Historischer Rundgang zeigt dunkle Geschichte Celles auf

Print Friendly, PDF & Email

CELLE. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannten deutschlandweit Synagogen nieder. Die als Reichskristallnacht oder Reichsprogromnacht in die Geschichte eingegangenen Ereignisse waren vom nationalsozialistischen Regime organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen gegen Juden im gesamten Deutschen Reich. Auch in Celle gab es in dieser Nacht Plünderungen, Zerstörungen und Inhaftierungen dutzender Juden. Hieran erinnert alljährlich ein historischer Rundgang mit Reinhard Rohde und Tim Wegener, organisiert von der Volkshochschule Celle.

Der Fußmarsch startet in der Synagoge in der Straße Im Kreise. Möglich ist dieses allerdings nur, weil es die Synagoge überhaupt noch gibt. Das wiederum hat sie ihrer Lage zu verdanken. Eingebettet in ein Fachwerkensemble wurden die Räume lediglich geplündert und verwüstet. Zu groß wäre die Gefahr gewesen, dass beim Niederbrennen des Gebäudes umliegende Häuser arischer Bürger in Mitleidenschaft gezogen worden wären.

Der historische Rundgang setzt sich dann fort und führt in die Bergstraße 10 zum Wohnhaus der Familie Kohls. Auf dem Fußweg weisen heute die so genannten Stolpersteine darauf hin, dass hier einst jüdische Mitbürger lebten. Das Schicksal der Familie Kohls führt ein in ein weiteres dunkles Kapitel der NS-Zeit: Die Judentaufe. Das Verhältnis zwischen Kirche und nationalsozialistischem Staat war in Stadt und Landkreis Celle ambivalent. Ein Beispiel für einen Konflikt zwischen Kirche und Partei war die sogenannte „Celler Judentaufe“. Im Frühjahr 1935 wandte sich die mit ihrer Familie in der Bergstraße 10 lebende Jüdin Else Kohls (geb. 1894) mit dem Anliegen an die evangelisch-lutherische Kirche, christlich getauft werden zu wollen. Der Pastor der Neuenhäuser Gemeinde, Wilhelm Voigt (geb. 1889), gab ihr und ihren Töchtern Edith (geb. 1920) und Lieselotte (geb. 1922) den hierzu erforderlichen Konvertitenunterricht. Voigt, der sich zur „Bekennenden Kirche“ zählte, wies sie aber darauf hin, dass ihre bisherigen Glaubensgenossen sie dann wahrscheinlich ablehnen würden, sie gemäß der „Rasse-Gesetze“ aber Jüdinnen bleiben würden. Am 7. Juli 1935 wurden Else Kohls und ihre Töchter von Pastor Voigt getauft. Im September erschien im „Niedersachsen Stürmer“, dem Gauorgan der NSDAP, unter der Überschrift „Judentaufe in Celle“ ein Artikel, der Voigt wegen seiner Beteiligung an einem „jüdischen Betrugsmanöver“ angriff, das „das nationale Empfinden der deutsch denkenden Mitglieder seiner Gemeinde aufs tiefste verletzte“. Ein Gastwirt, bei dem die ältere Tochter angestellt war, hatte den Pastor denunziert. Angehörige der Hitler-Jugend warfen daraufhin die Fensterscheiben des Pfarrhauses ein. Die Gestapo begann mit der Überwachung des Gottesdienstes. Edith Kohls war zu diesem Zeitpunkt bereits nach Hamburg verzogen, die Mutter und ihre jüngere Tochter aber zogen 1937 zunächst von der Bergstraße nach Westercelle in den Waldweg 3 um, von wo aus sie nach der Pogromnacht Edith nach Hamburg folgten. Die drei Frauen wurden in Auschwitz ermordet, auch der Vater Adolf Kohls und die Großmutter Rosa Kahn starben in deutschen Konzentrationslagern.

Weiter geht es zum Robert-Meyer-Platz am Eingang zum Großen Plan: Seit 1881 betrieb die Isidor Meyer im Gebäude Großer Plan 3 ein Wäsche- und Aussteuergeschäft, das im Laufe der Zeit zu einem regelrechten Kaufhaus, dem „Hamburger Engros Lager“, wurde. Nachdem er das Nebengebäude erwerben konnte, ließ er 1905 an Stelle der zwei Fachwerkhäuser ein “imposantes und stilvolles Geschäftshaus”  errichten. Zu diesem Zeitpunkt waren in der Firma 30 Angestellte beschäftigt, bei 300 Kunden täglich. Isidor Meyer war Mitglied in verschiedenen angesehenen Vereinen und von 1900 bis 1913 Vorsteher der Israelitischen Gemeinde Celles. Sein Sohn Robert (geb. 1874) übernahm 1913 die Firma. 1928 gab er das Geschäft angesichts der durch die Ansiedlung von Karstadt entstandenen Konkurrenz auf und verpachtete die Geschäftsräume an Karstadt, die in dem Gebäude Großer Plan 2/3 ein Möbelhaus einrichteten. Dort war Robert Meyer bis zum erzwungenen Ausscheiden 1933 Geschäftsführer. Nach der Pogromnacht wurde Meyer zum Verkauf seines Hauses an die Stadt Celle gezwungen. Doch die Abwicklung verzögerte sich – auch durch Verschulden der Stadt –, so dass er den letztmöglichen Zeitpunkt für eine Emigration verpasste. Am 16. März 1943 wurde er deportiert und am 31. August 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Im Jahr 2007 wurde der Platz zwischen Bergstraße und Großem Plan, also vor dem Gebäude des ehemaligen Hamburger Engros Lagers, neu benannt in “Robert-Meyer-Platz“.

