Donnerstag, 11. Juni 2026

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Gedenken an die Opfer des Massakers von Celle

CELLE. Heute vor 70 Jahren wurde durch einen Luftangriff auf den Celler Güterbahnhof ein sogenannter „Räumungstransport“, der Insassen des KZ Salzgitter-Drütte nach Bergen-Belsen transportieren sollte, getroffen. Zur Erinnerung an die Ereignisse fanden heute Gedenkveranstaltungen am Gräberfeld auf dem Waldfriedhof und am Mahnmal in den Triftanlagen statt. Auf dem Gräberfeld sind 320 Kriegstote beigesetzt, darunter auch Opfer der Massaker vom 8. und 9. April 1945.

Obwohl es durch das Bombardement viel Opfer gab, konnten viele Kinder, Frauen und Männer in das umliegende Celler Stadtgebiet sowie das Neustädter Holz flüchten. Während sie dort nach Schutz und Nahrung suchten, führten Polizei, SS und Wehrmacht eine Durchkämmungsaktion zur Festsetzung der versprengten Personen durch, bei der sie bereitwillig von Celler Gruppen des Volkssturms und anderen Zivilisten unterstützt wurden. In den kommenden drei Tagen fielen der euphemistisch als „Celler Hasenjagd“ bezeichneten Menschenjagd mindestens 300 weitere Personen durch Erschießen und Erschlagen zum Opfer, während andere nach Bergen-Belsen zu Fuß weitergetrieben oder in einem improvisierten Konzentrationslager in Celle interniert und dort sterbend und ohne Versorgung sich selbst überlassen wurden.

„Lange war es sehr schwierig, in Celle über diesen dunklen Teil der Stadtgeschichte zu sprechen und zu forschen“, so Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende in seiner Gedenkrede. Das habe auch mit Scham zu tun gehabt, und man habe lieber vergessen wollen. Vergessen sei jedoch nicht der richtige Weg, so der Oberbürgermeister und weiter: „Wir wissen, dass die Dinge beim Namen genannt werden müssen.“ Erst vor 23 Jahren war es möglich, das Gedenken an diese Taten in Celle öffentlich auf eine breite Basis zu stellen. 1992 wurde ein Mahnmal des Künstlers Johnny Lucas in den Triftanlagen enthüllt. Eine Informationsstele am Gräberfeld auf dem Waldfriedhof erinnert an die Opfer vom 8. und 9. April. Durch den QR-Code haben die Besucher die Möglichkeit, die Internetseite „Celle im Nationalsozialismus“ zu erreichen. Sie können sich dort mit diesem Abschnitt der Celler Stadtgeschichte auseinander setzen.

Es fand ebenfalls heute eine Kranzniederlegung am Mahnmal in den Triftanlagen statt. Hier ist der Redebeitrag des SPD-Landtagsabgeordnete Maximilian Schmidt: „Als Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten, vor allem aber als Mitbürgerinnen und Mitbürger in Stadt und Landkreis Celle, legen wir heute hier einen Kranz nieder als Zeichen der Mahnung und Erinnerung. Wir erinnern uns immer gern an die leuchtenden, an die glanzvollen Tage in der Geschichte dieser Stadt. Es ist aber unsere Pflicht, auch an die dunkelsten Tage zu erinnern. Der 8. April 1945 war mithin der dunkelste Tag in der Stadtgeschichte. Heute vor 70 Jahren geschah das Massaker von Celle, bei dem zahlreiche Menschen umgebracht worden sind, zum Teil unter Beteiligung der Zivilbevölkerung. Ich sage: Es kann und darf kein Gras darüber wachsen. Und zwar nicht nur im sprichwörtlichen Sinne, dass eben dieses Mahnmal hier gepflegt wird.

