„Schöne Wagen, hier“ – Celle im Käfer-Fieber mit Uralt-Limousine als Höhepunkt
Selbst, wer nicht das Event rund ums Neue Rathaus als Ziel ansteuert, bemerkt, dass weitläufig rund um den Veranstaltungsort im Verkehrsgeschehen etwas anders ist als üblich. Mehr Bunt auf den Straßen, viel Geknatter, gut gelaunte Menschen hinterm Steuer und Riesenteddybären auf dem Beifahrersitz, lässig den Arm aus dem Fenster gelehnt.











Es ist unüberseh- und unüberhörbar: Der 1. Käfer-Club Celle e.V. hat zu seinem traditionellen Celler Käfertreffen am ersten Sonntag im August geladen. Bereits zum Start um 11 Uhr ist das Gelände rund ums Neue Rathaus gefüllt mit Menschen und Nostalgie auf vier Rädern. Einige Besitzer haben es sich neben ihren Schätzen auf Camping-Stühlen bequem gemacht. Überall wird genau hingeschaut, fotografiert und gefachsimpelt, hier ist eine Gruppe von Retro-Fans unter sich. „So einen hatte ich in hellblau“, berichtet eine ältere Dame mit Wehmut in der Stimme. „Schöne Wagen hier“, spricht ein anderer Besucher aus, was alle, die sich hier einfinden, denken, andernfalls wären sie nicht gekommen. Ein Großteil der Gäste hat die Jugend lange hinter sich. Bei diesem 33. Käfer-Treffen wird sie wieder wach, denn der VW-Käfer war in den 1950er bis 1980er Jahren das, was sein Name sagt, ein Auto erschwinglich für jeden Mann und jede Frau, und dazu noch mit Gesicht und Charakter.
„Fahrkomfort sucht man vergebens“, trifft Olaf Gärtner während seiner Präsentation eine für Käfer allgemeingültige Aussage. Der Nienhägener hat für alle Gäste etwas ganz Besonderes mitgebracht, das gleich zum Start enthüllt und dann alle halbe Stunde geöffnet wird, bis am Mittag der Höhepunkt des diesjährigen Treffens auf dem Programm steht. Olaf Gärtner hält ein kurzes Referat über den KdF (Kraft durch Freude)-Wagen, Typ 60, Baujahr 1943, also den Vorläufer des VW-Käfer, auch Brezel- oder Uralt-Käfer genannt. Die Restaurierung hat 15 Jahre gedauert. „Heute präsentiere ich ihn das erste Mal der Öffentlichkeit“, sagt das Mitglied des Celler Käfer-Clubs zum Auftakt. Das schwarz-glänzende Auto mit geteilter Heckscheibe (Brezel), ist eine absolute Rarität, vermutlich gibt es weltweit noch höchstens zehn Exemplare. Sie waren keine gewöhnlichen VW-Käfer, sondern KdF-Limousinen, die als Vorbild für die Massenproduktion dienen sollten. Doch zu dieser kam es nie. Das Geld, das die Menschen gemäß dem Motto „Fünf Mark die Woche musst du sparen, willst du einen eigenen Wagen fahren“ per Sparmarken anlegten, wurde nicht in die Herstellung des Volkswagens investiert, sondern für die Kriegsproduktion verwendet. Insgesamt wurden von 1941 bis 1945 630 KdFs produziert, der Großteil war im Kriegseinsatz, wurde zerstört oder sehr stark beschädigt. Das Modell, das Olaf Gärtner besitzt, hebt sich noch einmal ab: „Es ist der einzige Wagen, der an das Reichsministerium für Volksaufklärung unter Leitung von Joseph Goebbels geliefert wurde“, erläutert er. Dieses war für die Propaganda zuständig, man fuhr mit der Limousine bei unterschiedlichsten Gelegenheiten vor, um zu suggerieren, dass die Fertigung des Volkswagens in vollem Gange sei, die Auslieferung kurz bevorstünde. De facto wurde kein einziger KdF an die Sparer verkauft.
Das 33. Celler Käfertreffen trifft mitten ins Herz einer großen Oldtimer-Community. Darüber hinaus setzt die Präsentation der KdF-Limousine einen besonderen Akzent und macht es gleichzeitig zu Anschauungsunterricht für Geschichte.
Anke Schlicht
Fotos: Anke Schlicht
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