Mittwoch, 22. Juli 2026

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Kundgebung der Stadtteilgewerkschaft Neuenhäusen vor dem Jobcenter Celle – „Keine Kürzung der Menschenwürde“

Unter dem Motto „Keine Kürzung der Menschenwürde“ hat die Stadtteilgewerkschaft Neuenhäusen am Montag vor dem Jobcenter Celle gegen die zum 1. Juli 2026 eingeführte Grundsicherung demonstriert. Gleichzeitig informierten die Teilnehmenden über ihre Beratungs- und Unterstützungsangebote für Menschen im Leistungsbezug.

Nach Auffassung der Stadtteilgewerkschaft führe die neue Grundsicherung zu einer deutlichen Verschärfung der Sanktionsmöglichkeiten. Individuelle Lebenssituationen würden dadurch zunehmend unberücksichtigt bleiben. Statt Menschen in schwierigen Lebenslagen zu unterstützen, bestehe die Gefahr, dass sie weiter in Armut und existenzielle Notlagen gedrängt würden.

Nach Angaben der Stadtteilgewerkschaft zeigten auch die Entwicklungen in Celle eine zunehmende Verschärfung der Sanktionspraxis. Während im Jahr 2024 noch 389 Menschen von Leistungsminderungen des Jobcenters Celle betroffen gewesen seien, habe sich diese Zahl im Jahr 2025 auf 668 erhöht. Dies entspreche einem Anstieg von mehr als 70 Prozent.

Besonders betroffen seien nach Einschätzung der Gewerkschaft Menschen mit psychischen Erkrankungen oder anderen erheblichen Belastungen, die einer Erwerbstätigkeit nur eingeschränkt oder gar nicht nachgehen könnten. Auch Alleinerziehende würden durch die neuen Regelungen besonders belastet. So sehe die Reform vor, dass sie künftig bereits ab dem 14. Lebensmonat ihres Kindes verpflichtet werden könnten, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen.

Fall einer 18-jährigen Schülerin

Während der Kundgebung schilderte die Stadtteilgewerkschaft den Fall einer 18-jährigen Schülerin aus Celle. Nach ihrem 18. Geburtstag sei der Unterhaltsvorschuss entfallen. Da ihre Eltern aufgrund ihrer eigenen wirtschaftlichen Situation keinen Unterhalt leisten könnten, habe die junge Frau bereits im November 2025 Leistungen beim Jobcenter beantragt.

Nach Darstellung der Stadtteilgewerkschaft habe sie auch acht Monate später noch keine Leistungen erhalten. Das Jobcenter habe dies mit fehlenden Unterlagen begründet. Diese seien jedoch bereits zweimal persönlich eingereicht und im März 2026 ein weiteres Mal über ihre Rechtsanwältin übermittelt worden. Dennoch sei ein Versagungsbescheid wegen angeblich fehlender Mitwirkung ergangen. Gegen diesen Bescheid sei inzwischen Klage erhoben worden.

„Trotz ihres gesetzlichen Anspruchs erhält die Schülerin bislang weder Leistungen zum Lebensunterhalt noch die Übernahme ihrer Mietkosten. Um die 13. Klasse abschließen zu können, ist sie gezwungen, neben dem Vollzeitunterricht zu arbeiten. Dieser Fall zeigt beispielhaft, welche existenziellen Folgen eine verweigerte Leistungsgewährung haben kann. Das bewerten wir als absolut menschenunwürdig“, erklärte Hanna Rossmann von der Stadtteilgewerkschaft Neuenhäusen.

Sorge vor steigender Wohnungslosigkeit

Mit großer Sorge blickt die Stadtteilgewerkschaft nach eigenen Angaben auf die Auswirkungen verschärfter Sanktionen auf den ohnehin angespannten Wohnungsmarkt. Bereits heute gestalte sich die Wohnungssuche für viele Menschen äußerst schwierig. Würden zusätzlich die Kosten der Unterkunft gekürzt oder Leistungen vollständig entzogen, steige das Risiko eines Wohnungsverlustes erheblich.

Nach aktuellen Angaben seien im Jahr 2025 bundesweit nahezu 500.000 Menschen wohnungslos gewesen. Die Stadtteilgewerkschaft kritisiert insbesondere, dass künftig erneut vollständige Leistungskürzungen einschließlich der Kosten der Unterkunft möglich werden könnten.

„Obwohl vergleichbare Regelungen bereits als verfassungswidrig bewertet wurden, droht Betroffenen dadurch unmittelbar der Verlust ihrer Wohnung. Der Weg in die Obdachlosigkeit kann beginnen, noch bevor andere Sozialleistungen greifen“, sagte Hanna Rossmann.

Solidarität statt Ausgrenzung

Die Stadtteilgewerkschaft Neuenhäusen setzt nach eigenen Angaben den verschärften Regelungen das Konzept eines solidarischen Miteinanders entgegen. Menschen benötigten Unterstützung, die ihre individuellen Lebenslagen berücksichtige und ihnen langfristige Stabilität ermögliche. Nur so könnten sie ihre Fähigkeiten entfalten und dauerhaft am gesellschaftlichen Leben teilhaben.

Zugleich fordert die Stadtteilgewerkschaft, die politische Debatte stärker auf die Ursachen sozialer Ungleichheit zu richten. Eine gerechtere Besteuerung großer Vermögen könne nach ihrer Auffassung einen wichtigen Beitrag zur Finanzierung öffentlicher Aufgaben leisten und der wachsenden sozialen Ungleichheit entgegenwirken.

Beratungsangebot

Die Stadtteilgewerkschaft Neuenhäusen bietet jeden Mittwoch von 17 bis 18 Uhr eine solidarische Sozialberatung im Stadtteiltreff Neuenhäusen an. Dort erhalten Betroffene Unterstützung bei Problemen mit Behörden sowie die Möglichkeit, sich mit anderen Menschen im Stadtteil solidarisch zu vernetzen.

Die Beratung ist kostenlos und steht allen Interessierten offen.

Kontakt:
Stadtteilgewerkschaft Neuenhäusen
E-Mail: sin-gewerkschaft@systemli.org
Telefon: 0157 76553400

PR/Redaktion
Celler Presse
Foto: Marie Lüttich

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