Raum für künstlerische Schattenkinder – „…auf den Strich gekommen…“ im Freiraum
Den „Amateurmaler-Blues“ gibt Wolfgang Decker in guter alter Liedermacher-Manier zum Besten. Der Titel passt nur bedingt zur Vernissage der Ausstellung „…auf den Strich gekommen…“ im Freiraum, die Decker initiiert hat. Denn manches, was zu sehen ist bis zum 27. September, geht über eine „Amateur“-Urheberschaft hinaus. Die 99 Werke der 18 Kunstschaffenden bilden eine große Bandbreite unterschiedlicher Zeichenstile, Motive, Techniken und Qualitäten ab. Manche Bilder scheinen hervorgekramt aus Zeiten des Schul-Kunstunterrichts, andere stellen das dekorative Element durchaus kunstfertig in den Vordergrund, wenige sind satirisch zu verstehen, einige versuchen sich am Portrait und scheitern, andere portraitieren so trefflich, dass nicht nur der Blick hängenbleibt, sondern die Seele berührt wird.












„Wir zeichnen, um Geschichten zu erzählen“, sagt der Laudator des Nachmittags, Alwin Gröschner und fügt hinzu: „Oder um etwas festzuhalten mit leichtem Strich.“ Ersteres ist ein hoher Anspruch, letzteres gelingt Dietrich „Pütten“ Klatt meisterhaft. Er selber kann nicht mehr teilnehmen, seine Kunst vertritt ihn. Wir schauen in seine Werkstatt und damit gleichsam in eine vor Kurzem entschwundene Vergangenheit, zeitlos dagegen die mit dem Bleistift eingefangenen Altstadtansichten. „Jedes Bild, das hier hängt, hat eine eigene kleine Geschichte, es sind Gedankenmomente“, formuliert Alwin Gröschner und ist damit näher dran an den Inhalten der Schau, die Unausgereiftes neben mit leichter Hand auf den Punkt Gebrachtes präsentiert. Die 18 Kunstschaffenden sind bunt zusammengewürfelt, einige Namen kennt man aus dem Bund Bildender Künstler Celle, andere aus dem Atelier 22, wieder andere wie Andrea Lüchau, Pia Tutz (27.9.) und Dorothea Stockmar (19.9.) gehören auch der schreibenden Zunft an, sie lesen aus ihren Büchern an jeweils einem Nachmittag. Martin Henze taucht ebenfalls zweimal auf, er hat gezeichnet und gibt einen Workshop unter dem Titel „Urban Sketching“ (26.9.).
„Es handelt sich um eine große vielfältige Ausstellung mit Lesung und Workshop, dieser Mix ist es, der den Freiraum ausmacht“, sagt Tim Wegener in seiner Begrüßung im Namen von „Kultur allerorts“, die für die Bespielung der Location verantwortlich sind.
Wolfgang Decker freut sich, dass „man dort gelandet ist“. Er erläutert in seiner gleichermaßen unterhaltsamen wie informativen und musikalischen Einführung, weshalb er schon lange den Wunsch hegte, eine reine Zeichenschau an den Start zu bringen: „In gemischten Ausstellungen laufen die plakativen Gemälde aus Öl und Acryl den Zeichnungen meist den Rang ab. Diese und die Kunstfertigkeit dahinter erfahren dort selten die Aufmerksamkeit, die sie verdienen.“
Die stadteigene Kunstlocation in der Schuhstraße konnte hier Abhilfe schaffen, sie bietet außer montags und dienstags bis zum 27. September Raum für die künstlerischen Schattenkinder.
Anke Schlicht
Redaktion Celler Presse
Fotos: Anke Schlicht
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