Nein, im ganz praktischen Sinne: Es darf kein Gras darüber wachsen, wenn in unserer Stadtgesellschaft darüber gesprochen wird. Gerade junge Menschen müssen wissen, welches grausame Verbrechen hinter dem euphemistischen Begriff, hinter der Verniedlichung von der „Celler Hasenjagd“ steht. Es ist unsere Pflicht, zu mahnen und zu erinnern. Und deshalb schließe ich mit einem Zitat aus der Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker aus dessen Rede am 8. Mai 1985, der damals appeliert hat: Die Bitte an die jungen Menschen lautet: Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass! Und für unsere Heimatstadt Celle füge ich hinzu: Schauen wir am heutigen 8. April, und an jedem 8. April immerfort, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge.“

Superintendent Dr. Sundermann hat im Rahmen dieser Gedenkstunden folgende Worte an die Anwesenden gerichtet:

„Zuallererst muss gesagt werden: Es war schrecklich. Was am 8. April 1945 geschah, war Celles eigene Version einer Hölle auf Erden, teilweise hausgemacht, und es war so schrecklich, dass niemand darüber sprechen wollte, weder die Opfer noch die Täter. Jahrzehntelang wurde in Celle, wenn man von dem sprechen musste, was an jenem Tag im Jahre 1945 hier geschehen war, eine Redewendung benutzt, die die Geschehnisse als eine Art Sportveranstaltung erscheinen ließ: „Hasenjagd”, eigentlich eine gesunde Betätigung im Freien. Aber viel lieber sprach man überhaupt nicht davon. Wie schrecklich es genau war, werden wir nie erfahren, weil diejenigen die am genauesten hätten berichten können, ja tot sind, erschossen, erschlagen.“ So Ralph B. Hirsch in der Einleitung der Celler Hefte über das Massaker am 8. April 1945.

Die Fakten sind schnell zusammengetragen: Am 7. April 1945 stellte die SS in Salzgitter-Drütte, einem Außenlager des Konzentrationslagers Neuengamme, wegen der nahenden Alliierten einen Räumungstransport zusammen. Ziel: das KZ in Bergen-Belsen. Wahrscheinlich kamen Häftlinge aus andern KZs hinzu. In der Nacht zum 8. April wurden ca. 4000 Männer, Frauen und Jugendliche mit einem Zug abtransportiert. Der Zug erreichte am Nachmittag den Celler Güterbahnhof.

Bevor die Fahrt am Abend planmäßig fortgesetzt werden konnte, setzte ein schwerer Luftangriff auf Celle ein. Auch der Zug wurde getroffen. Viele der Häftlinge kamen ums Leben. Überlebende Häftlinge flohen in das Neustädter Holz, oder in die Stadt. Die Überlebenden des SS-Begleitkommandos bewachten eingefangene Häftlinge. Eine Wehrmachtskompanie sowie eine in der Nähe stationierte SS-Einheit verstärkten die örtliche Polizei. Gemeinsam durchkämmten sie das Neustädter Holz und die Umgebung auf der Suche nach Häftlingen.

Die Einsatzkräfte erhielten Befehl, die Häftlinge festzunehmen. Wer plünderte, Widerstand leistete oder flüchtete, sollte sogleich erschossen werden. Bis tief in die Nacht waren Schüsse und Schreie zu hören. Um Mitternacht waren die meisten überlebenden Häftlinge auf einem Sportplatz zusammengetrieben worden. An der am 9. April folgenden Nachsuche in Häusern und Gärten beteiligten sich auch Zivilisten und Volkssturmmänner; sie erschlugen oder erschossen manche Häftlinge.30 Häftlinge wurden als Plünderer exekutiert.

