Was würde Goethe sagen?

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CELLE. Leichte Sprache polarisiert. Vielen Menschen fehlt es nach wie vor noch an Bewusstsein, wieso Leichte Sprache nötig, sinnvoll und inklusiv ist. Da wird dann schnell mal der allgemeine Sprachverfall beklagt, Goethes Deutsch betrauert und Leichte Sprache als Paradebeispiel herangezogen dafür, wie Sprache angeblich nicht geht. Dabei hat Leichte Sprache mit dem, was wir standardsprachlich machen, erst einmal überhaupt nichts zu tun. Sie existiert vielmehr neben der Standardsprache und hat gar keinen Anspruch, zum neuen Status quo zu werden.

Leichte Sprache hat vor allem ein Ziel und das ist, Teilhabe zu ermöglichen. Und wenn man sich die vielen Dokumente, Behördenbriefe und Informationsschreiben einmal anschaut, so muss man feststellen: Möglichkeit zur selbstbestimmten Teilhabe sieht anders aus – und „schöne“ Sprache ebenfalls. Nun hat die Fachsprache, das allseits bekannte „Amtsdeutsch“, durchaus ihre Relevanz. Doch stellt sich die Frage: Ist Kommunikation wirklich erfolgreich, wenn sie nicht verstanden wird? Denn viele der Schreiben, denen wir im Alltag begegnen, kommunizieren an ihren Empfänger(inne)n geradewegs vorbei.

Zeugt es wirklich von gutem Sprachvermögen, wenn man hoch komplexe, verschachtelte und mit Fachbegriffen gespickte Texte produzieren kann? Oder ist ein Text nicht vielleicht dann gut, wenn er seine Informationsfunktion erfüllt und verstanden wird?

Die Zielgruppe derer, die auf Texte in Leichter Sprache angewiesen sind, ist groß. Noch größer ist jedoch die Menge derer, die auch darüber hinaus davon profitieren könnten. Barrieren abzubauen hilft eben nicht nur denen, die durch diese Barrieren tagtäglich behindert werden. Wer schon einmal mit schweren Koffern am Bahnhof stand, hat sich sicherlich über die Rampen oder Fahrstühle gefreut, die ursprünglich für Menschen im Rollstuhl angelegt wurden. Und genauso wie heutzutage niemand mehr die Notwendigkeit dieser Rampen anzweifelt, so muss auch Leichte Sprache als ein notwendiges, aber vor allem auch selbstverständliches und von allen anerkanntes Mittel für mehr Selbstbestimmung und den Zugang zu Informationen betrachtet werden. Denn sie hilft so vielen Menschen, sich die Welt neu oder überhaupt erst zu erschließen.

Seit 2001 feiert der Verein der deutschen Sprache e.V. jedes Jahr am 2. Samstag im September den Tag der deutschen Sprache. Es soll darauf aufmerksam gemacht werden, „wie wichtig die deutsche Sprache als Bindeglied unserer Gesellschaft ist.“ Das heißt jedoch nicht, dass wir uns gegen jede Form von Sprachwandel sperren sollten. Sprache war noch nie starr und unveränderlich. Im Gegenteil: Sprache verändert sich ständig. Niemand schreibt heute noch so, wie Goethe es einst getan hat.

Damit Sprache ihre Funktion als „Bindeglied“ erfüllen kann, müssen wir aber auch alle Teile der Gesellschaft miteinbeziehen – und das beinhaltet nun einmal auch Menschen mit Beeinträchtigung, Menschen mit geringen Deutschkenntnissen und alle anderen, die zu akademischen (Fach-)Texten keinen Zugang finden. Deshalb setzt die Lebenshilfe Celle mit dem Büro für Leichte Sprache auf verständliche Kommunikation, getreu ihrem Motto: „Davon profitieren alle!“

Und falls Sie sich immer noch fragen, was Goethe zu alldem gesagt hätte:

„Diejenigen, welche widersprechen und streiten, sollten mitunter bedenken, daß [sic] nicht jede Sprache jedem verständlich sei.“

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