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Hustedt gedenkt der Opfer des Todesmarsches

Vor 79 Jahren, im April 1945, zwang die SS-Wachmannschaft des KZ Mittelbau-Dora 600 Häftlinge auf einen Todesmarsch zum KZ Bergen-Belsen. In der Nacht vom 10. auf den 11. April 1945 führte dieser auch durch Hustedt. Zwischen Groß Hehlen und Hustedt-Jägerei wurden mindestens acht Häftlinge erschossen.

Anlässlich des Jahrestages gedachten am heutigen Abend Mitglieder des Ortsrates Groß Hehlen, Scheuen und Hustedt sowie Vertreter des Bildungszentrums HVHS Hustedt e.V. der Opfer des Todesmarsches.

Die Veranstaltung fand am Mahnmal statt, das aus acht Stelen besteht und den Häftlingen und ihren Mitgefangenen gewidmet ist. Vor 79 Jahren zwang die SS-Wachmannschaft des KZ Mittelbau-Dora etwa 600 Häftlinge auf einen sogenannten Todesmarsch nach Bergen-Belsen. In der Nacht vom 10. auf den 11. April 1945 führte dieser Marsch auch durch Hustedt, wo mindestens acht Häftlinge zwischen Groß Hehlen und Hustedt-Jägerei erschossen wurden.

Eindringliche Reden

Ortsbürgermeister Patrick Brammer (SPD) und die Geschäftsführende pädagogische Leiterin der HVHS, Gesa Lonnemann, hielten bewegende Reden. Brammer erinnerte an die unmenschlichen Bedingungen des Todesmarsches und die Gräueltaten der Nationalsozialisten. Lonnemann betonte die Wichtigkeit der Erinnerung an diese Verbrechen, um zukünftigem Fanatismus und Hass entschieden entgegenzutreten.

Reden anlässlich zur Gedenkveranstaltung zum „Hustedter Todesmarsch vom 10. April 1945″ auf dem Gelände der HVHS Hustedt am 10.04.2024

Patrick Brammer, Ortsbürgermeister Groß Hehlen, Scheuen und Hustedt:

Liebe HVHS Hustedt, liebe Gesa, liebe Gäste!

Zunächst herzlichen Dank für die Einladung ans ganze Team der HVHS Hustedt.

Es ist uns als Ortsrat Groß Hehlen Scheuen-Hustedt eine Ehre, an dieser Gedenkveranstaltung teilnehmen zu dürfen. Danke nochmal!

Die Aufgabe eines Ortsbürgermeisters besteht ja meist darin, auf öffentlichen Veranstaltungen die Vorzüge, Standortvorteile und schönen Dinge eines Ortes zu unterstreichen und damit zu werben. Und davon gibt es hier bei uns im Celter Norden reichlich, das wissen Sie und für alle Auswärtigen: das können Sie mir glauben!

Ich bin aber der festen Überzeugung, dass es auch Aufgabe aller ist, an die dunklen Kapitel unserer Geschichte vor Ort zu erinnern, sich mit diesen auseinanderzusetzen und daraus zu lernen.

Der Mensch ist vor dem Bösen nicht gefeit, nirgends, zu keiner Zeit. Auch hier bei uns in Hustedt nicht, wo vor genau 79 Jahren ein Todesmarsch von KZ- Häftlingen durchzog. An diesen Tag wollen wir heute erinnern und derer gedenken, die dabei ums Leben kamen.

Die SS-Wachmannschaft des KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen zwang Anfang April 45 insgesamt 613 Häftlinge zu diesem Martyrium. Ziel war das hier in der Nähe befindliche KZ Bergen-Belsen.

In der Nacht vom 10. auf den 11. April erreichten die Gequälten Hustedt. Augenzeugen berichteten von insgesamt acht Erschießungen bzw. Exekutionen. Diese fanden zwischen den Orten Groß Hehlen, Hustedt-Dorf und der Jägerei (unserem aktuellen Standort) statt.