Auf dem Weg zum heutigen Oberlandesgericht passiert der Rundgang das Celler Rathaus: Am 8. März 1933 wurde erstmals die Hakenkreuz-Fahne auf dem Celler Rathaus gehisst. SA, SS und Stahlhelm hatten vor dem Rathaus Aufstellung genommen, tausende Celler folgten dem Spektakel zu den Klängen des Horst-Wessel-Liedes. Die vier Tage später stattfindende Kommunalwahl zielte so auf kaum mehr als die Bestätigung der realen Machtverhältnisse. So war es auch nicht von Bedeutung, dass die NSDAP mit 42,9 Prozent die absolute Mehrheit verfehlte. Oberbürgermeister Ernst Meyer wurde von den Nazis im Amt belassen, während der Senator Ernst Schädlich (SPD) zum Rücktritt gezwungen wurde und auch Bausenator Wilhelm Mohr einer Entlassung nur durch vorzeitige Pensionierung entging. Zum starken Mann neben Meyer wurde der zum Bürgermeister gewählte NSDAP-Chef Pakebusch. Im Dezember 1933 übertrug das preußische Gemeindeverfassungsgesetz dem Oberbürgermeister die ausschließliche kommunale Verantwortung. Aus einem Schreiben an den preußischen Justizminister vom 10.6.1933 den Fall Katzenstein betreffend, wird die antijüdische Haltung von Garßens deutlich: “Es kommt indessen überhaupt nicht in Betracht, dass Katzenstein als Senatspräsident in Celle bleiben könnte. Von jeher hat hier die Ernennung eines Juden zum Richter im Bezirk des Oberlandesgerichts in Celle Befremden und Unbehagen ausgelöst. […]Die niedersächsische Bevölkerung erträgt nun einmal keinen Nichtarier als Vorsitzenden eines Senats des Oberlandesgerichts […]. Mitunter färbt diese Einstellung sogar auf Kritiken ab, die sich gegen andere, zweifelsfrei deutschstämmige, nationale und soziale Richter wenden. Bliebe Katzenstein Senatspräsident in Celle, so würde das Volk hier meines Dafürhaltens am Sinne des Gesetzes vom 7. April 1933 irre werden. […] M. E. gebietet das Staatsinteresse, Katzenstein nach § 4 des Gesetzes vom 7. April 1933 aus dem Dienst zu entlassen.” Von Garßen und der Celler Generalstaatsanwalt Schnoering nahmen am 23./24. April 1941 an einer Tagung höchster Juristen teil, auf der sie durch den Justizminister über die Vernichtung “lebensunwerten Lebens“ mittels Gas und die Scheinlegalisierung dieser Krankenhausmorde unterrichtet wurden. Im Jahr 2002 wurde die Busspange zwischen Schlossplatz und Mühlenstraße zum Gedenken an den OLG-Senatspräsidenten Richard-Katzenstein-Straße benannt.

Letzte Station des Rundgangs sind die Parkanlagen in der Trift mit dem Mahnmal für den 8. April 1945: An diesem Tag war Celle Ziel eines Luftangriffs. Güterbahnhof, Gaswerk und ganze Häuserreihen östlich der Bahn wurden zerstört. Viele Celler Bürger, Soldaten und Flüchtlinge fanden den Tod. Doch sie waren nicht die einzigen Opfer. Denn die Bomben trafen einen im Bahnhof stehenden Transport mit KZ-Häftlingen aus dem Außenlager Salzgitter-Drütte. Bis zu 500 der 3.420 in gut 50 Waggons zusammengepferchten Menschen überlebten den Angriff nicht. Die anderen versuchten zu fliehen, aber sie wurden von den Wachmannschaften verfolgt. Und nicht allein von ihnen: Männer aus der SA, dem Volkssturm und der Feuerwehr, aber auch andere Celler Zivilisten beteiligten sich an der Treibjagd auf die Häftlinge. Mindestens 170 wurden bei dieser Treibjagd getötet. Der größte Teil der wieder gefangengenommen Häftlingen wurden zu Fuß nach Belsen getrieben. Etwa 100-120 Häftlinge wurden den auf dem Gelände einer Kaserne untergebracht, wo die Briten sie sie zwei Tage später befreiten. 13 Männer wurden 1947/48 von den Briten im „Celle Massacre Trial“ angeklagt. Zwei wurden zum Tode verurteilt, fünf weitere zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Die Todesstrafen aber wurden außer Kraft gesetzt und der Letzte der Verurteilten konnte schon 1952 das Gefängnis verlassen.

Der Rundgang, an dem rund 15 Personen teilnahmen, gibt einen Einblick in die dunkelste Geschichte Celles und kann doch nur einen kleinen Teil des Ganzen darstellen. Aber er ist zugleich auch eine Mahnung an alle Menschen, es nie wieder so weit kommen zu lassen.

Eine komplette Übersicht über alle geschichtsträchtigen Orte gibt es im Internet unter www.celle-im-nationalsozialismus.de. Reinhard Rohde und Tim Wegener sind außerdem Autoren der Bücher „Celle im Nationalsozialismus: Ein zeitgeschichtlicher Stadtführer“ sowie „… melde ich mich hiermit als von den Nazis Geschädigter: Frühe Berichte von der Verfolgung in Celle“.

Redaktion
Celler Presse





%d Bloggern gefällt das: