Siedlung Blumläger Feld – „Modellprojekt für Haesler 2.0“
Es bräuchte heutzutage wohl einen wie ihn – die Parallelen zur Wohnungsnot Ende der 1920er, Anfang der 30er Jahre, für die der Architekt Otto Haesler (1880-1962) Lösungsmöglichkeiten aufzeigte, sind frappant. Die Architekturhistorikerin und Haesler-Expertin Dr. Simone Oelkers benennt beides im Rahmen der gestrigen Veranstaltung der „otto haesler initiative“ „Statt Abriss – Private Initiative ermöglicht Sanierung des Blumläger Feldes“ im Haesler-Museum.



„Wie aktuell dieses Thema ist“, betont sie zum Auftakt ihres Vortrags über den Architekten und sein Wirken in Celle. Mit Verweis auf das Blumläger Feld sagt sie: „Das ist eine Genialität, die dahintersteckt.“ Das auch aufgrund der dazugehörigen Gärten gemeinschaftsbildende, zeilenförmig angelegte und mittlerweile denkmalgeschützte Wohnquartier aus dem Jahr 1930/31 war das dritte und letzte Siedlungsprojekt von Otto Haesler in Celle, wo er sich im Jahr 1906 niedergelassen hatte. Seinerzeit ging es um Wohnraum für die Ärmsten der Armen, auch vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise. Haesler baute mit dem geringsten Aufwand an Material und verwendete als tragendes Gerüst ein Stahlskelett.
Dieses korrodierte im Laufe der Jahrzehnte teilweise. Im Jahr 2018 sah die städtische Wohnungsbaugesellschaft (WBG, mittlerweile „allerland“) als Eigentümerin die Sicherheit nicht mehr gewährleistet, alle Mieter der 52 Wohnungen mussten ausziehen. Seitdem steht der sogenannte 2. Bauabschnitt der Kleinstbausiedlung leer, verfällt zunehmend. Dass er dem Schicksal entkam, das vor 25 Jahren den 1. Bauabschnitt ereilt hatte, nämlich der Abrissbirne zum Opfer zu fallen, ist der Initiative von Dr. Hanno Ziehm und seinen Mitstreitern zu verdanken.
Der Hannoveraner wurde während eines Celle-Besuches vor einigen Jahren gemeinsam mit seiner Frau auf die Häuser aufmerksam, gründete kurzerhand mit Freunden die Blumläger Feld Celle GmbH CoKG und kaufte der „allerland“ das Ensemble ab. Fördergelder für eine denkmalgerechte Sanierung waren bereits vom früheren Stadtbaurat Ulrich Kinder eingeworben worden, später nahm sich die Bundestagsabgeordnete Kirsten Lühmann der Gelderrekrutierung an. Etliche bürokratische Hürden und der Regierungswechsel von Rot-Grün zu Rot-Schwarz verzögerten den Baustart, doch mittlerweile ist der Weg fast frei. „Am 1.7.2026 hat sich die Rechtsgrundlage für die Förderung Sozialen Wohnungsbaus geändert“, erläutert Hanno Ziehm, der den für die Sanierung des Blumläger Felder beauftragten Architekten Tobias Hübotter mitgebracht hat. 22 Einheiten sollen dem Erbe Haeslers folgend Sozialwohnungen werden. „Wir warten jetzt noch auf den Bescheid für den vorzeitigen Maßnahmenbeginn, dann wird ausgeschrieben“, umreißt Ziehm den Sachstand und übergibt an Tobias Hübotter.
RÜCKFÜHRUNG IN ORIGINALZUSTAND
„Wir führen zurück in den Originalzustand“, erklärt der Diplom-Ingenieur. Es werde eine Ytong-Innenschale in die Wohnungen mit einer Fläche zwischen 38 und 56 Quadratmetern eingebaut, die mit dem äußeren Stahlskelett verbunden wird. „Das alte Skelett bleibt“, antwortet Hübotter auf Nachfrage, lediglich die durchgehend korrodierten Elemente werden ausgetauscht, „das ist mit der Bauphysik ausbalanciert“. Im Inneren seien die damals für zwei bis sechs Personen ausgelegten Wohnungen in unterschiedlichster Weise überformt worden. Ursprünglich gab es nicht nur Gärten, sondern auch Loggien. „Diese wurden nach dem Zweiten Weltkrieg zugemauert, man brauchte jeden Meter, um Menschen Wohnraum zu verschaffen“, berichtet Tobias Hübotter. Auch diese Loggien werden wieder hergestellt, an den Gärten hält man ebenfalls fest. Während einige der Stützen für die Loggien noch vorhanden sind, gibt es kein einziges originales Holzfenster mehr. „Diese nachzubauen, natürlich mit Doppelverglasung, ist teuer“, merkt der Experte an, auch die Ebenen der Fensterreihen müssen wieder hergestellt werden. Ebenso wird sich beim Putz am Ursprung orientiert.
„Die Grundrisse sind präzise ausgearbeitet, die Wohnungen sind hell, lichtdurchflutet und gut gedämmt, der Außenraum ist Teil des Wohnbereichs. Die Grundstruktur der Einheiten lassen wir unangetastet“, legt der Architekt dar. Somit bleibt es bei den Arbeitsnischen und den für heutige Verhältnisse sehr kleinen Bädern. Geheizt wird mittels einer Zentralheizung über Wärmepumpen. Als Hitzeschutz setzte Haesler auf Querlüftungen. Im jüngsten Sommer fiel bei Begehungen auf, dass es in den Wohnungen nicht übermäßig heiß war. Wie der Parkraum gestaltet werden wird, steht noch nicht fest. „Wir schaffen so viele Parkplätze wie denkmaltechnisch möglich sind“, erläutert Hübotter.
Nach einer Vorkalkulation werden sich die Investitionskosten auf maximal elf Mio Euro belaufen, davon sind sieben Mio Fördergelder. „Das ist in der Summe teurer als ein Neubau“, merkt Dr. Hanno Ziehm an. Den Baubeginn können die Verantwortlichen noch nicht benennen, eventuell könnte es im Frühjahr 2027 soweit sein. Ein Bauantrag muss nicht gestellt werden, es handelt sich um eine denkmalgerechte Sanierung. „Kein Handschlag ohne die Genehmigung der Denkmalpflege“, berichtet der Architekt. Es bestehe sogar die Chance, dass die Sanierung des Blumläger Feldes ein Pilot-Projekt zur Rettung von gefährdeten Denkmälern der Moderne werde.
Dr. Simone Oelkers greift die Aussage für ihr Schlusswort der sehr informativen und für jede Frage offene Veranstaltung auf: „Also ein Modellprojekt für Haesler 2.0.“
Anke Schlicht
Redaktion Celler Presse
Fotos: Anke Schlicht
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