Wietze in Müden wieder frei: Projekt stellt sich Landesjury
Wo über lange Zeit ein alter Aalfang den Lauf der Wietze unterbrach, können Fische heute wieder flussaufwärts wandern. Bis es so weit war, vergingen allerdings Jahre. Den Anstoß für das Projekt gab der Förderkreis NaturHeimat Müden/Örtze e.V., der sich seit 2017 mit der Anlage beschäftigte. Am Mittwoch stellte der Verein die „Wiederherstellung der ökologischen Durchgängigkeit der Wietze am Aalfang in Müden/Örtze“ einer siebenköpfigen Fachjury vor. Das Vorhaben gehört zu zwölf Projekten, die beim niedersächsischen Gewässerwettbewerb „Bach im Fluss 2026“ für die Bereisung ausgewählt wurden. Insgesamt waren 31 Beiträge eingereicht worden.
















Volker Tewes, Volker Nickel, Astrid Baarck, Thomas Wind, Hans-Jürgen Spreitzer und Sonja Adam (v. l.) begleiteten das Projekt in unterschiedlichen Funktionen von der Planung bis zur Umsetzung. Projektverantwortlicher Hans-Jürgen Dralle konnte beim Termin nicht dabei sein.
Der Termin führte die Fachleute auf den Peetshof der Familie Tewes. Dort erläuterten der Vorsitzende des Förderkreises, Volker Nickel, die Wasserbauingenieurin Astrid Baarck vom Ingenieurbüro IWAB und Sonja Adam, Verbandsvorsteherin des Unterhaltungsverbandes Örtze, wie aus dem zunächst anders gedachten Vorhaben schließlich eine Kombination aus Gewässerentwicklung und Vermittlung der örtlichen Geschichte wurde. Die eigentliche Baumaßnahme betrifft einen rund 400 Meter langen Abschnitt der Wietze.
Aus einem Hindernis wird ein durchgängiger Bachlauf
Der entscheidende Punkt liegt unmittelbar im Gewässer: Der historische Aalfang mit seiner Stauanlage stellte ein Wanderhindernis dar. Die Wietze mündet unweit des Projektbereichs in die Örtze. Nach Angaben von Baarck hatte die alte Anlage zur Folge, dass das oberhalb gelegene Einzugsgebiet für aufsteigende Fische nicht erreichbar war.
„Ein Sohlabsturz ist immer ein Wanderhindernis“, erklärte Baarck beim Rundgang. Mit dem Rückbau sei deshalb nicht lediglich ein altes Bauwerk entfernt worden. Ziel sei gewesen, die ökologische Durchgängigkeit wiederherzustellen und zugleich einen strukturreicheren Gewässerabschnitt zu schaffen.
Die schließlich umgesetzte Lösung unterscheidet sich dabei von früheren Planungen. Statt einer durchgehenden Sohlgleite wurde ein Beckenpass angelegt. Auf dem Abschnitt wurden acht Riegel beziehungsweise Sohlschwellen eingebaut. Sie teilen den Höhenunterschied von insgesamt etwa 40 bis 50 Zentimetern in kleinere Stufen von rechnerisch rund fünf Zentimetern auf.
Durch Öffnungen in den Riegeln soll die Passage auch für die Fischarten möglich sein, die natürlicherweise in diesem Gewässer vorkommen. Gleichzeitig entstehen zwischen den Querstrukturen ruhigere Bereiche. Sonja Adam erläuterte, dass damit nicht nur die Durchgängigkeit hergestellt, sondern zugleich eine Beckenstruktur geschaffen worden sei, die unterschiedliche Strömungsverhältnisse ermöglicht.
Auch die offiziellen Wettbewerbsunterlagen führen für das Müdener Projekt neben dem Umgehungsgerinne einen Beckenpass aus Holz und Findlingen, Totholz zur Habitatverbesserung, Strömungslenker, Kies sowie die Entfernung von Spundwänden auf.
Holz, Kies und Findlinge bringen Struktur in die Wietze
Bei der Planung ging es deshalb nicht allein darum, Fischen einen Weg am ehemaligen Aalfang vorbeizuschaffen. Baarck legte nach eigenen Angaben Wert darauf, unterschiedliche Strukturen in den Bach einzubringen. Verwendet wurden unter anderem Totholz, Kies und Findlinge. Weiter oberhalb entstanden Kiesbänke und Buhnen, zusätzliche Holzelemente beeinflussen dort die Strömung.