Orte, die heute und auch damals immer als lebenswert und freundlich gelten bzw. galten. Orte, an denen man gerne wohnt und lebt und arbeitet. Orte, die sich heute in der sicheren Wiege der Demokratie entfalten können und Familien einen Platz zur Selbstverwirklichung geben.

Aber diese Orte waren eben auch Schauplätze des Verbrechens, der Entmenschlichung, des Terrors. Genau vor 79 Jahren. Das Böse war also unter uns, wurde entfesselt, wehriose Körper gepeinigt, unschuldiges Leben durch Erschöpfung, Folter und schließlich Stahl und Feuerkraft beendet, die blutüberströmten und ausgemergelten Körper am Wegesrand liegen gelassen. Den Menschen wurden in einer grausamen Absolutheit das Leben und die Würde genommen.
Meine Damen und Herren, liebe Gäste, Sicherheit, Frieden, Freiheit und Demokratie waren nicht immer da, sie sind nicht selbstverständlich und auf ewig gegeben. Sicherheit, Frieden, Freiheit und Demokratie müssen tagtäglich verteidigt und weitergeführt werden. Alle diese zivilisatorischen Errungenschaften sind nicht selbstverständlich, sie bedürfen des Einsatzes der Zivilgesellschaft, einer breiten Mehrheit an Menschen.

Wir leben heute nicht in Weimarer Verhältnissen, das will ich ganz klar sagen. Der historische Vergleich wird häufig angeführt, ist aber wissenschaftlich nicht haltbar. Dennoch müssen wir attestieren, dass menschenverachtende und demokratiefeindliche Meinungen heute hoffähiger werden, genauso wie vor etwa 100 Jahren.

Als erstes verroht immer die Sprache. Sie ist für viele Legitimation, auch einen Schritt weiter zu gehen. Sei es durch Diskriminierung, sei es durch Gewalt oder aber auch durch Geheimtreffen wie in Potsdam, in dem es auch darum ging, Menschen in unterschiedliche Kategorien einzuteilen. Das ist unmenschlich.

Ein thüringischer Spitzenpolitiker entmenschlicht Sprache tagtäglich. Er stellte seiner Anhängerschaft in einer Rede zur Wahl „Wölfe oder Schafe zu sein“. Er selbst wählte freilich für sich die Kategorie Wolf.

Meine Damen und Herren, dass ist Entmenschlichung im wahrsten Sinne des Wortes. Wie weit ist es da noch zu der physischen Entmenschlichung wie hier vor Ort vor genau 79 Jahren? Wie weit?

Lassen Sie mich hier ein Zitat des bekannten deutschen Sportreporters Marcel Reif entgegenhalten, der im Rahmen der Gedenkveranstaltung im Deutschen Bundestages zur Befreiung des KZ Ausschwitz sprach und seinen Vater, der den Holocaust als Jude überlebte, mit dem Satz zitierte: „Mensch sein. Sei einfach Mensch.“

Liebe Gäste, wir wollen keine Wölfe oder Schafe sein, wir sind Menschen. Mit all den Schwächen: ja, aber menschlich. Das Unmenschliche oder das Entmenschlichte fand statt. Und das darf es nie wieder.

Wir kennen die acht Toten, für die diese acht Stelen sinnbildlich stehen, nicht. Wir kennen ihre Namen nicht, sie sollen aber nicht namenlos sein. Nicht heute und auch nicht in Zukunft.
Lassen wir sie also Mensch sein.

Gesa Lonnemann, Geschäftsführende pädagogische Leiterin der HVHS

Liebe Kolleginnen,
Liebe Nachbar*innen,
Liebe Freundinnen,

ich begrüße Euch zu dieser Gedenkveranstaltung. Und ich bin überwältigt, wie viele Menschen der Einladung gefolgt sind. Wir erinnern heute an die Opfer der Todesmärsche in der Endphase des Zweiten Weltkrieges und dem Deutschen Nationalsozialismus.