Im Neustädter Holz, in das sich viele Häftlinge geflüchtet hatten, dauerte die Suche bis zum 10. April an; dabei kamen Schusswaffen zum Einsatz. Einigen Häftlingen gelang es, sich bis zum Eintreffen der alliierten Befreier verborgen zu halten. Andere hielt die Bevölkerung fest und übergab sie an deutsche Wehrmachtseinheiten. Die Aktion führte zur erneuten Gefangennahme von rund 1100 Häftlingen. Mindestens 170 Häftlinge wurden erschossen. Durch Erschießungen auf dem Todesmarsch, den ein Teil der Häftlinge nach Bergen-Belsen antreten mussten, durch die extrem schlechte Versorgung der Gefangenen, die in der Heidekaserne (Rathaus) und einem Pferdestall untergebracht wurden, gab es weitere erhebliche Verluste. Insgesamt haben von den ca. 4000 Menschen, die durch den Transport nach Celle kamen nur etwa 1500 bis zum Eintreffen der Alliierten überlebt.

Was bleibt nach 70 Jahren angesichts dieser schrecklichen Ereignisse uns den Nachgeborenen?
Es bleibt Scham über das, was hier in Celle passiert ist. Es bleibt Scham darüber, dass nur wenige geholfen, die meisten weggesehen, und sich einige an dem Massaker beteiligt haben. Es bleibt Scham auch darüber, dass die Täter so gut wie gar nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. Es bleibt Scham auch darüber, dass das Celler Massaker Jahrzehntelang in unserer Stadt verdrängt wurde.

Erst Anfang der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts hat sich eine Bürgerinitiative der Aufarbeitung des Celler Massakers angenommen. Seitdem ist ein Gedenkstein auf dem Waldfriedhof den »Opfern der NS-Gewaltherrschaft« gewidmet.

Es ist gut, dass diesem Gedenkstein heute eine Informationsstele hinzugefügt wird, die Auskunft darüber gibt, was damals geschah. Seit 1992 erinnert das Mahnmal, an dem wir heute stehen, an die Menschenjagd und ihre Opfer. Dass dabei weder die an dem Massaker maßgeblich Verantwortlichen benannt werden noch die Beteiligung von Celler Zivilisten erwähnt wird, zeigt, dass die Aufarbeitung der schrecklichen Geschehnisse durch die Verantwortlichen teilweise nur halbherzig aufgenommen wurde.

Was bleibt nach 70 Jahren: Natürlich der Apell, dass so etwas nie wieder geschehen darf. Es bleibt aber zugleich die Erkenntnis, dass an anderen Orten der Welt auch heute unschuldige Menschen verfolgt werden, gequält werden, sterben müssen.

Manche versuchen, dem Chaos von Krieg und Zerstörung, von Terrorismus und Verfolgung zu entkommen. Wenige von ihnen suchen in unserem Land eine neue Bleibe. Angesichts dessen, was in der Zeit zwischen 1933 und 1945 in Deutschland passierte, haben die Väter und Mütter des Grundgesetzes dafür gesorgt, dass mit Artikel 16a das Recht auf Asyl in unserer Verfassung verankert ist. Wenn wir heute der schrecklichen Ereignisse vor 70 Jahren gedenken, sollten wir daraus auch die Konsequenzen für unser heutiges Handeln ziehen: Wie gehen wir mit Flüchtlingen heute um? Unsere Stadt und wir alle als Bürger von Celle tun gut daran, Menschen, die bei uns Schutz suchen, freundlich und hilfsbereit zu empfangen.

Auch auf diese Weise wollen wir des 8. Aprils 1945 gedenken, dem Tag, an dem Menschen aus Russland, der Ukraine und Polen, dazu Franzosen und Niederländer, Deutsche und Tschechen, Jugoslawen, Ungarn, Belgier, Dänen und Italiener, auch Bulgaren, Griechen, Spanier, Letten und andere kaum eine Hilfe von der Celler Bevölkerung bekamen.

Wir wollen in der Stille der Opfer des Celler Massakers gedenken.

