Die Grenzen des Sagbaren: Spannungsbogen zwischen Negerkuss und Nazi-Vokabular

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CELLE. „Wer widerspricht, wird nicht widerlegt, sondern zum Schweigen gebracht“, zitierte Prof. Dr. Thomas Niehr vom Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft (ISK) der Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) Aachen eine Veröffentlichung im Tagesspiegel. Für das spannende und sensible Thema: „Die Grenzen des Sagbaren in einer demokratischen Gesellschaft“ hatte der Zweig Celle der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) Prof. Niehr gewinnen können, der vor ca. 80 Interessierten im Beckmannsaal  Tabus und falsch verstandene Solidarität mit Minderheiten aufzeigte.

„Die Sprache wurde von den Nazis missbraucht, deshalb sollte man Begriffe aus der Zeit nicht benutzen“, so der Professor. So war es auch kein Wunder, dass sich die Thematik zum großen Teil im politischen Lager bewegte, wo verbale Entgleisungen – nicht nur im rechtspopulistischen Lager – gang und gäbe sind. Einst sprach Franz Josef Strauß von Ratten und Schmeißfliegen, um politische Gegner zu verunglimpfen und Edmund Stoiber hatte eine durchrasste Gesellschaft festgestellt. Aber auch Begriffe wie „Tätervolk“, „gleichgeschaltete Medien“, „entartete Kultur“, „Kopftuchmädchen“ und „Denkmal der Schande“ sind negativ belastet. Die ehrmalige AfD-Vorsitzende Frauke Petri hatte sich mal mit dem Wort „völkisch“ in das Nazi-Vokabular verrannt.

Die Aussage des AfD-Politikers Björn Höcke zum Berliner Holoaust-Denkmal als „Denkmal der Schande“ ist – im Kontext betrachtet – eine rechtspopulistische Verunglimpfung der Erinnerungskultur. Wie überhaupt, so Niehr, die Bewertung von Aussagen vom Kontext abhängen. Niehr erinnerte an eine Rede von Philipp Jenninger, der von 1984 bis 1988 Präsident des Deutschen Bundestages war und in seiner Rede zum 50. Jahrestag der Reichsprogromnacht missverständliche Aussagen formulierte und letztendlich von seinem Amt zurücktreten musste. Auch der Schriftsteller Martin Walser sorgte für kontroverse Diskussionen nach seiner Rede 1998 in der Frankfurter Pauluskirche. Er lehnte die „Instrumentalisierung des Holocaust“ ab und wehrte sich gegen „die Dauerpräsentierung unserer Schande“. In jüngster Zeit sorgte der Comedian Jan Böhmermann für Schlagzeilen mit seinem satirisch gemeinten Schmähgedicht über den türkischen Staatspräsidenten Erdogan, was höchste diplomatische Verwicklungen auslöste. Erst kürzlich hat der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag, Alexander Dobrindt, die Grenze des Sagbaren überschritten, als er von einer „Anti-Abschiebe-Industrie“ im Zusammenhang mit der Diskussion um Asylverfahren sprach.

Eine Steilvorlage für rechtspopulistische Attacken lieferte die Integrationsbeauftragte des Bundes, Aydan Özuguz, die sich so äußerte: „Eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht zu identifizieren.“  Der AfD-Politiker Alexander Gauland sprach davon, Integrationsbeauftragte „in Anatolien entsorgen“ zu wollen. Thomas Niehr verdeutlichte die Absurdität und Unzulässigkeit dieser Gauland-Aussage, da „Entsorgen“ sich auf Müll bezieht und niemals auf Menschen bezogen verwendet werden darf.

So rangieren in der Allensbacher Berufs-Prestige-Skala Politiker auf dem drittletzten Platz mit 6 %. Dahinter nur noch – vielleicht erstaunlicherweise – Fernsehmoderatoren und Banker mit jeweils 3 %. Angeführt wird die Liste von Ärzten (76 %) und Krankenschwestern (63 %), Polizisten liegen auf Rang 3 mit 49 %.

Der vom politisch rechten Lager geprägte Begriff der Lügenpresse suggeriert den Eindruck, dass die Mainstreampresse von einer linken Minderheit dominiert wird und die Mehrheit nicht mehr wahrgenommen wird. Im Jahr 2014 ist „Lügenpresse“ von der Gesellschaft für deutsche Sprache zum Unwort des Jahres gekürt worden.

Thomas Niehr: „Sprachwissenschaftler tun sich schwer, Grenzen zu ziehen.“ Dennoch sollten die Grenzen immer wieder diskursiv neu bestimmt werden. „Was wir nicht brauchen, ist eine Sprachpolizei“, so Niehr.

Der geschlechtergerechte Sprachgebrauch ist nun auf gutem Wege („Terilnehmer und Teilnehmerinnen“). Statt „Zigeuner“ wird nun von „Sinti und Roma“ gesprochen. Der Begriff „Neger“ ist vollständig mit „Farbiger“ ersetzt worden. Aber Niehr hat auch festgestellt, dass die Political Correctness überhandnehme, und Grenzen dadurch immer enger gesteckt werden.

In der abschließenden Diskussion wurde vorgebracht, dass auch mit den Begriffen „Farbige“ und „Sinti und Roma“ Negatives ausgedrückt werden könne. Beim Umgang mit den sozialen Medien, so ein weiterer Beitrag, sei die Politik in großem Maße betroffen, jedoch auch selbst dafür verantwortlich.

Natürlich wurden auch das Zigeunerschnitzel und der Negerkuss in die Diskussion gebracht. Diese Begriffe sollten weiter benutzt werden, so Niehr, alles andere sei eine falsch verstandene Solidarität mit Minderheiten.

Redaktion
Celler Presse