Frühjahr 1945.

Es sind die letzten Kriegswochen. Die Alliierten rücke immer näher. Von Heinrich Himmler soll es einen Befehl gegeben haben „Kein Häftling darf lebend in die Hände des Feindes fallen“.

Fast panisch räumen die Nazis die Lager – vernichten Beweise. Völlig entkräftete Menschen müssen die Todesmärsche antreten oder auf einen Räumungstransport steigen. Oft mit unbekanntem Ziel.

Mehr als 100 dieser Transporte und Todesmärsche mit mehr als 85.000 Männern, Frauen und Kindern wurden in das Konzentrationslager Bergen-Belsen gebracht. Die Transporte führten zu einer völligen Überfüllung des Lagers. Die Bilder der Befreiung – welche die dramatischen Folgen der Überfüllung in Hunger, Krankheit und Tod zeigten sind vielen von uns bekannt.

Einer dieser Todesmärsche führte in der Nacht vom 10. Auf den 11. April 1945 auch durch Hustedt. Zwischen Groß Hehlen und Hustedt-Jägerei
wurden mindestens acht Häftlinge erschossen. Ihrem und ihren Mithäftlingen wollen wir heute gedenken!

Die Geschichte dieses Todesmarsches wurde eben bereits von kurz umrissen.

Bitte erlaubt mir dennoch, in Kürze das Ereignis zu benennen:

Am 4. April 1945 erhielt die SS-Leitung eines Außenlagers des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora den Befehl zur Räumung des Lagers. Es lag in Kleinbodungen im Ostharz; ca. 40km südlich von Braunlage.

In fieberhafter Eile machte sich die SS daran, alle Lagerakten zu vernichten. Am nächsten Morgen wurden 613 Häftlinge gezwungen zu Fuß bis Herzberg zu laufen. Dort sollten sie in einen Zug mit Ziel Bergen- Belsen verladen werden.

Wenige Stunden zuvor war das Bahnhofsgelände von Alliierten bombardiert worden. Eine Verladung war unmöglich. Die SS entschied, den Transport zu Fuß fortzusetzen. Ein Todesmarsch von knapp 200km begann. Einzelne Häftlinge befanden sich in einem derart schlechten körperlichen Zustand, dass ein Weitermarschieren kaum mehr möglich erschien. In Seesen wurden die ersten Häftlinge ermordet.

Der Häftlingszug quälte sich zu Fuß in mehreren Tagesetappen weiter über Salzgitter, Rüningen und Ohof und kam am 10. April 1945 gegen Abend in Groß Hehlen bei Celle an. Da kein geeignetes Nachtlager gefunden wurde, musste der Marsch fortgesetzt werden.

Wer dabei das Tempo nicht mithalten konnte, oder wer in dem Waldstück hinter Groß Hehlen zu fliehen versuchte, wurde unterwegs erschossen. In schnellem Marsch ging es auf der Landstraße weiter bis Wittbeck.

Von dort weiter bis nach Hustedt. Hier erreichte der Häftlingszug auf einem bereits geräumten ehemaligen Feldflugplatz, in unmittelbarer Nachbarschaft zum heutigen Bildungszentrums HVHS Hustedt, mehrere Baracken eines kleinen ehemaligen Kriegsgefangenlagers, die zur Übernachtung geeignet waren.

Friedrich Sülzer, damals 11 Jahre, sah und hörte, dass zwischen Wittbeck und Hustedt alle 500 Meter einer [der KZ-Häftlinge] erschossen wurde, der nicht weiter konnte“ Am Vormittag des 11. April 1945 verließ der Häftlingszug sein Nachtquartier auf dem ehemaligen Feldflugplatz und trat die letzte Marschetappe bis in das Konzentrationslager Bergen-Belsen an. Wie viele der Häftlinge den Todesmarsch von Kleinbodungen nach Bergen-Belsen überlebten, lässt sich nicht mit Sicherheit feststellen.