Ein weiterer Gesichtspunkt war der Wasserstand. Insbesondere während längerer Trockenperioden sollte das Oberwasser nicht unnötig abgesenkt werden. Damit sollte verhindert werden, dass sich Veränderungen des Wasserspiegels negativ auf das angrenzende Grundwasser auswirken. Gleichzeitig musste die Anlage so bemessen werden, dass auch Hochwasser abgeführt werden kann.
Während der Bauarbeiten wurden die Wasserstände deshalb immer wieder kontrolliert. Nach Fertigstellung hatte die Anlage bereits Gelegenheit, sich bei höheren Wasserständen zu bewähren.
Für die praktische Umsetzung war Thomas Wind mit seinem Unternehmen für Forst- und Gewässerbau aus dem Landkreis Rotenburg (Wümme) verantwortlich. Rund drei Wochen dauerten die eigentlichen Arbeiten. Beim Rückbau der alten Anlage kam nach Angaben der Beteiligten auch Bauschutt zum Vorschein, der zunächst entfernt werden musste.
Die ersten Überlegungen reichen bis 2015 zurück
Wie lang der Weg bis zur heutigen Gestaltung war, machte Volker Nickel vor der Jury deutlich. Bereits 2015 gab es Überlegungen, den Aalfang umzubauen. Damals beschäftigte sich die Gemeinde Faßberg mit dem Thema. Das damalige Vorhaben wurde jedoch nicht umgesetzt.
Ab 2017 nahm sich der Förderkreis NaturHeimat Müden/Örtze des Projekts an. Hans-Jürgen Dralle, der den Verein bei der Projektentwicklung über Jahre begleitete und eine umfangreiche Chronologie erstellte, konnte am Mittwoch aus privaten Gründen nicht am Termin teilnehmen.
Eine besondere Schwierigkeit bestand darin, zwei Ziele miteinander zu verbinden: Einerseits sollte die Wietze ökologisch durchgängig werden, andererseits wollte der Förderkreis die Erinnerung an den historischen Aalfang bewahren. 2019 wurde deutlich, dass ein Wiederaufbau der Anlage direkt im Fluss unter anderem mit Blick auf Hochwasser nicht infrage kam. Im Januar 2020 wurde der Aalfang schließlich aus der Denkmalschutzliste gestrichen.
Das Projekt wurde daraufhin geteilt. Im Gewässer sollte die Durchgängigkeit Vorrang erhalten. Die Geschichte des Aalfangs sollte dagegen an Land sichtbar bleiben.
Förderverfahren zog sich über mehrere Jahre
Auch die Finanzierung und die erforderlichen Genehmigungen beschäftigten den Verein über Jahre. Anfang 2021 zeichnete sich eine Förderung durch den Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) ab. Zunächst war eine Förderung von 90 Prozent vorgesehen. Für den verbleibenden Eigenanteil wurden weitere Finanzierungsmöglichkeiten gesucht.
Später änderten sich die Voraussetzungen: Die wasserbaulichen Maßnahmen konnten schließlich vollständig über den NLWKN finanziert werden. Nach Angaben des Förderkreises wurden rund 38.000 Euro für die Planung und zuletzt 141.600 Euro für die Umsetzung bewilligt. Die Chronologie zeigt, dass der Umsetzungsantrag zunächst mit rund 134.100 Euro kalkuliert und im März 2026 aufgrund zusätzlicher Kosten auf 141.600 Euro erhöht wurde.
Im August 2023 lag die wasserrechtliche Genehmigung nach Paragraf 68 Wasserhaushaltsgesetz vor. Im April 2024 kam die Zusage, das Projekt in das Bauprogramm aufzunehmen. Nach weiteren Änderungen an der Planung wurde der geänderte Plan im September 2025 vom Landkreis Celle genehmigt. Im November 2025 begannen schließlich die Arbeiten in der Wietze, im Dezember waren sie im Wesentlichen abgeschlossen.
Alter Aalfang bleibt als Modell erhalten
Dass das historische Bauwerk aus dem Fluss verschwunden ist, bedeutet allerdings nicht, dass auch seine Geschichte verschwindet. In unmittelbarer Nähe wurde der Aalfang im Maßstab 1:2 als Anschauungsmodell neu errichtet. Infotafeln erläutern unter anderem die frühere Funktionsweise des Fischfangs, die Geschichte der Anlage und die Veränderungen an der Wietze.
