Freitag, 6. März 2026

✔ unabhängig ✔ überparteilich ❤ kostenfrei

Anzeige

Anzeige

Götz Aly liest vor vollem Haus in Celle

Liegt es an seinem aktuellen Bestseller oder generell an seiner Person? Die Frage ist nicht zu beantworten, Tatsache ist, dass es laut Stadtarchivarin Angelika Tarokic förmlich einen Run gab auf die vom Stadtarchiv gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde, der Volkshochschule und dem Bomann-Museum organisierte Lesung des Historikers, Journalisten und Autors Götz Aly. „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“ lautet der Titel seines im August 2025 im S. Fischer Verlag erschienenen, 700 Seiten langen Werkes.

Ist das Thema nicht schon ausreichend behandelt, mag sich mancher und manche angesichts dieser Überschrift fragen. Nein, ist es nicht, Aly wartet bei seiner Lesung in der Ehrenhalle des Bomann-Museums mit Inhalten auf, die für viele komplett oder in dieser Klarheit formuliert neu sein dürften. „Wie kam es dazu, dass ganz normale Menschen sich so verändern, dass sie einen ganzen Kontinent zerstören?“ Die Deutschen seien vor dem Regime der Nationalsozialisten nicht mehr und nicht weniger kriminell gewesen als andere Völker auch. Ausgehend von dieser Fragestellung referiert er den Stoff seines Buches in einer Zusammenfassung, was den Abend nahezu füllt. Für Fragen aus dem Publikum blieb im Anschluss nicht mehr viel Zeit.

Er beginnt in der Mitte seines Werkes, mit dem Jahr 1939, denn an dieser Stelle findet sich ein direkter Celle-Bezug. Götz Aly zitiert aus dem Buch von Hans-Hagen Nolte, dessen Vater Hans Nolte in den Jahren der Hitler-Diktatur Politik-Ressort-Chef bei der Celleschen Zeitung war. In „Messerscharf“ wird berichtet, wie der Lokaljournalist die Geschehnisse in der Stadt bei Kriegsbeginn im September 1939 schildert. Hitler sei kein Eroberer, er wolle lediglich die Ungerechtigkeiten des Versailler Vertrages korrigieren und Missstände bereinigen, wird Hans Nolte zitiert.

„In ihrer Gesamtheit waren die Deutschen 1938/39 nicht kriegslüstern, der Erste Weltkrieg steckte ihnen noch in den Knochen“, sagt Götz Aly und geht zurück in die Zeit vor dem Nationalsozialismus. Es gab sehr viele junge Menschen, der medizinische und hygienische Fortschritt hatten zu einer Verringerung der Kindersterblichkeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts geführt, allgemein begann ein sozialer Aufstieg, die Menschen zogen in die Städte, der Bildungsstandard ging nach oben, wobei es eine Besonderheit gab: „Der jüdische Anteil an der Bevölkerung betrug 1 %, aber bei den Studierenden lag er bei 10 %. Und diese waren im Schnitt ein Jahr früher fertig und machten bessere Abschlüsse“, referiert Götz Aly, dieses habe mit verschiedenen in der jüdischen Kultur verankerten Eigenschaften und Bedingungen zu tun, wie etwa einem hohen Grad an Urbanität und Mehrsprachigkeit, aber auch einer gepflegten Streitkultur und Diskussionsfreude.

VON DER VOLKS- ZUR VERBRECHERGEMEINSCHAFT

Insgesamt seien die Aussichten für junge Menschen in den 1920er Jahren gut gewesen, doch die positive Entwicklung wurde ausgebremst durch die Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929. „Die Auswirkungen waren so massiv, wie wir uns dies heute nicht mehr vorstellen können“, berichtet der Historiker, 80 % der deutschen Bevölkerung seien betroffen gewesen. Verzweiflung machte sich aufgrund der grassierenden Armut breit. Eine Konsequenz: „Die Deutschen wählten zu 60 % die Republik ab.“ Die neuen Machthaber erließen nicht nur das Ermächtigungsgesetz, errichteten Konzentrationslager und führten den Volksgerichtshof ein, sie schnürten daneben auch ein Bündel von Maßnahmen, das die soziale Misere bekämpfte. Pfändungen stellten beispielsweise ein massives Problem dar, gleich in den ersten vier Wochen der NS-Regierung wurden die Gerichtsvollzieher angewiesen, die Partei der Schuldner und nicht der Gläubiger zu ergreifen. Versteigerungen von Bauernhöfen wurden verboten, das Kindergeld und ein Gesetz für Urlaubstage eingeführt, der Bierpreis um 10 % gesenkt. Gleichzeitig gab es Erlasse mit Symbolwirkung: In den Pässen stand fortan Deutsche(r) anstelle von preußisch oder thüringisch. „Das erzeugte ein Gefühl der nationalen Einheit“, berichtet Götz Aly. Die Neuregelungen kamen in der Krise gut an. „Die Menschen schöpften Hoffnung und hatten das Gefühl, es ginge gerecht zu.“ Aly betont, weder die NS-Ideologie noch das Charisma des Führers seien entscheidend gewesen für die Zustimmung zum NS-Regime.

Diese kippt auch mit Beginn des Zweiten Weltkrieges nicht, „der Krieg gegen Polen war binnen drei Wochen gewonnen“. Erst der Angriff auf die Sowjetunion am 1. Juni 1941 ist eine Zäsur, bringt eine radikale Wende mit sich. Nun geht es um Sieg oder Untergang, markiert laut Götz Aly den Übergang von der Volks- zur Verbrechergemeinschaft. Die Machthaber arbeiten nun mit der Drohkulisse, was den Leuten blühe, wenn der Krieg verloren ginge. „Die Menschen sind in das Böse integriert worden“, formuliert der Autor und nennt als Beispiel: „Die Juden wurden immer tagsüber deportiert. So konnte es jeder sehen. Anschließend wurde ihr Hausrat versteigert.“ Es sei um Mitwisserschaft, um kleines Profitieren und die Vorstellung, dass Ungeheuerliches passiert sei, gegangen.

Einer, der diese Mechanismen früh erkannte und die Deutschen in seinen Ansprachen auf dem deutschsprachigen Kanal der BBC damit konfrontierte, war der im Exil lebende Schriftsteller und Nobelpreisträger Thomas Mann. Götz Aly zitiert aus einer Rede vom 1. November 1941: „(…) Eure Führer, die Euch zu all diesen Schandtaten verführt haben, sagen Euch: Nun habt Ihr sie begangen, nun seid Ihr unaufhörlich an uns gekettet, nun müsst Ihr durchhalten bis aufs Letzte, sonst kommt die Hölle über Euch.“

Mit langanhaltendem Applaus bedankt sich das Publikum für die Ausführungen, nach der kurzen Diskussionsrunde begibt sich Götz Aly zum Büchertisch und signiert einige Exemplare seines Bestsellers, auf dessen Fragestellung er an diesem Abend Antworten gegeben hat.

Anke Schlicht
Redaktion Celler Presse
Foto: Anke Schlicht

Hinweis zu der Meldung
Diese Seite zeigt gesponsorten Marketing-Inhalt, Quell- und Informationslinks sowie extern eingespielte Banner und Flash-Anzeigen.

WhatsApp-Kanal Immer bestens informiert! Erhalten Sie die neuesten Nachrichten und Updates jetzt auch direkt auf Ihr Smartphone. Folgen Sie unserem WhatsApp-Kanal und bleiben Sie schnell und unkompliziert auf dem Laufenden. Hier klicken und abonnieren!



Anzeige