Bettina Tietjen: „Mein Respekt vor Altenheimen ist enorm gestiegen“

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CELLE. „Unter Tränen gelacht“ ist der Titel des Buches, aus dem die Moderatorin und Schriftstellerin Bettina Tietjen vorlas und das Celler Publikum, etwa 130 Privatkunden der Sparkasse, bestens unterhielt. In diesem sehr persönlichen Buch erzählt Bettina Tietjen von der Demenzerkrankung ihres Vaters, vom ersten »Tüdeln« bis zur totalen Orientierungslosigkeit. Offen und liebevoll beschreibt sie die Achterbahn ihrer Gefühle, einen geliebten Menschen zu verlieren, aber auch ganz neu kennenzulernen, und die vielen komischen Momente, in denen sie trotz allem herzhaft zusammen lachen konnten.

Bettina Tietjen musste lernen, dass Demenz ein Zustand ist, der ganz allmählich von einem vertrauten Menschen Besitz ergreift. Zuerst merkt man es nicht, dann will man es nicht wahrhaben. Schließlich muss man lernen, es zu akzeptieren. Denn trotz aller Herausforderungen ist Bettina Tietjen überzeugt: Demenz ist nicht nur zum Heulen, sondern kann auch Denkanstoß und Kraftquell sein.

Bettina Tietjen beschreibt authentisch die Odyssee, die sie mit ihrem Vater zu bewältigen hatte, den sie aus seiner – und ursprünglich auch ihrer – Heimat Wuppertal nach Hamburg holen musste, damit sie ihn in einem Heim unterbringen konnte, das mit dem Krankheitsbild des Vaters vertraut ist. Dabei war sie selbst diejenige, die einen Lernprozess durchlaufen musste, um nicht nur mit der Krankheit des Vaters richtig umzugehen, sondern auch mit den Ereignissen im Heim, wenn mehrere Menschen mit ganz unterschiedlichen Verhaltensweisen zusammenkommen. Letzten Endes musste sie eingestehen, dass die Pflegekräfte, die nichts mehr erschüttern kann, in dem Heim eine Herkulesaufgabe zu bewältigen haben. Dabei spielt es keine Rolle, ob ein Heimbewohner seine Notdurft im Schrank eines anderen Heimbewohners verrichtet oder gar eine Heimbewohnerin nackt auf dem Flur sitzt. Mit dem Außergewöhnlichen als Normalität zu leben, das war letzten Endes eine bittere aber unabwendbare Erkenntnis.

Kritische Worte fand Bettina Tietjen in den Fällen der notwendigen Krankenhausaufenthalte des Vaters, zumal im Krankenhaus keinerlei adäquater Umgang mit an Demenz Erkrankten stattfand. „Wenn ein Demenzkranker ins Krankenhaus kommt, ist er verloren“, so die Autorin. Hier sei eher eine Kooperation zwischen Heimen und Krankenhäusern sinnvoll, so dass die dementen Menschen im Heim verbleiben und dort behandelt werden können, statt sie immer wieder im Krankenwagen in ein Umfeld zu bringen, das mit der Situation nicht umgehen kann.

Das Publikum dankte Bettina Tietjen für den – trotz des recht beklemmenden Themas – erfrischenden Erfahrungsbericht, mit anhaltendem Applaus. Erfahrungen, die viele Menschen schon selbst mit Angehörigen machen mussten. So ist das Buch auch ein großer Schritt, diese allgegenwärtige Krankheit aus der Tabuzone zu katapultieren. Bettina Tietjen hat schon Pläne für ein neues Buch, doch kommt sie nicht dazu, da sie mit dem Buch „Unter Tränen gelacht“ immer wieder für Lesungen angefragt wird. Kein Wunder!

Redaktion
Celler Presse





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