1:2 – HSV taumelt Richtung Klassenerhalt
So recht wusste nach Abpfiff beim HSV niemand, wie man dieses Ergebnis einordnen sollte. Zwar hatte man 1:2 im Abendspiel gegen Hoffenheim verloren, aber dennoch gab es an diesem Tag auch Grund zum Jubeln. Denn schon vor dem Anpfiff des Abendspiels stand durch die etwas überraschende Niederlage des Lokalrivalen FC St. Pauli beim Tabellenletzten aus Heidenheim und das Unentschieden des VfL Wolfsburg gegen Borussia Mönchengladbach fest, dass der HSV seinen Fünf-Punkte-Vorsprung vor den Abstiegsplätzen mindestens würde wahren können.























Dass es schwer werden würde, diesen Vorsprung weiter auszubauen, dürfte vielen, die es mit dem HSV hielten, schon vor dem Anpfiff klar gewesen sein. Mit der TSG Hoffenheim wartete schließlich ein Gegner auf die Hamburger, der Ambitionen auf einen Champions-League-Platz hegt. Zudem plagten den HSV weiterhin Verletzungssorgen: Mit Luka Vušković und Sambi Lokonga musste der Verein erneut auf zwei seiner wichtigsten Spieler in der Startelf verzichten. Ausfälle, die der Aufsteiger nicht ohne Weiteres verkraften kann, wie schon die letzten Wochen gezeigt hatten, in denen ein bedenklicher Abwärtstrend der Leistungen nicht zu leugnen war.
Die 57.000 Zuschauer im ausverkauften und bitterkalten Volksparkstadion sahen nach einer beeindruckenden Choreografie der überwiegend in Rot und Weiß gekleideten Nordkurve einen munteren Beginn des HSV, der gewillt war, dem Abwärtstrend entgegenzuwirken und die Nachmittagsergebnisse der Konkurrenten zu veredeln. Insbesondere Ransford-Yeboah Königsdörffer zeigte sich dabei in den ersten Minuten als Aktivposten. Erste Torschüsse von Bakery Jatta und Fábio Vieira jeweils auf Vorlage von Königsdörffer gerieten jedoch zu hoch bzw. wurden geblockt. Nach einer weiteren Gelegenheit von Jatta, die von Albian Hajdari mit vollem Einsatz im Strafraum unterbunden werden konnte, hatten die Hausherren ihr Offensivpulver erst einmal verschossen.
Das Spielgeschehen verlagerte sich zusehends in die Spielhälfte der Hamburger, was in der 18. Minute schließlich in der Hoffenheimer Führung resultierte. Eine punktgenaue Flanke des starken Vladimír Coufal fand Fisnik Asllani, der völlig freistehend zum 1:0 abschließen konnte. Einerseits bestätigte dieses Gegentor die Erzählung, dass die Abwehr des HSV ohne Vušković erheblich an Stabilität eingebüßt hat (was unbestritten der Fall ist). Andererseits wurde Nicolás Capaldo bei seinem Rettungsversuch von seinem Gegenspieler an der Grenze der Regelkonformität festgehalten, was Asllani seine Arbeit erleichtert haben dürfte.
Der HSV konnte das Spiel in der Folge etwas ausgeglichener gestalten, ohne wirklich gefährlich vor das Tor der Gäste zu kommen. Ein harmloser Schuss von Grønbæk nach Kombination mit Vieira und ein schlecht ausgespielter Konter blieben zunächst die einzigen Chancen der Hamburger. Es war am Ende ein Geschenk der Hoffenheimer Hintermannschaft, das den Ausgleich ermöglichte. Robert Glatzel nutzte einen zu kurz geratenen Rückpass von Ozan Kabak und lief frei auf Nationaltorhüter Oliver Baumann zu, der sich nur durch ein Foul zu helfen wusste. Nach der regelkonformen gelben Karte für Baumann und den obligatorischen Diskussionen inklusive Überprüfung durch den VAR trat der Gefoulte schließlich selbst an und schob den Ball lässig ins Tor. Ausgleich, Jubel, Euphorie. Der Klassenerhalt nur noch ein Tor entfernt.
Fast wäre die Euphorie sofort im Keim erstickt worden, denn nur eine Glanzparade von Daniel Heuer Fernandes verhinderte, dass ausgerechnet Kabak, der mit seinem Fehler den Elfmeter begünstigt hatte, auf der Gegenseite mitten im noch andauernden Jubel der Fans sofort zur erneuten Hoffenheimer Führung einköpfte. Doch kurz vor der Halbzeit war auch Heuer Fernandes machtlos. Ausgangspunkt war, wie schon beim ersten Treffer, eine Flanke von Coufal, die die HSV-Abwehr nicht entscheidend klären konnte. Nach Kopfball-Pingpong landete der Ball am Ende bei Tim Lemperle, der den Ball aus kurzer Distanz zum 2:1 für Hoffenheim einschob. Nicht unverdient, da die Kraichgauer in den letzten Minuten der ersten Halbzeit die aktivere Mannschaft waren und den Druck etwas erhöht hatten. In der Entstehung dennoch sehr unglücklich für die Hausherren.
Die Möglichkeit zur Antwort auf den Ausgleich musste noch etwas länger auf sich warten lassen, da sich der Beginn der zweiten Halbzeit etwas verzögerte. Die Pyroshow der HSV-Fans setzte die Nordkurve zunächst unter Feuer und vernebelte anschließend einen Teil des Stadions. Auch die wenigen mitgereisten Hoffenheimer Fans wollten sich nicht lumpen lassen und taten ihr Möglichstes, zur überflüssigen Spielverzögerung beizutragen.
