Donnerstag, 18. Juni 2026

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Eine Familie aus Celle kaufte einen Gebrauchtwagen für die Tochter und fand über die Fahrzeughistorie heraus dass 60.000 Kilometer fehlten

Die Tochter hatte gerade den Führerschein gemacht, im Dezember 2025, und die Eltern wollten ihr zum Geburtstag im Februar ein Auto schenken, nichts Großes, irgendwas Kompaktes, Benziner, unter 8000 Euro wenn möglich. Der Vater erzählt mir am Telefon dass sie ungefähr zwei Wochen lang abends auf dem Sofa Inserate durchgeschaut haben, er auf dem Handy, seine Frau am Laptop, und dass die Hälfte der Angebote entweder zu weit weg war oder zu teuer oder beides. Er arbeitet bei einem Zulieferer in Lachendorf und kennt sich mit Autos ein bisschen aus, genug um zu wissen wo man hinschauen muss, sagt er jedenfalls. Irgendwann haben sie einen weißen Kleinwagen gefunden, Baujahr 2019, Tacho bei 58000, 7400 Euro bei einem Händler am Stadtrand von Celle, zwischen der B214 und dem Gewerbegebiet Richtung Groß Hehlen. Der Wagen war als scheckheftgepflegt inseriert, Fotos sahen gut aus, und der Preis war für die Gegend in Ordnung.

Der Vater ist an einem Samstagnachmittag hingefahren, allein, die Tochter wusste nichts davon, Überraschung. Hat sich das Auto angeschaut, Probefahrt gemacht, Motor lief rund, Innenraum ordentlich, Reifen noch gut. Er wollte am Montag unterschreiben. Seine Schwester, die in Hannover wohnt und die mal einen gebrauchten Van mit zurückgedrehtem Tacho gekauft hatte, so vor vier fünf Jahren, die hat ihn am Sonntagmorgen angerufen und gesagt er soll vorher die Fahrzeughistorie prüfen lassen, die erzählt das jedem in der Familie, beim Grillen, an Weihnachten, immer dieselbe Geschichte mit dem Van. Also hat er das gemacht. Der Bericht zeigte dass der Wagen bei der letzten HU anderthalb Jahre vorher mit 119000 Kilometern registriert war. 119000 zu 58000, das sind 61000 Kilometer Differenz, und die kann nicht durch einen Tachowechsel entstanden sein. Der Vater hat am Montag beim Händler angerufen und gefragt wie das sein kann. Der Händler hat gesagt er habe das Auto so angekauft und könne sich die Differenz nicht erklären. Danach hat er nicht mehr zurückgerufen.

Ich habe mit Günther Voss gesprochen, Kfz-Sachverständiger in Celle, der macht seit elf Jahren Gutachten für Versicherungen und Privatleute, Büro in der Nähe vom Schloss. Der sagt solche Fälle sieht er vielleicht zwei drei Mal im Monat, meistens Kompaktklasse und Kleinwagen, also genau das Segment wo junge Leute und Familien kaufen und wo die Preissensibilität am höchsten ist. Die Differenzen liegen meistens zwischen 40000 und 80000 Kilometern, sagt er, genug um den Preis um 3000 bis 5000 Euro nach oben zu drücken. Der ADAC schätzt dass jeder dritte Gebrauchtwagen in Deutschland einen manipulierten Tacho hat. Laut einer Studie des Europäischen Parlaments liegt die Manipulationsquote beim grenzüberschreitenden Handel bei 30 bis 50 Prozent. Celle liegt an der A2, Hannover ist eine halbe Stunde, und über die A2 und A1 kommen die Importfahrzeuge aus Polen und dem Baltikum rein, das weiß hier jeder Händler. Voss sagt die Fahrzeuge die bei ihm auffallen haben meistens eine polnische oder litauische Vorzulassung, nicht immer, manchmal auch eine niederländische, die Niederlande sind von hier aus auch nicht weit. Voss erzählt dass viele Käufer zuerst nach auto historie prüfen kostenlos suchen, dann merken dass die Schnellabfrage nur Grunddaten zeigt, und sich am Ende für einen bezahlten Vollbericht entscheiden.

