Raúl Krauthausen informiert in Hannover über „Disability Mainstreaming – Die SOZIALHELDEN und ihre Projekte”

Raúl Krauthausen informiert in Hannover über „Disability Mainstreaming – Die SOZIALHELDEN und ihre Projekte”

14. Dezember 2017 Aus Von

HANNOVER. Raúl Krauthausen ist eines der Gesichter der SOZIALHELDEN aus Berlin. Die eingeschworenen Streiter möchten mit ihren Projekten alle Menschen informieren und Informationsmaterial anbieten. Die Präsentation der Arbeit war Krauthausen ebenso wichtig, wie der Austausch mit dem Publikum und der Ideenaustausch einer neuen Bewegung.

Die Veranstaltungsreihe der Institutionen, Vereine und Verbände: “AKTIV BEHINDER|N lieb, nett und ein bisschen blöd“ der SLH e. V., SBS der Hochschule Hannover, der ASTA und die Hochschule Hannover und die Rosa Luxemburg Stiftung endete am Mittwoch mit dem Inklusions-Aktivisten Raúl Aguayo-Krauthausen. Viele kennen Krauthausen aus den Medien, oder den kürzlichen Aktionen und Demonstrationen rund um die Gesetzgebung des Bundesteilhabegesetzes.

Unter dem Titel „Disability Mainstreaming – Die SOZIALHELDEN und ihre Projekte” hat der Gast aus Berlin über die Arbeit des Vereins Sozialhelden referiert. Florian Grams vom ausrichtenden Verein Selbstbestimmt Leben Hannover e. V. begrüßte den gerade aus Berlin mit der Bahn angereisten in der Hochschule Hannover.

Raúl Krauthausen erinnerte sich in seinem Vortrag an seine Jugend. Er wollte kein Abitur machen und gleich eine Ausbildung beginnen. Doch die Kritik seiner Mutter fiel anders aus als er erwartete: „Du musst kein Abitur machen, aber Dachdecker kannst Du auch nicht werden.“ Ein prägender Satz der später beim Besuch mit der Schulklasse im Berufsinformationszentrum (BIZ) untermauert wurde. Krauthausen wurde von seiner Mutter ermutigt, dass er nicht gleich das standardisierte Angebot des Zentrums in die Werkstatt zu gehen annehmen sollte. Mit diesen Worten im Ohr hatte sich der Mitarbeiter des BIZ am Ende des Besuchs genau mit diesem Vorschlag an Krauthausen gewandt. Sensibilisiert und ermutigt durch seine Mutter winkte er ab. Der Mitarbeiter war jedoch angesichts des im Rollstuhl sitzenden Krauthausen wenig flexibel und schlug ihm anschließend die Ausbildung zum Bürokaufmann vor. Es war für ihn ein prägendes Erlebnis, denn warum hatte ihn niemand gefragt, was er mag und was er gerne werden wollte.

Jahre später, schon unter der Flagge der SOZIALHELDEN, besuchte er eine 6. Klasse für eine Informationsveranstaltung. Die Inklusive Klasse bestand zu seiner Verwunderung nur aus Kindern mit einer Behinderung, was unter heutiger Betrachtung wenig inklusiv erscheint. Die Kinder berichteten ihm von ihren Wünschen, da sagte ein Mädchen, dass sie gerne Dressurreiterin werden würden. Ein normaler kindlicher Berufswunsch in dem Alter, doch im gleichen Atemzug korrigierte sich das Mädchen selbst und sagte, dies könne sie ja nicht aufgrund ihres Rückens nicht werden. Krauthausen fragte bei dem Mädchen nach, wie sie denn darauf komme. Sie antwortete nur, dass ihre Eltern, die Lehrer an der Schule und ihre Ärzte ihr das sagten. Der Berliner Aktivist konnte ihr jedoch nur entgegnen, dass nur sie selbst entscheiden könne, Dinge nicht zu tun.

Der SOZIALHELDEN e. V. war von Raúl Krauthausen und seinem Cousin ins Leben gerufen worden. Im Rahmen des Themas der Barrierefreiheit hatten sie sich geärgert, dass viele Gebäude für Rollstuhlfahrer und andere Behinderte nicht zugänglich sind. Vorhandene Karten und Wegweiser waren zu diesem Zeitpunkt nicht existent, unpraktisch oder fehlerhaft. Krauthausen kritisierte, dass viele solche Vorhaben von Behörden und Menschen ohne eine Behinderung erstellt würden. Die beteiligten Personen können sich nicht in die Zielgruppe hineinversetzen und so entstehen die kuriosesten Publikationen. Er erinnerte in seinem Vortrag an die Stadt Hannover. Im Rahmen der Expo wollte sich die Stadt weltoffen präsentieren und erfasste in einem Projekt auch ca. 3.000 barrierefreie Orte in der Stadt. Nach der Expo verlor die Stadt jedoch schnell das Interesse an dieser umfangreichen Datenerhebung und löschte diese sogar.

Die SOZIALHELDEN wollten das jetzt nun anders machen und nachhaltig einen Mehrwert schaffen. Mit der Internetseite www.wheelmap.org erfassten und erfassen die Nutzer selbst barrierefreie Orte. Nach schwierigen Anfängen und viel ehrenamtlichem Engagement wuchs das Team, und die ersten Spenden und Projektgelder konnten das Team finanzieren. Es sei jedoch noch immer schwer, die vielen Ideen und Projekte nachhaltig mit den notwenigen finanziellen Mitteln auszustatten.