Die Geschichte zu erzählen, um sie zu erinnern ist wichtig. Wir sollten wissen, was hier – direkt vor unserer Haustür – passiert ist. Die Todesmärsche führten durch ganz Norddeutschland. Durch Wälder, durch Städte und Dörfer. Und viele Deutsche haben das mitbekommen: Mit den Todesmärschen gingen die Konzentrationslager ganz unmittelbar an den Wohnzimmern und Vorgärten vorbei.

Noch wichtiger, als das reine historische Faktenwissen ist aber die Bewahrung der Erzählungen jener, welche die nationalsozialistischen Gräueltaten überlebt haben.

Wir hören die Aussagen von mehreren Überlebenden verschiedener Todesmärsche und Räumungstransporte:

Peter Heilbut

„Kaum ist der Zug […] im freien Gelände, da passiert es zum ersten Mal. Einer, einige Reihen vor uns, bricht zusammen, fällt, liegt da. Liegt da, in Erwartung, wie es nun weitergehe. […] Oder gibt er sich der simplen Hoffnung hin, dass weitermarschiert und er hier liegen- und zurückgelassen werde? „Das ganze halt!“ Auf SS-Befehl wird er beiseite getragen, neben den Weg gelegt. Ein Schuss knallt. Wir haben den ersten Toten.“

Albert van Dijk

„Dann hat er den zusammengebrochenen Körper zerschossen mit seinen Maschinenpistolen. Und dann haben die Bürger gesagt: Warum macht Ihr Euch so viel Mühe, mit diesen Leuten noch weiterzuziehen, legt sie doch alle um.“

Cécile Huk

„Es ist nichts zu hören außer dem schlurfenden Geräusch der Holzschuhe auf dem Boden und den Schreien der SS.“

Jaroslav Vrabec

„Zwölf Tage und Nächte sind wir gelaufen, wir wurden nass, wir froren, wir fielen vor Erschöpfung und Hunger. Wer aus der Reihe trat wurde erschossen. Zwölf Tage und Nächte im Schatten des Todes. Immer im Kontakt mit der zurückgeschlagenen deutschen Armee und fanatisierten deutschen Jugend, die uns bespuckte und beschimpfte, dass wir es gewesen sind, warum sie den Krieg verloren haben.“

Marcel Couradeau

„Als wir durch Neuruppin kommen, steht eine alte Frau vor ihrer Tür und hält uns einen Eimer mit Wasser hin. Die SS-Posten stoßen den Eimer um und beschimpfen sie. Immerhin eine Deutsche, die noch ein Herz hat.“

Zwi Helmut Steinitz

„In einigen Ortschaften standen aufgehetzte Kinder an der Straße, beschimpften und bewarfen uns mit Steinen: In ihren Augen waren wir anscheinend immer noch jüdische Todfeinde des deutschen Volkes.“

Albert van Dijk

Wenn ich die Gelegenheit bekomme, wenn ich die Chance habe zu fliehen, würde ich das sicher tun. Unterwegs habe ich mich von dem Gedanken verabschiedet. Aus Angst vor den Deutschen, aus Angst vor der Bevölkerung.“

Lin Jaldati

„Wir wurden geschubst und geschlagen, bis wir in Zehnerreihen standen, eine lange Schlange von elenden, ausgemergelten, zerlumpten Gestalten. Den Anfang der Schlange konnten wir nicht sehen und das Ende auch nicht.

Die Aufseher brüllten durcheinander, die Hunde bellten. Fliehen war unmöglich, die Hunde hätten uns zerfleischt. Die Schlange setzte sich in Bewegung, die Füße schlurften auf der Erde. […] Unterwegs begegneten uns viele Menschen, auf Fahrrädern, auf Pferdewagen und auch Fußgänger, alle haben uns gesehen. Aber nach dem Kriege hat kaum einer etwas gewusst.“

Diese Aussagen der Überlebenden zu hören tut weh.

