Lesung in der Stadtbibliothek: Vor 100 Jahren wurde im Rathaus Celle die Volksbücherei eröffnet

CELLE. Vor 100 Jahren, 1914, ist im Celler Rathaus die erste öffentliche Volksbücherei mit Lesehalle eröffnet worden. Aus diesem Anlass hatte die Bibliotheksgesellschaft Celle jetzt gemeinsam mit der Stadtbibliothek Celle zu einer Literaturlesung eingeladen mit Hermann Wiedenroth, Antiquar aus Bargfeld. Der Vortragsraum in der Stadtbibliothek war mit 60 Zuhörern rasch gefüllt. Ein breitgefächertes Literaturangebot erwartete sie.

Petra Moderow, Leiterin der Stadtbibliothek, schilderte in ihrer Begrüßung die Entwicklung von 1931 an, als die Bücherei mit einem Bestand von 1.875 Büchern von der Stadt erstmals eine fachliche Leitung für die fortan benannte “Städtische Volksbücherei” erhielt. Mehr als 133.000 Medien unterschiedlichster Art befinden sich aktuell in der Stadtbücherei. Einige wenige Bücher des ursprünglichen Bestandes sind noch vorhanden. Wie Petra Moderow ausführte, ist die Stadtbibliothek immer mit der Zeit gegangen, war 1985 gar eine der ersten Bibliotheken bundesweit, die Videos anbot. Nach einer rasanten Entwicklung kam 2012 der Verleih von ebookReadern dazu. Moderow: “Die Bibliotheksgesellschaft unterstützt uns in unseren Bemühungen um Leseförderung und ist unsere wichtigste Partnerin. Ohne die finanzielle Unterstützung für Sitzmöbel trechnische Ausstattung, Werbematerialien und moderne Bibliotheksausweise wäre das alles nicht realisierbar gewesen.

Für die Bibliotheksgesellschaft skizzierte Dr. Elke Haas die Situation Celles vor dem I. Weltkrieg: eine Stadt von 25.000 Einwohnern, mit rasanter wirtschaftlicher und technischer Entwicklung, mit Industriebetrieben, mit gut ausgestatteten Schulen, aber auch mit einer wachsende Zahl von Industriearbeitern. 20.000 Menschen verfügten nur über ein sehr geringes Einkommen.
Ab 1911 setzte sich Dr. Carl Töwe, der Direktor des Lyceums, das gerade den Namen der Kaiserin Auguste Viktoria erhalten hatte, für die Einrichtung einer Volksbücherei „für alle Volksschichten“ ein. Nach drei Jahren hatte er den Magistrat und die Bürgervorsteher überzeugt. Am 13. Mai 1914 war es soweit: In einem Raum des Rathauses wurde die „öffentliche Bücherei und Lesehalle“ eröffnet. Träger war ein Verein, der sich auch um andere Angelegenheiten des Gemeinwohls kümmerte. Bücher kamen von Spendern sowie von einem wissenschaftlichen Leseverein, und betreut wurde die Bücherei von ehrenamtlich tätigen Lehrern. Jedermann konnte Bücher ausleihen und während der Öffnungszeiten in der Lesehalle Zeitungen und Zeitschriften lesen. Die Stadt steuerte den Raum im Rathaus bei und stellte auch Haushaltsmittel für neue Bücher zur Verfügung.

Von dem damaligen Buchbestand ist noch einiges in der Schatzkammer der heutigen Stadtbibliothek vorhanden. Aus diesen Büchern las der bekannte Rezitator Hermann Wiedenroth, und er fügte noch einige Texte aus der Zeit hinzu, die 1914 erschienen waren und in der Volksbücherei hätten stehen können. Zum großen Vergnügen bot Wiedenroth Unterschiedlichstes dar. Ein Amerikaner hatte deutsche Statistiken zu Rate gezogen und meinte, in Deutschland gebe es zu viele Autoren, aber zu wenige öffentliche Bibliotheken. Derselbe Autor hatte sich der Situation der Frau in Deutschland angenommen. Eine Passage aus einem Fortsetzungsroman der Celleschen Zeitung von 1914, der die Begeisterung der Zeit für Heimatromane bediente: „Der Geiger vom Birkenhof. Ein Heideroman“, las Wiedenroth zum Ergötzen der Zuhörer so, dass die Trivialität in jedem Wort zu hören war. Damit wechselten sich ernste Gedichte von Fontane („Die arme Else“) und Annette von Droste-Hülshoff („Haidemann“) ab. Und Wiedenroth durchlebte die Texte, las mit voller Hingabe und zog die Zuhörer in den Bann.

Ein Gedicht aus dem 18. Jahrhundert von Gellert („Der unsterbliche Autor“) stellte in grandioser Ironie die Vergänglichkeit des literarischen Ruhms dar. Gustav Freytag nahm sich in seinem Lustspiel „Die Journalisten“ der Manipulation der öffentlichen Meinung durch die Presse an, und Tucholsky ironisierte die Veröffentlichung des Reimlexikons im Reclam-Verlag, mit dessen Hilfe jedermann die schönsten Gedichte zu verfertigen eingeladen wurde. Wiedenroth spottete mit großem Stimmtalent mit.
Zum Schluss trug er Ausschnitte aus dem Themenbereich „ferne Länder“ vor, die für viele Zeitgenossen Sehnsuchtsorte waren: einen Abschnitt aus der Reisebeschreibung Washington Irvings „Alhambra“ und einen aus Friedrich Gerstäckers Abenteuerroman „Die Regulatoren in Arkansas“. Hier konnte sich der Rezitator noch einmal als Meister gegensätzlicher Stile zeigen: Romantik in jenem und sarkastische Spottlust in diesem Stück Literatur.

Beim Publikum nahm die Neigung zu, wieder einmal im Bücherschrank oder in der Stadtbibliothek nach bestimmten Titeln zu suchen. In seinen Dankesworten würdigte Jürgen Brandes, Vorsitzender der Bibliotheksgesellschaft, die exzellente Präsentation der Texte durch Hermann Wiedenroth und unterstrich die Bedeutung Öffentlicher Bibliotheken für die Bildung, für Jung und Alt.
Abschließend kündigte Dr. Lothar Haas an, die Bibliotheksgesellschaft werde demnächst unter dem Motto „100 Jahre – 100 Leseausweise“ für Schülerinnen und Schüler ab 14 Jahre, die noch keinen Leseausweis haben, 100 kostenlose Leseausweise für ein Jahr zur Verfügung stellen. Damit werde ein zusätzlicher Anreiz geschaffen, die Stadtbibliothek als Ort der Bildung zu nutzen.

PR/Redaktion
Celler Presse
Fotos: CP

 

 

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