Das KBA meldet für 2024 einen Durchschnitt von 12309 Kilometern pro Pkw, Diesel bei knapp 17000, Benziner bei 9500. Der DAT-Report sagt Gebrauchte werden privat im Schnitt mit 82400 Kilometern verkauft. Bei einem Kleinwagen mit angeblich 58000 auf dem Tacho rechnet ein Käufer mit niedrigen Wartungskosten und keinen größeren Reparaturen in den nächsten zwei drei Jahren. Wenn tatsächlich 119000 drauf sind sieht die Rechnung anders aus, Zahnriemen, Kupplung, Bremsen, alles ist dann weiter runter als man denkt. Der Vater aus Celle sagt er sei froh gewesen dass er nicht unterschrieben hatte, seine Frau war wütend weil sie drei Wochen in die Suche gesteckt hatten und weil der Händler offensichtlich wusste was mit dem Tacho los war. Die Tochter hat dann zwei Wochen später ein anderes Auto bekommen, von einem Händler in Hambühren, Baujahr 2018, 71000 Kilometer, diesmal mit durchgängiger Servicehistorie und einem TÜV-Bericht der zum Tachostand gepasst hat. Der Vater hat vorher die Fahrzeughistorie prüfen lassen, wo die komplette Kilometerhistorie sauber durchlief. Seine Schwester aus Hannover hat er hinterher angerufen und ihr gesagt sie habe recht gehabt. Die hat sich gefreut, sagt er, und wird das wahrscheinlich ab jetzt auch noch jedem erzählen.

Seit August 2005 ist Tachomanipulation nach §22b StVG strafbar, bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe. Wer ein manipuliertes Fahrzeug verkauft begeht Betrug nach §263 StGB. In der Praxis passiert wenig. Das LKA Niedersachsen hat 2024 nach eigenen Angaben 63 Ermittlungsverfahren wegen gewerbsmäßiger Tachomanipulation eingeleitet, die meisten im Raum Hannover und Braunschweig. Voss aus Celle sagt er kennt keinen einzigen Fall aus dem Landkreis der zu einer Verurteilung geführt hat, obwohl er seit elf Jahren Gutachten schreibt. Der Händler der den weißen Kleinwagen angeboten hatte ist unter der alten Nummer nicht mehr erreichbar, die Internetseite zeigt noch Fahrzeuge an aber wenn man anruft geht niemand ran. Ob er den Laden zugemacht hat oder woanders weiterverkauft weiß niemand. Das Auto steht wahrscheinlich immer noch irgendwo zum Verkauf, mit 58000 auf dem Tacho und 119000 in den TÜV-Unterlagen, und der nächste Käufer wird die Differenz finden oder auch nicht.

Voss erzählt mir noch dass er letztens einen Transporter begutachtet hat, Besitzer war ein Elektriker aus Winsen an der Aller, der hatte das Fahrzeug acht Monate gefahren bevor das Getriebe kaputtging, Werkstattrechnung über 3800 Euro. Erst dann hat er die Historie prüfen lassen und gesehen dass wahrscheinlich über 100000 Kilometer fehlten, das Fahrzeug war über einen Händler in Wolfsburg gekommen der es wiederum aus Litauen importiert hatte. Der Elektriker hat Anzeige erstattet, Voss hat das Gutachten geschrieben, und nach fünf Monaten hat die Staatsanwaltschaft das Verfahren eingestellt weil der litauische Vorbesitzer nicht ermittelt werden konnte. Der Elektriker hat die Werkstattrechnung selbst bezahlt und fährt den Transporter immer noch, weil er kein Geld für einen neuen hat. Voss sagt solche Geschichten hört er ständig, nicht jede Woche, das wäre übertrieben, eher ein zwei Mal im Monat. Und jedes Mal fragt er sich warum die Leute nicht vorher prüfen, und jedes Mal weiß er die Antwort, weil es Geld kostet und weil man glaubt dass einem das nicht passiert.

Foto: LoggaWiggler/ Pixabay

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