Es tut weh, weil sie uns direkt adressieren. Sie nehmen die deutsche Bevölkerung in den Blick. Und ihre zuschauende, ihre mitwirkende Rolle bei den nationalsozialistischen Verbrechen.

Bereits seit den 1960er Jahren wurde der Fokus der deutschen Erinnerung auf das Schicksal der NS-Opfer gelegt und nicht primär auf die Täter.

In Anbetracht des Ausmaßes der Gewaltverbrechen erscheint dies mehr als logisch. Allerdings geht dieser Fokus mit einer Tendenz einher, die zur Ausblendung der gesellschaftlichen Mitverantwortung an den Verbrechen einlädt.

Betrachten wir das vorherrschende deutsche Erinnerungsnarrativ, so fällt eines besonders auf: Täter und Täterinnen werden stets als uniformiert und als grausam, boshaft, teuflisch erinnert. Somit waren die Täter – die Nazis, die SS – immer „die anderen“.

Dieses Narrativ diese Erzählung ist nach historischen Fakten nicht korrekt.

Besonders die Darstellung der „uniformierten Nazis“ als Dämonen oder das ultimative Böse ist fatal. Es wird ein Bild entworfen, in dem die Täter und Täterinnen jene waren, die bereits eine sadistische Ader hatten, eine Vorliebe für Gewalt. Es waren aber die sozial engagierten Nachbarn, die Familienväter, die Intellektuellen, die „ganz normalen Menschen“ aus der Mitte der Gesellschaft, die zu Massenmördern wurden.

Und auch in der Breite der damaligen deutschen Gesellschaft fand die antisemitische und rassistische Politik der Nationalsozialisten eine große Zustimmung und Unterstützung. Heute begegnet uns oft vehementer Widerspruch, wenn wir von der Mittäterschaft der zivilen Bevölkerung sprechen.

Daher bin ich dazu übergangen, nicht von Mittäterschaft, sondern von Mitverantwortung durch Entscheidungen zu sprechen.

Alle Menschen der deutschen Gesellschaft wurden immer wieder vor Entscheidungen gestellt. Und damals wie heute werden wir an unseren Entscheidungen gemessen. Diese werden rückblickend bewertet und in den meisten Fällen zeigen sich die Konsequenzen erst im Nachhinein deutlich.

Es ist einfach, aus heutiger Sicht zu sagen, dass man selbst anders gehandelt, anders entschieden hätte, da uns heute die Folgen bekannt sind. Niemand aber kann wissen, welche Entscheidungen er oder sie selbst in den Jahren 1933-1945 getroffen hätte. Trotzdem geht es darum aufzuzeigen, dass Menschen bewusst Entscheidungen getroffen haben und ihnen dadurch eine Mitverantwortung an den resultierenden Konsequenzen gegeben werden kann. Natürlich sind dabei nicht alle Entscheidung gleich schwerwiegend. Aber sie stehen in einem Zusammenhang:

So war es eine Entscheidung, bei den Reichstagswahlen 1933 die NSDAP zu wählen und somit die antisemitische und kriegsbefürwortende Politik demokratisch zu legitimieren. Es war auch eine Entscheidung, sich an Sonderauktionen aus Enteignungen jüdischer Mitbürger*innen zu bereichern. Es war eine Entscheidung, jüdische Geschäfte zu boykottieren. Es war eine Entscheidung, das Verschwinden von jüdischen Mitschülerinnen ungefragt hinzunehmen.

Eine schwerwiegendere Entscheidungen war es hingegen als zivile Person die SS bei Deportationen zu unterstützen. Es war eine Entscheidung, im nationalsozialistischen Verwaltungsapparat zu arbeiten, ohne Aufträge zu hinterfragen. Es war eine Entscheidung jüdische Nachbar innen zu verraten. Es war eine Entscheidung, sich als zivile Person an einem Aufruf zur Tötung entlaufender KZ-Häftlinge zu beteiligen. So geschehen in Celle am 08. April 1945. Wir erinnern den Opfern des Celler Massakers.