Die SOZIALHELDEN entwickeln jedoch stets neue Projekte und wollen – breit aufgestellt – immer mehr Menschen informieren. Auf der Internetseite www.brokenlifts.org machen sie auf einen Missstand der nicht funktionierenden Fahrstühle aufmerksam. Krauthausen berichtet in seinem Vortrag von den Anfängen. Daten der Deutschen Bahn und den Berliner Verkehrsbetrieben mussten abgegriffen und veröffentlicht werden. Zuerst stießen sie auf Widerstand der Gesellschaften, doch nach der offiziellen Auszeichnung der Stadt Berlin, war das Projekt gesichert. Die Internetseite ist momentan nur für Berlin, doch ein weiterer Ausbau ist vorgesehen. Rollstuhlfahrer, Reisende mit schwerem Gepäck, Eltern mit Kinderwagen oder Gehbehinderte können sich auf dieser Internetseite im Vorfeld informieren, ob auf ihrer Reiseroute alle notwendigen Fahrstühle funktionieren. Krauthausen weist darauf hin, dass die Daten ohnehin von den Gesellschaften veröffentlicht werden, doch der Nutzer weiß nicht Bescheid, welche Betriebe es denn überhaupt in der Stadt gibt, wer ist mein Ansprechpartner und wie heißt die Internetseite. Hier wollten die SOZIALHELDEN eine einzige Plattform schaffen, die diese Daten bündelt.

Der Verein SOZIALHELDEN befindet sich in den Räumlichkeiten der Online-Immobiliensuchmaschine www.immobilienscout24.de. Unterstützt von dieser Firma kam man auf kurzem Dienstweg schnell zusammen. Gemeinsam habe man realisiert, dass die Nutzer mit den Begrifflichkeiten „barrierefrei“ und „seniorengerecht“ nichts anfangen konnten. Anbieter wussten nicht, ab wann man „barrierefrei“ vorgeben darf, daher hatten viele in ihren Angeboten „seniorengerecht“ ausgewählt. Der Rollstuhlfahrer wusste bei seiner Suche jedoch nicht, von der Diskrepanz, bis sich Immobilenscout24 und die SOZIALHELDEN der Sache annahmen. Aufgrund der angespannten Wohnungslage hatte man sich mit Anbietern und Maklern darauf geeinigt, zumindest den barrierefreien Zugang zu definieren. Rollstuhlfahrer, gehbehinderte und auch Senioren wissen somit schon einmal, dass die Wohnung für sie einfach zu erreichen ist. Ein scheinbar kleiner Konsens, mit jedoch großen Auswirkungen.

Raúl Krauthausen und den SOZIALHELDEN ist es wichtig, das Gesellschaftsbild der Menschen mit Behinderung zu ändern. Generell strebe man eine neue gemeinschaftliche Bewegung an, Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit. Doch die Gesellschaft bezieht ihr Wissen aus den Medien, die Menschen mit Behinderung eher schwach oder krank darstellt. Krauthausen kritisiert Schlagzeilen, wie „Malu Dreyer – Deutschlands tapferste Politikerin“. Schnell spreche man in den Schlagzeilen von Tapferkeit, Mut, Krankheit und Behinderung, jedoch reflektiere man nicht die eigentliche Information, so Krauthausen. Dieser Thematik haben sich die SOZIALHELDEN angenommen und für Journalisten zum einen eine eigene Bilddatenbank www.gesellschaftsbilder.de und eine Informationsplattform www.leidmedien.de ins Leben gerufen. Medienvertreter können sich hier informieren und etwaige Stigmata ablegen.

Krauthausen erinnerte Unternehmen daran, ihr Geschäft auch für Rollstuhlfahrer und Gehbehinderte zugänglich zu machen. Eine offizielle Rollstuhlrampe ist jedoch ein Hilfsmittel und kostet ca. 900 Euro. Die identische Rampe unter der Bezeichnung „Motorradrampe“ kostet jedoch nur 100 Euro. Die SOZIALHELDEN bieten nunmehr auch Ladengeschäften an, sich eine kostengünstige Rampe zu bei ihnen zu erwerben. Sie ermutigen alle Inhaber sich der Thematik zu öffnen und zukunftsorientiert sich aufzustellen.

Am Ende der Diskussion stieg Krauthausen in den direkten Dialog mit dem Publikum ein. Es wurden viele Fragen gestellt, die eher in Richtung einer neuen Behindertenbewegung zielten. Nach der Krüppelbewegung in den 1970er Jahren verlief sich die Szene. Kurz vor dem Beschluss des Bundesteilhabegesetzes 2016 fingen Menschen mit Behinderung wieder sehr aktiv an, sich zu organisieren, was positiv von den Zuschauern wahrgenommen wurde. Krauthausen regte jedoch auch alternative Protestformen an, denn Massenproteste können nur schwer umgesetzt werden. Krauthausen zeigte damit auf, dass in einem ICE zum Beispiel nur zwei Rollstuhlplätze vorhanden sind. So könnten viele zu einer Demonstration gar nicht anreisen.

Die Veranstaltung zeigte, dass sich viele Menschen sozial engagieren, um einen Mehrwert für die Gesellschaft zu schaffen.

Redaktion
Celler Presse





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