Mit ruhiger Hand die Herde hüten

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BISPINGEN/LÜNEBURG. Landessuperintendent Dieter Rathing ist zu den Wurzeln seines Pastoren-Berufes zurückgekehrt: Eine Woche lang begleitete der Regionalbischof für den Sprengel Lüneburg der hannoverschen Landeskirche kürzlich einen Schäfer in der Lüneburger Heide.

Der Blick einerseits auf die Herde als ganze und andererseits auf jedes einzelne Tier, ist Landessuperintendent Dieter Rathing (l.) an der Arbeit von Schäfer Ralf Bachmann aufgefallen. Der Regionalbischof absolvierte vom 6.-10. August 2018 bei der Stiftung Naturschutzpark Lüneburger Heide ein Betriebspraktikum.

„Die Heide ist ein wichtiger Flecken im Sprengel“, begründete Rathing sein Interesse an der Kulturlandschaft bei Bispingen im abschließenden Pressegespräch. Zudem wollte der leitende Geistliche bei seinem diesjährigen Betriebspraktikum mehr über die Tätigkeit eines Schäfers erfahren und sehen, ob es Gemeinsamkeiten gibt.

Ralf Bachmann betreut eine der insgesamt sieben Herden der Stiftung Naturschutzpark Lüneburger Heide (VNP): rund 600 Tiere. Fünf Tage lang zog der 57-Jährige mit seinem prominenten Praktikanten durch die Heide. „Die Hitze war auch ein Thema unter uns“, berichtete Rathing, „die Vegetation ist in diesen Tagen nicht üppig, so dass wir viel gelaufen sind.“ In der Mittagszeit suchten Bachmann und Rathing mit den Heidschnucken schattige Plätze auf, um den Wiederkäuern Ruhe zur Verdauung zu geben. Auch Schäfer und Praktikant gönnten sich dann eine Pause, um anschließend bis in die Abendstunden hinein wieder ihre Herde zu hüten.

Dafür zu sorgen, dass die Schafe genug Futter finden, ist eine der wichtigsten Aufgaben des Schäfers. Zumal das Hüten der Herde zugleich der Landschaftspflege dient. Dazu kommen etwa die Behandlung von Krankheiten, die Sorge für das Winterfutter und Stallbaumaßnahmen. „Der Schäfer hat eine doppelte Verantwortung“, erkannte Rathing: „Den Tieren und der Heide gegenüber“.

Was der kirchenleitende Pastor an der Tätigkeit eines richtigen Hirten besonders spannend findet? „Das ist zum einen der Blick für das Ganze, die Herde mit 600 Schafen. Und andererseits der Blick auf das einzelne Tier“, erklärte Rathing. Bachmann erkenne ein krankes Tier in der Herde sofort. Auch das konnte Rathing miterleben: Ein Schaf, das schwer atmete, möglicherweise eine Lungenentzündung hatte. Der Geistliche half seinem weltlichen Kollegen beim Krankentransport, brachte das Tier zur Erholung in den heimischen Stall.

Ihm habe vor allem die ruhige Hand gefallen, mit der Bachmann seine Aufgaben erledigt. „Das bekommt der Herde“, zeigte sich Rathing überzeugt. „Stress macht alles kaputt“, unterstrich Dr. Barbara Guckes, beim VNP für das Beweidungsmanagement zuständig. Allerdings brauche es zehn bis 15 Jahre, bis ein Schäfer ruhig und gelassen sei.

Auch wenn die Lüneburger Heide idyllisch wirke, beschaulich sei der Beruf des Schäfers keineswegs, betonte die Oberschäferin mit Personalverantwortung für rund zehn Mitarbeitende. Der fehlende Regen und die Sorge um das Winterfutter stellten derzeit große Herausforderungen dar. Auch wenn etwa ein Gewitter drohe oder Wölfe die Herde bedrohten: „Der Schäfer steht immer allein da und muss entscheiden“, so Guckes. Hinzu komme die Arbeitsbelastung: Ein Schäfer habe vier freie Tage im Monat, während der Lammzeit überhaupt keine. Das bringe Belastungen für die Familien mit sich, beschrieb Guckes die Schattenseiten des Berufs. „Viele Beziehungen gehen in die Brüche.“

Landessuperintendent Rathing hat das Betriebspraktikum nicht nur einen Einblick in den Schäfer-Beruf vermittelt. Die Zeit mit der Herde Heidetal, Schäfer Bachmann und Hütehund Prinz habe ihm selbst geholfen, innerlich „runter“ zu kommen. „Eine Stunde lang stumpf dazustehen und in die Landschaft zu schauen“, bringe eine wohltuende Entschleunigung mit sich, so Rathing. Mancher ausgebrannte Kollege ginge ins Kloster, um wieder Kraft zu schöpfen. „Ich würde in die Heide gehen.“

Hartmut Merten
Foto: Merten