Und heute?

Auch heute stehen wir immer wieder vor Entscheidungen, die im Einzelnen betrachtet vielleicht nicht schwer wiegen mögen, die aber in einem Gesamtzusammenhang zu stellen sind.

Ein Beispiel:

Es macht mir Mut, wenn ich sehe wie viele Menschen sich entschieden haben für die Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt Ende Januar nach Aufdeckung der Deportationspläne von AfD & Co auf die Straße zu gehen.

Und zugleich habe ich nicht verstanden, dass ein paar Wochen später am 19.Februar bei den Demonstrationen anlässlich des vierten Jahrestages des rassistischen Anschlags in Hanau, nicht die gleiche Anzahl an Menschen auf der Straße war. Ich frage mich: Ist der Zusammenhang zwischen rassistischen Morden und der geplanten Zwangsausweisung, aufgrund rassistischer Motive, denn so schwer zu erkennen?

In der Soziologie gibt es den Begriff des stochastischen Terrors.

Stochastik bezeichnet in der Mathematik die Wahrscheinlichkeitstheorie – oder auch die Mathematik des Zufalls. Also wenn ich A habe, wie wahrscheinlich ist es das B passiert und welche Faktoren begünstigen eine Entscheidung?

Stochastischer Terror meint, dass eine anstachelnde Rede einen Gewaltakt wahrscheinlicher macht, auch wenn nicht vorhersagbar ist, wer den Gewaltakt wann wo ausführen wird.

Wenn die AfD als (noch) legitimierte demokratische Partei direkt oder auch indirekt seit Jahren eine Gruppe zur Bedrohung erklärt. Und (vielleicht auch mal im Scherz) gewaltvolle Lösung benennt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein Empfänger dieser Botschaft sich direkt oder indirekt aufgefordert fühlt zu handeln.

Der Hass gegenüber einer bestimmte Gruppe wird breit geschürt. Die Entscheidung zur Tat trifft oft eine einzige Person. Ist das ein Einzeltāter?

Und was können wir tun?

Wir können der Wahrscheinlichkeitsrechnung, dass aus Worten direkte Taten folgen, mehr Variablen hinzufügen – Gegenrede! Haltung zeigen!

Es muss uns klar sein: einst werden wir an unseren heutigen Entscheidungen gemessen werden. Wir sind verantwortlich dafür, wohin sich unsere Gesellschaft entwickelt.

Und so ist es ist eine Entscheidung Verantwortung zu übernehmen für das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. Es ist eine Entscheidung Faschisten beim Namen zu nennen. Es ist eine Entscheidung die Demokratie aktiv zu verteidigen. Ebenso ist es eine Entscheidung auch in der eigenen Familie, im eigenen Betrieb und der eigenen Partei Stellung gegen rechte Positionen zu beziehen.

Lasst und gemeinsam mutig sein und auch vor schwierigen Entscheidungen nicht zurückschrecken! Für eine solidarische Gesellschaft im Jetzt und in Zukunft!

Gedenken und Mahnung

Zum Abschluss der Veranstaltung legten Brammer und Lonnemann ein Gesteck am Mahnmal nieder. Die Anwesenden hatten Gelegenheit, Blumen niederzulegen und Kerzen anzuzünden.

Die Erinnerung bewahren

Die Gedenkveranstaltung in Hustedt war ein wichtiger Beitrag zur Aufrechterhaltung der Erinnerung an die Opfer der Todesmärsche und an die Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus. Sie rief dazu auf, sich für Frieden, Toleranz und Menschlichkeit einzusetzen.

Redaktion
Celler Presse
Fotos: Celler-Presse.de

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