Aschenbecher und Weinflaschen auf Gedenkinschrift für in Auschwitz Ermordeten
Es ist heiß während des Weinmarktes in der vergangenen Woche, am Samstagabend drängen sich die Besucher auf dem Großen Plan und dem Robert-Meyer-Platz dicht an dicht. Da ist jede Gelegenheit, sich niederzulassen, willkommen. So auch der Wassertisch, der an diesem Abend entgegen seiner angedachten Funktion kein Nass gegen die Hitze versprüht. Weinmarktbesucher haben es sich rundherum bequem gemacht, sie nutzen die Fläche kurzerhand als Tisch. Dass diese an einer Seite den Charakter eines „Grabsteins“ aufgrund des Materials und einer Inschrift aufweist, hat die Feiernden nicht abgehalten. Ohnehin sind die Buchstaben nicht leicht zu entziffern, seit der jüngsten Säuberung fehlt die Farbe.



Sabine Maehnert hatte in ihrer damaligen Funktion als Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit bereits kurz nach der offiziellen Eröffnung des sanierten und neu gestalteten Robert-Meyer-Platzes im April 2023 darauf hingewiesen: „…Zudem befindet sich dieser ‚Gedenkstein‘, montiert im Zusammenhang mit einem Wasserspiel, an einer Stelle, wo sich Menschen entspannen wollen und sollen und Kinder spielen.“ Nicht erst beim Weinmarkt kollidierte die Gedenkinschrift für den jüdischen Geschäftsmann Robert Meyer, der in Auschwitz ermordet wurde, mit dem Verhalten bei Events. Feiern die Abiturienten ihren Abschluss, suchen die Eltern einen guten Platz, um Fotos zu schießen, das stabile moderne Stadtmöbel trägt etliche Menschenkilo. Erhellt der Weihnachtsmarkt die Winterzeit, steht der Tisch zwischen Buden, wirkt deplatziert. Selbst wenn in der Altstadt nichts los ist, wird das Möbel jenseits seiner eigentlichen Bestimmung genutzt: Angezogen vom kühlen Nass, erobern es die Tauben, die sich in der Karstadt-Fassade eingerichtet haben.
Der angemessene Rahmen für eine Gedenkinschrift ist bei vielerlei Anlässen nicht gegeben, so auch beim Weinmarkt 2026. Die Veranstalter unter Leitung von Kai Thomsen und Britta Köhn hatten das Gelände für das Fest ausgeweitet auf den Robert-Meyer-Platz.
Dass im Zuge der Neugestaltung des Bereiches zwischen Karstadt und Großem Plan eine Inschrift für den Namensgeber des Platzes, Robert Meyer (1874-1943), enthüllt werden würde, war im April 2023 eine Überraschung gewesen. Das Ansinnen, in dieser Form an den einstigen jüdischen Mitbürger zu erinnern, war in keinem politischen Ausschuss angekündigt oder gar diskutiert worden. „Gerne hätte die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit an den Überlegungen zum Gedenken an Robert Meyer mitgewirkt. Dieser Entwurf ist für mich mehr als unglücklich“, hatte Sabine Maehnert den zweifelsohne inhaltlich gut gemeinten Alleingang der Verwaltung kritisiert. Überdies enthalte die Inschrift keine Informationen, die nicht schon an anderer Stelle am Robert-Meyer-Platz zu finden seien.
Das steinerne Stadtmöbel steht nun drei Jahre. Auch abseits der Inschrift sorgte es dann und wann für medialen Stoff, wenn beispielsweise die Wasserfontänen eine solche Kraft entwickelten, dass mancher Passant nicht erfrischt, sondern geduscht wurde, oder die Auslagen des benachbarten Textilgeschäftes getrocknet werden mussten.
Gut gemeint, ist eben nicht immer gut gemacht. Die jüngsten Bilder von gefüllten Aschenbechern und Weinflaschen auf der Gedenkinschrift lassen die Frage zu: Ist der Wassertisch mit Gedenkinschrift die richtige Form, um an einen Celler Mitbürger zu erinnern, der in Auschwitz ermordet wurde?
Anke Schlicht
Redaktion Celler Presse
Fotos: Anke Schlicht
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