Integration ist eine Chance, die Zeit braucht

LÜNEBURG. Als Willkommenslotsin der Industrie- und Handelskammer (IHK) Lüneburg-Wolfsburg bringt Antje Possler Betriebe und Geflüchtete zusammen. Im Interview erklärt sie, welche Wege nachhaltig zum Erfolg für beide Seiten führen und warum es vor allem Geduld braucht:

Frau Possler, als 2015 Millionen Menschen aus den Krisengebieten nach Deutschland flüchteten, hofften viele, dass diese auch dazu beitragen können, die Fachkräftelücke zu schließen. Wie beurteilen Sie das heute?
Ich denke nach wie vor, dass die Geflüchteten eine große Chance bedeuten – aber um das Potenzial ausschöpfen zu können, braucht es Geduld. Die Menschen kommen aus Ländern, in denen sich Kultur, Sprache und auch das Bildungssystem von Deutschland unterscheiden. Für eine gelingende Integration gibt es nicht den einen Weg, weil auch die Voraussetzungen in den Herkunftsländern der Geflüchteten ganz unterschiedlich sind. Man muss also jeden individuell beurteilen und schauen, welche Qualifikationen er oder sie mitbringt. Wobei es meistens junge Männer unter 25 sind, die hierher geflüchtet sind, um sich ein neues Leben aufzubauen. Das gelingt nicht zwingend dadurch, dass die Geflüchteten schnell Arbeit finden. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigen, dass sie zunächst qualifiziert werden müssen. Sie müssen unsere Sprache lernen, sich mit unserer Kultur und unserem Ausbildungssystem vertraut machen. Das braucht Zeit, aber es ist elementar, damit ihr Neustart in Deutschland nachhaltig erfolgreich bleibt.

Wie erleben Sie das: Ist bei Betrieben und Geflüchteten Ernüchterung eingetreten?
Ernüchterung würde ich nicht sagen. Aber es fehlt zuweilen auf beiden Seiten an Geduld. Die Betriebe wünschen sich Mitarbeiter, die sie zeitnah in allen Bereichen einsetzen können. Und die Geflüchteten wollen sich oft nicht lange mit Qualifizierungsmaßnahmen aufhalten, sondern schnellstmöglich Geld verdienen. Wenn man diesen Wünschen nachgibt und einen ehrlichen Blick auf die Situation vernachlässigt, kann das in der Tat zu Ernüchterung führen. Ein Betrieb hat beispielsweise einem sehr motivierten jungen Mann aus Syrien ein duales Studium angeboten. Nach wenigen Monaten war klar: Er wird es nicht schaffen. Nicht weil es im Betrieb nicht läuft, da berichten die Unternehmen nahezu ausnahmslos nur Positives zu Motivation und Einsatzbereitschaft. Aber der theoretische  Teil ist für die meisten Geflüchteten eine große Herausforderung. Selbst wenn sie schon ganz gut Deutsch sprechen, sind die Fachsprache und das Tempo für viele nicht zu stemmen.

Welchen Weg empfehlen Sie?
Der Einstieg gelingt am besten über ein Praktikum. Das gibt Betrieben und Bewerbern Zeit, sich kennen zu lernen. Außerdem hat sich die Einstiegsqualifizierung als Erfolgsmodell bewiesen. Dabei werden die Geflüchteten in sechs bis zwölf Monaten gezielt auf einen Ausbildungsberuf vorbereitet. Die Betriebe erhalten 231 Euro von der Arbeitsagentur, die sie als Vergütung an die Mitarbeiter weiterleiten, auch die Sozialversicherungsbeiträge übernimmt die Arbeitsagentur. Ziel ist, dass der Geflüchtete im Anschluss in eine Ausbildung übernommen wird.

Was ist rein rechtlich zu beachten?
Ich stelle immer wieder fest, dass viele Betriebe sich wegen des Aufenthaltsstatus Sorgen machen, aber ich kann versichern, dass ganz viel geregelt ist. Die Aufenthaltserlaubnis gilt in der Regel selbst für sogenannte Geduldete während der gesamten Ausbildungszeit und zwei Jahre danach. Voraussetzung ist ein positiver Bescheid der Ausländerbehörde. Den Antrag dafür stellt der Geflüchtete mit einem noch nicht unterzeichneten Ausbildungsvertrag. Den Förderantrag für eine Einstiegsqualifizierung muss der Betrieb bei der Arbeitsagentur stellen. Ergänzend unterstützt die Arbeitsagentur mit den ausbildungsbegleitenden Hilfen, über die der Betrieb Nachhilfe finanzieren kann. Ungemein hilfreich ist es auch, wenn der Betrieb dem Geflüchteten einen Paten zur Seite stellt. Das kann auch ein deutscher Auszubildender sein, der bei der Fachsprache unterstützt und betriebliche Abläufe erklärt.

Klingt ganz schön aufwändig…
Ist es auch. Aber ich arbeitete seit 20 Jahren in der Aus- und Weiterbildung und weiß daher: Den schnellen Weg gibt es nicht. Wer nachhaltig seine Mitarbeiter binden will, muss investieren – das gilt für Geflüchtete genauso wie für deutsche Auszubildende und Mitarbeiter.

Frau Possler,wir danken Ihnen für das Gespräch.

 Thema IHK-Willkommenslotsin: Sie haben Fragen zur Beschäftigung von Geflüchteten oder möchten Plätze anbieten? IHK-Willkommenslotsin Antje Possler berät Sie gern. Kontakt: Tel. 04131 742-199, possler@lueneburg.ihk.de

140 Geflüchtete absolvieren aktuell eine Ausbildung in einem Mitgliedsbetrieb unserer IHK, davon 60 Prozent in den Branchen Gastronomie, Handel und Logistik.

PR
Foto: ihk/Tamme, nh)

 

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