„Willkommen in Deutschland!? – Wege der Integration“

CELLE. 4.150 Menschen leben in Celle ohne deutschen Pass. In den letzten drei Jahren sind 400 Neubürger aus anderen Ländern nach Celle gekommen. Bundesweit hat jeder 5. Bürger ausländische Wurzeln und ist irgendwann nach Deutschland gekommen, und somit sei Deutschland ein Einwanderungsland. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Kirsten Lühmann hatte zu einer Integrationsdiskussion zur Klärung der Fragen: Was haben wir getan? Was erwarten wir von den Neubürgern? Was erwarten die Neubürger von uns? eingeladen.

Es sollte eine sachliche Bestandsaufnahme sein, schließlich sei das Thema von Extremen der Befürworter und Kritiker geprägt: Auf der einen Seite die „ressentimentverblendeten Fremdenfeinde“, auf der anderen Seite die „multikultiverzückten Sozialromantiker“. Letztendlich war es eine Bestandsaufnahme ohne Gegenposition, eine Diskussion, die zwar Dauerprobleme aufzeigte, die jedoch mit dem Fazit endete: „Das Glas ist halbvoll. Es hat sich viel getan in Deutschland in den letzten 15 Jahren, egal wer an der Regierung war.“ So schätzt der Bundestagsabgeordnete Dr. Karamba Diaby die aktuelle Situtation ein; er selbst stammt aus dem Senegal und ist 1985 als Student nach Deutschland gekommen. Kirsten Lühmann hat Diaby aus dem Wahlkreis Halle/Saale für das Podium gewonnen, schließlich ist er als stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe und durch den eigenen Migrationshintergrund für das Thema kompetent.

Diaby sprach sich für die Lockerung der Residenzpflicht im Landkreis aus. Im Koalitionsvertrag sei eine freie Bewegung im Bundesland oder sogar im Bund vorgesehen. Er forderte eine Personalaufstockung in den Ausländerbehörden zur beschleunigten Bearbeitung der Asylverfahren. Auf gutem Weg sei die Abschaffung des Optionszwangs bei der Staatsbürgerschaft. Außerdem müssten ausländische Berufsabschlüsse anerkannt werden, vorgesehen seien Maßnahmen zur Anpassungsqualifizierung. Diaby setzt sich für die Stärkung der Willkommenskultur ein; so sollte die Ausländerbehörde in „Willkommensbehörde“ umbenannt werden. Es müssten mehr Migranten in den öffentlichen Dienst eintreten. Während 20 % der Bevölkerung einen Migrationshintergrund habe, seien im Bundestag nur 5 % vertreten, das sei schon ein Fortschritt, zuvor waren es 3,5 %. Seiner Erfahrung nach werden Bewerber mit türkischen Namen häufig abgelehnt. Es müssten mehr junge Menschen die Chance für eine Ausbildung bekommen, z. B. durch das anonymisierte Bewerbungsverfahren.

Karamba Diaby hob die Wichtigkeit der deutschen Sprachkenntnisse hervor: „Auch wenn man die deutsche Sprache kann, bleiben manche Türen zu. Wenn man die Sprache nicht kann, bleiben alle Türen zu.“ Die Sprache sei auch eine Brücke zwischen der Mehrheitsgesellschaft und der Migrationsgesellschaft. Rassismus, so Diaby, sei ein Hindernis für die Integration. Rassismus fange am Stammtisch an; er müsse auf allen Ebenen bekämpft werden. Zudem müsse sich das politische und mediale Klima ändern, um über das Thema diskutieren zu können.

Mit auf dem Podium saßen Rindi Yalti und Ferfhun Emer, die eindringlich ihre Zuwanderungsgeschichte erzählten. Es war ein langer mit Hindernissen behafteter Weg. Rindi Yalti hob die Bedeutung der Kulturvereine hervor. Selbst 2. Generation der Zuwanderer, verspricht sie der 3. Generation: „Was wir nicht gekonnt haben, wollen wir Euch ermöglichen.“

In der Diskussion wurden die geringen Möglichkeiten einer Teilhabe angesprochen, zumal Asylbewerber auch keiner Arbeit nachgehen dürfen. Ein Beitrag hob noch einmal die Wichtigkeit der Sprachkenntnisse hervor: „Jeder, der in Deutschland leben will, muss einen Deutschkurs kriegen und muss teilnehmen.“ Reklamiert wurde die Bearbeitung der Anträge auf Gemeinnützigkeit von Vereinen. Das ziehe sich zu lange hin, so dass Integrationsarbeit auf diesem Wege nicht geleistet werden könne. Auch werden für Vereinstätigkeiten Räume gesucht.

Gerald Sommer, der rot/grüne Kandidat für die Landratswahl am 25. Mai, schlug vor, für die Integrationsarbeit Netzwerke zu knüpfen. Bei den Jungen sei das einfach mit Fußball zu lösen. Man solle das Thema Integration nicht aufgeben sondern aufeinander zugehen. Auch könne der Kreissportbund Lösungen anbieten. Maximilian Schmidt, SPD-Landtagsmitglied forderte einen Mentalitätswechsel in der Bevölkerung. Die Freizügigkeit in Europa sei kein Problem sondern sehr wichtig, insbesondere für den Landkreis Celle, in dem die Bevölkerungszahl zurückgehe. Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende forderte ein anderes Miteinander; derzeit seien durch gesetzliche Vorgaben evtl. wieder Abschiebungen möglich. Zum Thema Bewerbungsverfahren wies Mende darauf hin, dass es auch bei den Vornamen „Kevin“ und „Chantal“ Vorbehalte gebe. In der Stadt werde das Thema ernstgenommen, zumal auch mit dem anonymisierten Bewerbungsverfahren gute Erfahrungen gemacht wurden.

Ein Besucher hatte wohl den Nagel auf den Kopf getroffen: Die Politik habe versagt, bei der ersten Generation zu integrieren und die Neubürger mit unserer Lebenswelt und Sprache vertraut zu machen. Dann gäbe es heute unter ihnen nicht nur Handwerker sondern auch Akademiker.

Redaktion
Celler Presse

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