Montag, 11. Mai 2026

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„Sei ein Mensch“ – Gedenken an der Rampe bewegt Besucher

In ruhiger und respektvoller Atmosphäre ist am Samstag an der historischen Verladerampe in Bergen an die Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen vor 81 Jahren erinnert worden. Die Arbeitsgemeinschaft Bergen-Belsen e.V. hatte zu der Gedenkveranstaltung eingeladen, zu der zahlreiche Gäste, Angehörige und Besucher zusammenkamen.

Musikalischer Auftakt mit Gebet

Zu Beginn der Veranstaltung stand ein Gebet von Kantor Andre Sitnov von der liberalen jüdischen Gemeinde Hannover. Mit Gesang und Klarinette setzte er einen würdevollen Auftakt und schuf einen stillen Rahmen für das anschließende Gedenken.

Erinnerung als Auftrag an die Gegenwart

Im Anschluss begrüßte Elke von Meding die Anwesenden. Unterstützt wurde sie von ihrer Enkelin Mathilde von Meding, die Teile der Ansprache ins Niederländische übersetzte. Von Meding erinnerte daran, dass sich die Befreiung des Lagers zum 81. Mal jährt – ein Ereignis, das für viele zur Geschichte geworden sei, für die Betroffenen jedoch nie Vergangenheit sei. „Es ist über ein halbes Jahrhundert her – für euch ist es Geschichte, für mich ist es wie gestern“, zitierte sie eine Überlebende.

Sie sprach auch über die Bedeutung der Rampe als historischen Ort: Hier seien Menschen in offenen Waggons angekommen, hier habe ihre Deportation in das Lager begonnen. Gleichzeitig sei dieser Ort durch die Arbeit der AG Bergen-Belsen zu einem Ort des Erinnerns geworden. Von Meding schlug zudem eine Brücke zur Gegenwart und verwies auf aktuelle Konflikte und militärische Aktivitäten in unmittelbarer Nähe. Gerade deshalb sei es wichtig, innezuhalten und sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen.

Auch die ursprünglich eingeladenen Gäste Greet und Robert Coopmann erwähnte sie. Beide gehören zur Gruppe der „Unbekannten Kinder“, konnten jedoch aufgrund der aktuellen Lage nicht anreisen. Umso dankbarer zeigte sich von Meding, dass kurzfristig Ersatz gefunden werden konnte.

Familiengeschichte als Teil der Erinnerung

Die Historikerin und Kuratorin der Gedenkstätte Bergen-Belsen, Diana Gring, übernahm anschließend die Einführung in die Veranstaltung. Sie stellte den kurzfristig eingesprungenen Redner Thijs van Rees vor und ordnete dessen Familiengeschichte historisch ein. Gring berichtete, wie van Rees vor Jahren erstmals Kontakt zur Gedenkstätte aufgenommen hatte, um mehr über das Schicksal seiner Familie zu erfahren. Aus dieser Recherche sei über die Jahre eine enge Verbindung entstanden.

Sie schilderte auch die Lebensgeschichte seiner Mutter Elsa van den Bergh, die als Jugendliche über mehrere Stationen nach Bergen-Belsen deportiert wurde. Ihr Vater starb im Lager, ihre Mutter kurz nach der Befreiung. Elsa kehrte als junge Vollwaise in die Niederlande zurück. Gring machte deutlich, wie schwer es für Angehörige sei, Orte wie die Rampe zu besuchen, an denen sich das Leid der eigenen Familie konkret nachvollziehen lasse.

In ihrer Ansprache ging sie zudem auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen ein und betonte die Bedeutung der Erinnerungskultur. Sie zitierte dabei den Appell, dass ein Schlussstrich unter die Erinnerung zugleich ein Schlussstrich unter die Demokratie wäre.

Persönliche Einblicke von Thijs van Rees

Anschließend sprach Thijs van Rees selbst. In seiner auf Englisch gehaltenen Rede schilderte er eindrücklich, wie die Erfahrungen seiner Mutter das Leben der gesamten Familie geprägt haben. Er erzählte von ihrer Kindheit in den Niederlanden, der Deportation, den Jahren in verschiedenen Lagern und dem Verlust ihrer Eltern.

