sagen wir fast gleichzeitig, nicken uns zu, und schon taucht sie ins Marktleben, und ich überquere den Schlossplatz.
Zwei Stunden später treffe ich Marianne am Kleinen Plan, gerade als sie die Tür verschließt. Ich nehme ihr den Beutel mit den Einkäufen ab, den sie mir nur zögerlich überlässt. „Ach, der wiegt nicht viel, nur etwas Obst und Kartoffeln.“ Wir gehen plaudernd auf die Fritzenwiese/Ecke Im Kreise zu, die Ampel springt zuvorkommend auf Grün, und wir sind in wenigen Schritten an ihrem Haus, vor den Toren der alten Stadt, zur Blumlage hin. Es ist das zweite Mal, dass ich sie dort besuche. Von der Terrasse hinter dem Haus geht der Blick auf die Baumallee des Ziegeninselweges und weiter zum Fischerdeich. Wir stehen eine Weile auf der Terrasse, und ich denke, wenn ich je wieder in dieser Stadt wohnen sollte, dann nur hier, wo einst Fischer siedelten, die Stadt gab es da längst noch nicht. Diesen Nachmittag erzählen wir von unserem frühen Leben, zum ersten Mal, verlieren uns in unseren Dorfkindheiten, wo wir sommers barfuß herumliefen – sie in Nienhagen und ich einige Kilometer entfernt in Westercelle. Kindheiten, die wir beide jedoch an der uns verbindenden Fuhse verlebt haben, zuzeiten als das Wasser noch von draußen in die Wohnungen reingeholt wurde, von der Pumpe oder aus der Leitung im Hof. Es gab noch das Plumpsklo, wir grinsen uns beide zu und wissen wovon wir schweigen.
Marianne Kammann, ihr rhythmisch-schwingender Mädchenname wurde vor achtzig Jahren in der Grundschule Nienhagen aufgerufen, wo sie mütterlicherseits in der Kramladendynastie der Müllers aufgewachsen, noch in der Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegszeit. In den 1950er Jahren wurde ich als Uwe Kirchhoff in die Westerceller Volksschule eingeschult, da lag der Krieg schon oder erst zwölf Jahre zurück. Wir gehen durchs etwa um 1890 erbaute Haus, in dem ihr Mann vor einigen Monaten gestürzt und an den Folgen gestorben war. Sie lebt nun allein mit den Büchern, Skulpturen und Bildern. Sie zeigt mir die Stelle, eine im offenen Raum frei hinabführende, halbrunde Treppe, an der Heiner gestrauchelt ist. Sie schüttelt sich und klopft auf den Handlauf, den einer ihrer Söhne danach hat anbringen lassen, damit so etwas nicht wieder passiert. Aber, über eine kleine Weile wird es doch passieren, nur nicht an der Treppe. Nebenan, im Esszimmer, wird Marianne mit ihrem Fuß hinter ein Stuhlbein haken und zu Boden stürzen. Nichts kann den Sturz dieser fragilen Gestalt – kurz vor ihrem achtundachtzigsten Geburtstag – schützend auffangen, an dessen Folgen sie sterben wird.
Schon vor Heiners Tod plante sie in dichter Folge Ausstellungen und Lesungen in ihrem Tapetenmuseum und hat sie durchgeführt, mehr als je zuvor. In disziplinierter Geschäftigkeit setzte sie zielstrebig das fort, erweiterte, was sie gemeinsam mit ihrem Mann begonnen hatte und ließ mehr und mehr Welt herein, öffnete die Räume der Papierwege. Es ging über die Seidenstraße bis nach China, und sie sicherte, in der Runden Straße, mit einem Seitenblick, ein zweihundert Jahre altes Stück Tapete aus dem Hause Dr. Thaer, einen Rest. Die Tapetenleserin wusste, es würde ihr nicht mehr viel Zeit bleiben. Jede Veranstaltung in den Räumen am Kleinen Plan war eine Liebeserklärung an das, was ihr ein Leben lang wichtig war. Nicht ohne Hintersinn hieß dieser zwischen Nord- und Südwall in die Stadtmauer gefügte Laden, das kleine Tapetenmuseum – „Wandliebe“.
Berlin-Pankow, März-April 2026
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