Die erste Chance der Gastgeber zum Ausgleich ließ nach dem Wiederanpfiff nicht lange auf sich warten. Über Jatta und Vieira landete der Ball bei Königsdörffer, dessen Schuss von der Strafraumkante das Tor allerdings verfehlte. Fortan übernahm Hoffenheim immer mehr das Kommando und kam zu kleineren Gelegenheiten. Ein Hajdari-Pass in den Strafraum brachte Asllani gekonnt in Szene, der den Ball aber nicht unter Kontrolle bringen konnte. Kurze Zeit später konnte sich Heuer Fernandes bei einem Kopfball von Bazoumana Touré auszeichnen. Die Hamburger setzten dem die letztendlich brotlose Kunst von Vieira entgegen: Seinen sehenswerten Chip passte Capaldo zu Glatzel, dessen Schuss aber geblockt wurde.
Als das Spiel etwas ideen- und schwunglos auf die Endphase zusteuerte, sorgte der kurz zuvor eingewechselte Grischa Prömel mit seinem Schubser gegen Nicolai Remberg für kurzzeitige Unruhe auf dem Spielfeld und holte sich seine wohlverdiente fünfte gelbe Karte ab. Ein Schelm, der Böses dabei denkt: Für das kommende Spiel gegen seinen neuen Verein VfB Stuttgart ist Prömel damit gesperrt. Aufgeweckt und motiviert von der Schubserei hätte das Spiel gute fünf Minuten später noch eine entscheidende Wendung nehmen können. Eine kurze Ecke von Grønbæk zauberte Vieira in den Strafraum, wo Jatta den Ball, offenbar überrascht von zu viel freiem Platz, über das Tor köpfte. Es war dies die beste und auch letzte große Chance des HSV auf den Ausgleich.
Der HSV zeigte sich im Vergleich zu den letzten Wochen spürbar verbessert, zeigte mehr Gegenwehr und Leidenschaft und beendete das Spiel ohne rote Karte. Scheinbare Selbstverständlichkeiten, die zuletzt gar nicht selbstverständlich waren. So gesehen hätte der HSV trotz der optischen Hoffenheimer Überlegenheit aus diesem Spiel durchaus auch einen Punkt mitnehmen können. Vorwerfen lassen musste sich die Mannschaft allerdings das Agieren in den verbleibenden Minuten nach der Riesenchance von Jatta. Die erwartete Schlussoffensive fiel komplett aus. Stattdessen war es aus Hamburger Sicht bestenfalls eine ausgeglichene Schlussphase nach dem Motto „die einen wollten nicht (Hoffenheim), die anderen konnten nicht (HSV)“. Sinnbildlich für die Harmlosigkeit des HSV war die letzte Szene des Spiels: Ryan Philippe köpfte eine Flanke Richtung Eckfahne. So waren die Hoffenheimer durch Chancen von Kabak und Prömel in den letzten Minuten dem 3:1 näher als die Hamburger dem Ausgleich.
Durch den Sieg schoben sich die Hoffenheimer zumindest für einen Tag vorbei am VfB Stuttgart auf den vierten Platz und brachten sich in eine gute Ausgangsposition im Kampf um einen Champions-League-Platz. Eine Vorentscheidung könnte bereits am kommenden Wochenende im direkten Duell der beiden Konkurrenten aus dem Südwesten fallen.
Der HSV verpasste zum x-ten Mal, einen die Nerven beruhigenden Dreier einzufahren, und hing damit weiter im Abstiegskampf fest, der – vom leicht abgeschlagenen Tabellenletzten aus Heidenheim abgesehen – zu einer fast ausschließlich norddeutschen Angelegenheit geworden ist. Alle vier Nordclubs standen irgendwo an der Grenze zwischen Abstieg bzw. Relegation und Klassenerhalt. Sogar ein fünfter Nordclub könnte ein entscheidendes Wort im Abstiegskampf spielen, denn als Gegner im Relegationsspiel wartete möglicherweise Hannover 96. Trotz der Niederlage hatten sich die Aussichten für den HSV aber keineswegs verdüstert. Ebenso wie Bremen (die am Sonntag noch in Stuttgart spielten) und Köln hatten sie nach wie vor einen Vorsprung von fünf Punkten auf St. Pauli, was angesichts von nur noch drei Spielen deutlich mehr als nichts ist. Dass die Ausgangslage für den HSV trotz mittlerweile sechs sieglosen Spielen in Folge so gut ist, war zwar auch auf die Ergebnisse der Konkurrenten zurückzuführen, die sich nur im Schneckentempo näherten. Zur Wahrheit gehörte aber auch, dass sich die Mannschaft diese Ausgangsposition durch gute Spiele in den Wintermonaten selbst herausgespielt hatte. So könnte es durchaus sein, dass der HSV am Ende der Saison taumelte und fiel, aber dennoch am rettenden Ufer aufschlug.
Aufstellungen:
Heuer Fernandes – Capaldo, Torunariga, Omari (ab 88. Downs) – Jatta (ab 74, Gocholeishvili), Remberg, Grønbæk (ab 88. Philippe), Mikelbrencis (ab 74. Lokonga), Fábio Vieira – Königsdörffer, Glatzel (ab 64. Stange)
Baumann – Coufal, Hranáč (ab 46. Bernardo), Kabak, Hajdari – Avdullahu, Kramarić (ab 75. Prass), Burger – Lemperle (ab 85. Moerstedt), Asllani (ab 64. Prömel), Touré (ab 85. Campbell)
Tore:
0:1 Asllani (18.)
1:1 Glatzel (34./Elfmeter)
1:2 Lemperle (45.)
Gelbe Karten:
Remberg, Lokonga – Baumann, Hranáč, Burger, Prömel
Zuschauer:
57.000 (ausverkauft)
Redaktion
Celler Presse
Fotos: Celler Presse
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