Projektträger dieses Bereichs ist ebenfalls der Förderkreis NaturHeimat Müden/Örtze in Zusammenarbeit mit der Familie Tewes. Die Informationstafel am Modell nennt unter anderem das Ingenieurbüro IWAB für Planung und Renaturierung, Thomas Wind für die Umsetzung im Gewässer, Garnet Grünhagen von STADTLANDLINE Kulturlandschaft für Inhalt und Gestaltung der Informationstafeln sowie weitere beteiligte Unternehmen.
Für diesen Teil des Vorhabens standen nach Angaben des Förderkreises 30.000 Euro von der Volksbank-Stiftung beziehungsweise beteiligten Volksbanken zur Verfügung. Der ursprünglich beantragte Umfang für das Anschauungsprojekt lag bei rund 35.000 Euro.
Damit können Besucher künftig an einem Ort nachvollziehen, warum die historische Anlage einst existierte und weshalb sie aus ökologischen Gründen nicht wieder an ihrer ursprünglichen Stelle im Fluss errichtet wurde. Die offizielle Einweihung des Anschauungsbereichs ist für Montag, 24. August, vorgesehen. Dann soll die Anlage über einen eigenen Zugang auch für die Öffentlichkeit erreichbar sein.
Sieben Fachleute nehmen das Projekt unter die Lupe
Am Mittwoch ging es jedoch zunächst um die Bewertung im Landeswettbewerb. Zur siebenköpfigen Jury gehören Sven Henze vom Landkreis Holzminden, Mareike Horn vom Fachdienst Naturschutz der Stadt Oldenburg, Marc Schewski von der Gemeinde Hilter am Teutoburger Wald, Dr. Jens Salva vom Angelfischerverband im LFV Weser-Ems, Franziska Wosniok vom Niedersächsischen Ministerium für Umwelt, Energie und Klimaschutz, Dr. Thomas Ols Eggers vom Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz sowie Melanie Bruns vom Gewässer- und Landschaftspflegeverband Mittlere Leine.
Die Experten schauen dabei nicht nur darauf, ob Fische eine neue Passage erhalten haben. Hauptkriterium ist die Verbesserung der ökologischen Situation im und am Gewässer. Hinzu kommen unter anderem die fachliche Ausführung, die hydrologische Entwicklung, Artenschutz und Biotopvernetzung. Ebenfalls berücksichtigt werden Öffentlichkeitsarbeit und Umweltbildung, die Zusammenarbeit verschiedener Akteure, Finanzierung, touristische Gesichtspunkte und der Umgang mit historischen Elementen.
Das passt in Müden zu der Zweiteilung des Projektes: Während die Wietze selbst wieder durchgängig geworden ist, vermittelt das Modell wenige Meter entfernt die Geschichte des früheren Aalfangs.
Müden ist eines von zwölf Projekten in Niedersachsen
Die Müdener Wietze war die elfte Station der dreitägigen Juryreise durch Niedersachsen. Von Montag bis Mittwoch wurden zwölf Projekte begutachtet – von der Schunter bei Braunschweig über Gewässer im Raum Osnabrück und Emsland bis zur Fintau, zur Wietze und zur Westaue. Für Müden war der Besuch am Mittwoch um 13.05 Uhr angesetzt.
Der Wettbewerb „Bach im Fluss“ wird 2026 zum neunten Mal ausgerichtet. Er soll Projekte bekannt machen, die zur Entwicklung naturnaher Fließgewässer beitragen, und sowohl ehrenamtliches als auch hauptamtliches Engagement berücksichtigen. Vergeben wird die „Niedersächsische Bachperle“ jeweils in den Kategorien Ehrenamt und Hauptamt; hinzu kommt ein Sonderpreis der Niedersächsischen Bingo-Umweltstiftung.
Ob das Projekt aus Müden eine Auszeichnung erhält, entscheidet die Jury erst nach Abschluss ihrer Bereisung. Fest steht bereits: Nach jahrelanger Planung ist aus dem früheren Hindernis in der Wietze ein durchgängiger Gewässerabschnitt geworden – während die Geschichte des Aalfangs an Land weiterhin sichtbar bleibt.
Redaktion
Celler Presse
Foto: Celler Presse
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