Freitag, 11. September 2026

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77 Jahre Luftbrücke und 70 Jahre Luftwaffe: Faßberg verbindet Erinnerung, Gegenwart und Zukunft

Zwei Jubiläen, ein geschichtsträchtiger Standort und ein Tag, der Erinnerung und Gegenwart miteinander verband: In Faßberg wurde am Donnerstag an den letzten Kohleflug der Luftbrücke vor 77 Jahren erinnert und zugleich auf 70 Jahre Luftwaffe am Standort zurückgeblickt. Von der Gedenkveranstaltung am Platz der Luftbrücke über Begegnungen mit Zeitzeugen und einen Rundgang durch die Sonderausstellung bis zu politischen Ansprachen und einem Benefizkonzert spannte sich das Programm über den gesamten Tag.

Erinnerung am Platz der Luftbrücke

Den Auftakt bildete am Vormittag die Gedenkveranstaltung zum 77. Faßberger Luftbrückengedenktag auf dem Platz der Luftbrücke am Rathaus. Bürgermeisterin Kerstin Speder erinnerte daran, welche herausragende Rolle Faßberg während der Berlin-Blockade spielte.

Am 27. August 1949 hatte die letzte Tonne Kohle den Flugplatz Faßberg in Richtung Berlin verlassen. Während der Luftbrücke waren von hier insgesamt rund 539.000 Tonnen Kohle in die eingeschlossene Stadt gebracht worden. Zeitweise verzeichnete der Flugplatz bis zu 450 Starts und Landungen am Tag.

Speder rückte jedoch bewusst nicht allein die beeindruckenden Zahlen und die logistische Leistung in den Mittelpunkt. Entscheidend seien die Menschen und ihre persönlichen Erfahrungen. Unter den Gästen befanden sich mit dem Ehepaar Rohde aus Berlin, Ingrid Cohrs aus Wietzendorf sowie Rosemarie Rosenkranz und Manfred Gerlach aus Faßberg mehrere Zeitzeugen.

Anhand der Erinnerungen des Berliners Dieter Kermas zeichnete Speder nach, was Blockade und Luftbrücke für ein Kind bedeuteten: Stromsperren, Dunkelheit, eine massiv eingeschränkte Versorgung – aber schließlich auch das immer wiederkehrende Geräusch der Transportflugzeuge über Berlin als Zeichen der Hoffnung.

Besonders eindrücklich war die von Speder wiedergegebene Erinnerung Kermas‘ an den Absturz einer Dakota am 25. Juli 1948. Der damals junge Berliner war eigentlich auf dem Weg zur Schule, als Sirenen und amerikanische Jeeps seine Aufmerksamkeit erregten. Eine Transportmaschine war in eine Hausfront gestürzt, beide Piloten kamen ums Leben.

Die Luftbrücke, so wurde deutlich, war eben nicht nur eine der großen logistischen Leistungen der Nachkriegszeit. Sie griff unmittelbar in das Leben von Millionen Menschen ein.

„Ihr seid nicht allein. Wir lassen euch nicht im Stich“, fasste Speder die Botschaft zusammen, die von der Luftbrücke für die eingeschlossenen West-Berliner ausging.

Aus ehemaligen Gegnern wurden Freunde

Mit Blick auf die anwesenden britischen und französischen Gäste erinnerte die Bürgermeisterin zugleich an eine besondere historische Entwicklung. Nur wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg brachten Flugzeuge der ehemaligen Kriegsgegner nicht mehr Bomben nach Deutschland, sondern Lebensmittel, Medikamente und Kohle.

Aus ehemaligen Gegnern wurden Partner und schließlich Freunde.

Diese Verbindung wurde auch durch die internationalen Gäste sichtbar. Unter ihnen waren Wing Commander Gareth Thomas von der Royal Air Force Brize Norton, Colonel Rafael Le Flohic von der Deutsch-Französischen Ausbildungseinrichtung TIGER sowie Keith Orton von der Royal British Legion Bergen-Hohne.

Für die Bundeswehr nahmen unter anderem Oberst Michael Seyda, Kommandeur des Technischen Ausbildungszentrums der Luftwaffe und Standortältester Faßberg, sowie Vertreter weiterer am Standort ansässiger Dienststellen teil.

Speder würdigte zudem Oberstleutnant a. D. Rainer Kruppik und Hauptfeldwebel a. D. Siegbert Tintemann. Ihr Engagement hatte maßgeblich dazu beigetragen, dass die Geschichte der Luftbrücke in Faßberg einen dauerhaften Erinnerungsort erhielt. Die Erinnerungsstätte Luftbrücke wurde am 2. März 1990 eingeweiht und entwickelte sich über die Jahre zu einem Ort, an dem Dokumente, Bilder, Gegenstände und persönliche Erinnerungen bewahrt werden.

„Freiheit und Demokratie sind nicht zum Nulltarif zu bekommen“, zitierte Speder Kruppik. Dieser Gedanke sei heute aktueller denn je.

Musikalisch begleitet wurde die Gedenkveranstaltung von einem Kammerensemble des Luftwaffenmusikkorps Erfurt.