Ich schließe mit einem Gedicht von Oskar Ansull:

Güterbahnhof
all das hat Bilder gepflanzt
Ich war noch nicht geboren,
war nicht dabei, doch sehe ich
die Bilder, scharf, doppelt belichtet;
wahrgenommen, wahrgeworden —

die verstohlenen Blicke
hinter den Gardinen, die Worte
hinter vorgehaltenen Händen,
die Weitergetragene Botschaft
vom Zug,Viehwaggons,
die Zahlen schwanken, in Büchern
stehen sie verzeichnet.

Jetzt stehn sie auf den Gleisen.
Niemand bringt Wasser, durch
herausgebrochene Spalten
ringt das Vieh nach Luft, schreit
aus notgeöffneten Lücken,
vielstimmig, mehrsprachig mit
menschlichen, tierischen Lauten,
auch deutsch, gebrochen.

Die Sonne steht im Zenit.
Mittagsstille. Ober die Gleise,
das Stellwerk, übers ganze Gelände zieht
Pesthauch, drängt in die Straßen,
an die Fenster; das untrügliche
Gemisch: Pisse, Scheiße, Kadaver.

Stumme Blicke:
stiere aus dem Waggons, ab-
gewandte, gesenkte der Vorübergehenden
und mein Blick, geschlossenen Auges.
all das hat Wurzeln geschlagen im Hirn.

Für die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Celle e.V., Vorstandsmitglied, Pastor Uwe Schmidt-Seffers: “Wir legen von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Celle heute einen Kranz nieder in dem Wissen warum, dass wir mitverantwortlich sind für das Gelingen des Dialoges zwischen den Religionen – vor allem angesichts aktueller Konflikte, Kriege und dem zunehmenden Missbrauch von Religion weltweit. Das sind wir den Menschen heute schuldig und in besonderer Weise den Opfern des Massakers, das auch durch den Abstand von 70 Jahren seinen Schrecken noch immer nicht verloren hat – und niemals verlieren wird. Die Arbeit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ermutigt uns heute, für möglich zu halten, dass als unüberwindbare geglaubte Gräben zwischen den Religionen überwunden werden können – und sich sogar Freundschaft entwickeln kann.

Dr. Hans-Georg Sundermann für den Kirchenkreis: „Ich lege für den Ev.-luth. Kirchenkreis einen Kranz nieder für die getöteten Frauen und Männer vom 8. April 1945. Möge uns dieser Jahrestag des Gedenkens mahnen, bei allen Konflikten unserer Tage niemals zu vergessen, dass jeder Mensch eine unverlierbare Würde besitzt. Wir glauben, dass sich im Antlitz eines jeden Menschen das Antlitz Gottes widerspiegelt.“

Zu den historischen Ereignissen äußern sich auch Mitglieder des Celler Stadtverbandes von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. „Es ist nicht zu ertragen, dass Celle nur vier Tage vor der Befreiung durch britische Truppen einen Gewaltexzess erlebt hat, der in der städtischen Geschichte für eine lange Zeit nicht oder nur sehr unzureichend aufgearbeitet wurde. Umso wichtiger ist es, dass am heutigen 70. Jahrestag des Massakers von Celle viele Organisationen und Verbände ein deutliches Zeichen setzen, dass die Opfer von Nationalsozialismus, Rassenwahn und Hass nicht vergessen sind“, so Nadin Bisewski und Heiko Wundram, Vorsitzende des Celler Stadtverbands von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN.

„Die Menschenjagd des 8. April 1945 sollte Teil der lokalen NS-Aufarbeitung im Unterricht der Celler Schulen sein, zeigt es doch die menschenverachtende Bereitschaft und Brutalität vor Ort, Verbrechen ideologisch verbrämt zu begehen“, ergänzt Bernd Zobel, Vorsitzender der Stadtratsfraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. „Die Erinnerung an die Toten mahnt uns alle, auch in Zukunft klar Position zu beziehen und deutlich zu machen: in Celle ist kein Platz für Hass, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus!“

PR/Redaktion
Celler Presse