Er machte deutlich, dass seine Mutter nach dem Krieg vor allem eines wollte: das zurückgewinnen, was ihr genommen worden war. Sie habe sich bewusst für eine große Familie entschieden, als Versuch, dem Verlust von Angehörigen und Heimat etwas entgegenzusetzen. „Das Einzige, was sie glücklich machen konnte, war eine große, liebevolle Familie“, beschrieb van Rees diesen Wunsch. Er selbst sei als ältestes von fünf Kindern Teil dieses Neubeginns gewesen.

Gleichzeitig blieb die Vergangenheit präsent. Van Rees schilderte, wie sich die Kriegserlebnisse seiner Mutter auch im Alltag widerspiegelten. Ängste, plötzliche Stimmungswechsel und die Nachwirkungen des Erlebten hätten die Familie über Jahre begleitet. Viele Kinder von Überlebenden hätten nicht nur die Liebe ihrer Eltern, sondern auch deren Sorgen und Unsicherheiten übernommen.

Besonders eindrücklich beschrieb er auch einen Moment aus seiner Jugend, in dem ihm erstmals bewusst wurde, dass er selbst jüdisch ist – eine Information, die seine Eltern aus Angst vor erneuter Verfolgung lange bewusst zurückgehalten hatten. Dieser Schutz habe zugleich gezeigt, wie tief die Erfahrungen des Krieges bis in die nächste Generation hineinwirkten.

Van Rees berichtete zudem von seinem eigenen Weg, sich dieser Geschichte zu nähern. Jahrzehntelang habe ihm der Mut gefehlt, den Ort aufzusuchen, an dem seine Familie gelitten hat. Erst viele Jahre später besuchte er erstmals die Gedenkstätte Bergen-Belsen. Heute komme er regelmäßig hierher – auch, um an seine Familie zu erinnern, deren Spuren sich an diesem Ort finden, und um sich seiner eigenen Geschichte zu stellen.

Überlebende vor Ort setzen besondere Zeichen

Unter den Gästen befanden sich auch Überlebende des Lagers, darunter Noomi Rinat und Pavel Kučera. Ihre Anwesenheit wurde von vielen Besuchern als besonderes Zeichen wahrgenommen. Die Begegnungen am Rande der Veranstaltung zeigten, wie groß die Wertschätzung für die Zeitzeugen ist.

Zugleich wurde deutlich, dass sich das Gedenken im Wandel befindet. Während die Zahl der Überlebenden abnimmt, treten zunehmend deren Kinder und Angehörige in den Vordergrund. Zwischen ihnen entstehen Kontakte und Freundschaften, die über Ländergrenzen hinausreichen. Neben dem Erinnern gewinnt so auch der persönliche Austausch eine neue Bedeutung – für viele hat das Treffen inzwischen auch den Charakter eines Wiedersehens.

Zeichen für Demokratie und Zusammenhalt

Einen weiteren Beitrag leistete die Gruppe Südheide bunt, die sich für Demokratie, Vielfalt und gegen das Vergessen engagiert. In einer kurzen Ansprache machten die Mitglieder deutlich, wie wichtig es sei, Erinnerungsarbeit auch mit jüngeren Generationen fortzuführen und wachzuhalten. Gerade in der heutigen Zeit dürften solche Veranstaltungen nicht an Bedeutung verlieren. Anschließend trugen sie den Text des Liedes „Komm, wir ziehen in den Frieden“ von Udo Lindenberg vor und setzten damit ein Zeichen für Verständigung und ein friedliches Miteinander.

Abschluss mit klarem Appell

Zum Abschluss ergriff Elke von Meding erneut das Wort. In ihrem Appell erinnerte sie daran, dass die Verantwortung für das Erinnern bei den nachfolgenden Generationen liege. Sie rief dazu auf, sich nicht von einfachen Parolen leiten zu lassen und im Alltag Haltung zu zeigen. „Sei ein Mensch“, lautete ihr abschließender Satz – verbunden mit der Aufforderung, respektvoll miteinander umzugehen und die Erfahrungen der Vergangenheit nicht zu vergessen.

Die zentrale Gedenkveranstaltung zum Jahrestag findet am Sonntag um 11 Uhr an der Gedenkstätte Bergen-Belsen am Obelisken statt.

Redaktion
Celler Presse
Foto: Celler Presse

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