Empfang im Luftbrückenmuseum

Nach dem Gedenken wurde das Programm im Luftbrückenmuseum Faßberg fortgesetzt. Bei einem Empfang für die geladenen Gäste sprachen Oberst Michael Seyda, Kommandeur des Technischen Ausbildungszentrums der Luftwaffe und Standortältester Faßberg, sowie Wing Commander Gareth Thomas von der Royal Air Force Brize Norton.

Anschließend boten Führungen durch das Luftbrückenmuseum Gelegenheit, die Geschichte der Luftbrücke und die besondere Rolle Faßbergs weiter zu vertiefen.

Gerade die Begegnungen zwischen Zeitzeugen, Gästen und Angehörigen der Bundeswehr machten den Charakter des Tages aus. Geschichte sollte nicht allein betrachtet, sondern weitererzählt werden.

Dass diese Vermittlung besonders junge Menschen erreichen soll, zog sich als roter Faden durch den gesamten Veranstaltungstag.

70 Jahre Luftwaffe am Standort Faßberg

Am Nachmittag rückte das zweite Jubiläum stärker in den Mittelpunkt. Vor genau 70 Jahren hatte die Royal Air Force den Fliegerhorst Faßberg an die neu aufgestellte deutsche Luftwaffe übergeben.

Im ehemaligen Offizierscasino auf dem Fliegerhorst informierte die Sonderausstellung „70 Jahre Luftwaffe“ über diese Entwicklung und die Geschichte des Standortes. Zu den Besuchern des Rundgangs gehörten Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens, der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages Henning Otte, der Landtagsabgeordnete Jörn Schepelmann, die Bürgermeisterinnen Kerstin Speder und Katharina Ebeling sowie weitere Gäste. Fachkundig begleitet wurde der Rundgang unter anderem von Thomas Schmitz als Historiker des Luftwaffenmuseums in Potsdam.

Anschließend versammelten sich die Gäste im Garten des ehemaligen Offizierscasinos zum offiziellen Teil vor dem Konzert.

Behrens: Sicherheit ist keine Selbstverständlichkeit

Innenministerin Daniela Behrens schlug in ihrer Ansprache den Bogen von der historischen Solidarität während der Luftbrücke zur heutigen sicherheitspolitischen Situation.

Faßberg sei ein besonderer Ort für die Geschichte der Bundesrepublik und der Bundeswehr. Die Luftbrücke zeige, was möglich werde, wenn Menschen füreinander einstehen. Gerade in der heutigen Zeit sei diese Erfahrung wieder von Bedeutung.

Behrens sprach über hybride Bedrohungen, Sabotage, Spionage, Desinformation und Drohnensichtungen. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine habe sich die Sicherheitslage grundlegend verändert. Freiheit, Frieden und Wohlstand seien keine Selbstverständlichkeiten.

Ausdrücklich dankte sie den Soldatinnen und Soldaten für ihren Dienst und ihre Bereitschaft, für die äußere Sicherheit und die Verteidigung der Demokratie einzustehen.

Niedersachsen verstehe sich als „Bundeswehrland Nummer eins“, betonte die Ministerin. Die Zusammenarbeit zwischen Bundeswehr, Land, Kommunen, Polizei, Sicherheitsbehörden, Wirtschaft und Wissenschaft müsse angesichts der aktuellen Herausforderungen weiter intensiviert werden. Dabei verwies sie auch auf den Operationsplan Deutschland.

Faßberg spiele innerhalb dieser Strukturen eine wichtige Rolle, insbesondere durch Ausbildung und Weiterbildung.

Otte: „Frieden erwächst aus Stärke“

Auch der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Henning Otte, erinnerte zunächst an die besondere Bedeutung Faßbergs während der Luftbrücke.

Was wäre aus den Menschen in Berlin geworden, fragte Otte, wenn die Versorgung aus der Luft nicht mit enormer Leistungsbereitschaft unterstützt worden wäre? Die Luftbrücke sei ein Zeichen von Mitmenschlichkeit, Unterstützung und Kameradschaft gewesen.

Zugleich richtete Otte den Blick auf die aktuelle Sicherheitslage. Europa sehe sich einem Aggressor gegenüber, der die Freiheit frontal angegriffen habe. Neben militärischer Aufrüstung gehe es um hybride Kriegsführung, Sabotage, Spionage und Propaganda.

Dem müsse eine starke Demokratie entgegentreten. Auch jeder einzelne Staatsbürger sei gefordert, sich für Freiheit und Demokratie einzusetzen.

Für die Soldatinnen und Soldaten brauche es neben einer guten materiellen Ausstattung auch Betreuung und seelischen Beistand. Die Anwesenheit so vieler Menschen bei der Veranstaltung sei zugleich eine sichtbare Rückendeckung für die Truppe.

Otte fasste seine Botschaft schließlich in zwei Sätzen zusammen: „Frieden erwächst aus Stärke“ und „Gemeinsam sind wir stark“.

Heideseekonzert kommt in diesem Jahr nach Faßberg

Mit dem anschließenden Benefizkonzert erhielt der Tag einen musikalischen Schwerpunkt. Das traditionelle Heideseekonzert, das üblicherweise in Müden stattfindet, wurde anlässlich der beiden historischen Jahrestage in diesem Jahr nach Faßberg verlegt.

Im Garten des ehemaligen Offizierscasinos gastierte das Luftwaffenmusikkorps Erfurt unter der Leitung von Oberstleutnant Dr. Tobias Wunderle.

Paul Hicks zeigte sich erfreut darüber, dass gerade zu diesem Anlass ein Luftwaffenmusikkorps in Faßberg spielte – und konnte sich einen augenzwinkernden Seitenhieb auf die Heeresmusikkorps nicht verkneifen: Auch diese spielten schöne Musik, meinte Hicks, „aber es gibt ja schönere Musik“.

Bürgermeisterin Kerstin Speder erinnerte daran, dass das traditionelle Benefizkonzert bereits zum 43. Mal veranstaltet wird. Seine Wurzeln reichen in eine Zeit zurück, als zunächst niederländische Musikkorps in der Region auftraten. Später wurde die Tradition mit verschiedenen Heeres- und Luftwaffenmusikkorps und einem karitativen Zweck fortgeführt.

Konzert unterstützt Erinnerungs- und Bildungsarbeit

Der Benefizgedanke verbindet das Konzert unmittelbar mit der Geschichte des Tages. Während der Pause wurden die Besucher um Spenden gebeten.

Die Einnahmen kommen jeweils zur Hälfte dem Förderverein für die Erinnerungsarbeit rund um das Luftbrückenmuseum und dem Bildungsfonds Luftbrücke der Gemeinde Faßberg zugute.

Mit dem ersten Anteil sollen unter anderem Projekte des Museums und Angebote für Kinder und Jugendliche unterstützt werden. Hicks verwies dabei auf Luftbrücken-AGs, Berlinfahrten und weitere Projekte zur Geschichtsvermittlung.

Speder erläuterte den zweiten Spendenzweck. Der Bildungsfonds Luftbrücke Gemeinde Faßberg unterstützt Bildungsprojekte von Schulen sowie Initiativen von Vereinen und Verbänden aus der Gemeinde. In der Vergangenheit konnten daraus beispielsweise Projektfahrten von Grundschulkindern nach Berlin finanziert werden.

Die Kinder kämen von diesen Fahrten „mit strahlenden Augen“ zurück und hätten anschließend einen neuen und vor allem persönlichen Bezug zur Geschichte der Luftbrücke, berichtete Speder.

Da die Mittel des ausschließlich aus Zuschüssen, Sponsoring und Spenden finanzierten Fonds inzwischen nahezu aufgebraucht seien, warb sie um Unterstützung. So werde aus dem Erinnern zugleich eine Investition in die nächste Generation.

Britische Verbundenheit bleibt lebendig

Auch Wing Commander Gareth Thomas machte deutlich, dass die Verbindung zwischen Faßberg und den britischen Streitkräften keine ausschließlich historische ist.

Er dankte für die Gastfreundschaft und sprach von einem besonderen Anlass. Die britischen Gäste seien außerordentlich herzlich aufgenommen worden. Für die Angehörigen der Royal Air Force sei es etwas Besonderes, an diesem Tag wieder in Faßberg zu sein.

Oberst Michael Seyda würdigte diese Verbundenheit anschließend mit einer besonderen Geste. Er überreichte Thomas ein in der Ausbildungswerkstatt in Faßberg handgefertigtes Präsent. Seyda stellte die Übergabe ausdrücklich in den Zusammenhang von Dankbarkeit, Respekt und Freundschaft.

Damit wurde noch einmal sichtbar, was sich durch den gesamten Tag zog: Aus einer dramatischen Episode der Nachkriegsgeschichte ist eine über Jahrzehnte gewachsene Partnerschaft entstanden.

Vom Gedenken zum gemeinsamen Feiern

Nach dem Benefizkonzert war der Veranstaltungstag noch nicht beendet. Ab 20 Uhr schloss sich am Luftbrückenmuseum ein Fest anlässlich des 70-jährigen Bestehens des Deutschen BundeswehrVerbandes an. Die Standortkameradschaft Faßberg lud zum geselligen Beisammensein mit Musik ein; für Live-Musik sorgten Fox Wiggle & Sass.

So führte der Tag vom stilleren Gedenken am Platz der Luftbrücke über Zeitzeugengespräche, historische Rückblicke und aktuelle sicherheitspolitische Fragen schließlich zu Musik und Begegnung.

Was dabei am Vormittag wie am Abend immer wieder deutlich wurde: Die Erinnerung an die Luftbrücke ist in Faßberg keine abgeschlossene Geschichte. Sie wird weitergegeben – durch Zeitzeugen, durch das Museum, durch Bildungsprojekte und nicht zuletzt durch die Begegnung mit den heutigen britischen und französischen Partnern.

Oder, wie Kerstin Speder es beim Gedenken formulierte: „Faßberg erinnert sich nicht nur an die Luftbrücke. Faßberg lebt diese Verbindung weiter.“

Redaktion
Celler Presse
Foto: Celler Presse