Vier Länder – eine Philosophie: Internationale Jugendbegegnung des Roten Kreuzes in Eschede

ESCHEDE. Grenzen überwinden, auf EU-Ebene mit einer Stimme sprechen, zu einer Einheit zusammenwachsen – ein dauerhaftes und wichtiges politisches Thema. Das Rote Kreuz ist hier der Politik einen Schritt voraus. Universal zu agieren ist Teil seines Grundsatzes, Menschen in Not neutral und unabhängig zu helfen.

Selbst auf kleinster Ebene wird dieses deutlich: Die Jungen und Mädchen eines zehntägigen Jugendcamps in Eschede stammen nicht etwa nur aus Staaten der Europäischen Union. „In diesem Jahr durften wir Angehörige des Roten Kreuzes aus der Ukraine, Weißrussland und Lettland begrüßen“, sagt der Auslandsbeauftragte des DRK-Kreisverbandes Celle, Klaus Werner Bunke. 39 Jugendliche trafen mit ihren Altersgenossen aus dem Landkreis unter dem Motto „Grenzen können trennen – Rotkreuzler bleiben vereint“ in den Sommerferien zusammen. Mit einem Trakt in der Grundschule am Glockenkolk stand den 13- bis 18-Jährigen und ihren Betreuern ein weitläufiges und zentral gelegenes Gelände zur Verfügung. Manch Escheder wird auf die Gäste aus Osteuropa und dem Baltikum aufmerksam geworden sein durch eine mündlich ausgesprochene Einladung zu einem Fest am Ende der Begegnung. „Wir haben allen Teilnehmern gesagt, sie sollen ruhig auf die Einwohner zugehen und sie ansprechen“, berichtet der Leiter des Camps, Herbert Wenzel. Das Abschluss-Event steht von Beginn an im Mittelpunkt, denn die Nachwuchs-Rotkreuzler sind aufgefordert, die Woche über ein Bühnenprogramm auszuarbeiten. Was ist typisch für ihre Heimatländer, wie kann man sie künstlerisch darstellen? Seit 15 Jahren pflegt der DRK-Kreisverband Celle internationalen Jugendaustausch, seit zehn Jahren ist der Unterlüßer dabei. „Mich bereichert das, das ist jeden Sommerurlaub wert“, begründet Wenzel sein Engagement. Der 55-Jährige gibt sich, wie er ist. „Authentisch zu sein ist das A und O, um von den Jugendlichen anerkannt zu werden“, sagt „das Gesicht des Camps“, wie er später von Seiten der Begleiter aus den Gastländern genannt werden wird.

DEUTSCHE ANDERS ALS ERWARTET
Doch zunächst sind die jungen Teilnehmer gefordert: Sie erstellen Steckbriefe über sich und Plakate über ihre Regionen. Gegen Heidi Klum hat selbst Angela Merkel keine Chance, die Kanzlerin rangiert bei der Frage nach nationalen Berühmtheiten auf Platz zwei hinter dem Model. Wer Deutschland besucht, sollte nach Ansicht der hiesigen Jugend-Rotkreuzler Berlin, die Heide, das Oktoberfest und ein Konzentrationslager besuchen. Nicht alles lässt sich für ihre Gäste umsetzen. Statt nach Berlin geht es nach Wolfsburg und Celle, auf dem Oktoberfest gibt es mit den Dirndln im Rahmen des Show-Acts nur einen kleinen Vorgeschmack. Durch die Nähe der Gedenkstätte Bergen-Belsen kann dem Vorschlag der Jugendlichen in diesem Punkt jedoch eins zu eins entsprochen werden.

„Krieg ist weniger heroisch, als es bei uns vermittelt wird“, resümiert Taisia Popenko aus Kiew im Rückblick auf den Besuch des Konzentrationslagers. Die 18-Jährige ist dem Roten Kreuz beigetreten, weil sie helfen und Leute kennenlernen möchte, und „die Welt nun mal nicht in bestem Zustand ist“. Das sei ja auch der Grund gewesen, weshalb das Rote Kreuz überhaupt entstanden ist. Die Campsprache ist Englisch. Die 14-jährige Maria Trushkina hört dem Gespräch aufmerksam zu, sie lässt sich von Taisia die Frage, was sie am stärksten beeindruckt hätte, übersetzen. „Ich dachte, die Deutschen wären sehr streng“, sagt sie, „aber das stimmt überhaupt nicht, die Deutschen sind total verrückt und so gastfreundlich.“ Auch Taisia Popenko hat nicht damit gerechnet, so warmherzig aufgenommen zu werden. Sie hat Deutsche generell als eher kühl eingeschätzt, diese Annahme allerdings in keiner Weise bestätigt gefunden. „Wir haben uns sehr willkommen gefühlt“, sagt die Studentin.

LÄNDERÜBERGREIFENDE INTERAKTION
Die gesamte Begegnung über zeigen sich alle Teilnehmer laut Aussage der Betreuer sehr an Gesprächen interessiert. „Keinmal mussten wir sagen, jetzt legt doch mal das Handy beiseite“, berichtet Herbert Wenzel. Die Jugendlichen haben bei der Ortsrallye durch Eschede bei den Aufgaben, die an der ICE-Gedenkstätte gestellt wurden, sowie in der Experimentierlandschaft Phaeno in Wolfsburg ohne Anleitung optimal miteinander interagiert.

Und auch der Dialog mit den Eschedern hat Früchte getragen. Zwölf Einwohner, Ortsbürgermeisterin Stephanie Bölke, etliche Mitglieder der DRK-Ortsgruppe finden sich neben dem Präsidium des Celler DRK-Kreisverbandes zum Abschlussfest ein: „Ihr seid die Zukunft Europas, Ihr seid diejenigen, die Entscheidungen treffen müssen“, lauten zwei Kernsätze aus der Begrüßungsansprache des Präsidenten, Ulrich Kaiser, bevor die Show der Länderpräsentation beginnt.

Das Team aus dem Landkreis hat in seiner Reise von Berlin über Köln nach München kleine Sketche aneinandergereiht und im musikalischen Teil auch Rap nicht ausgespart. Dass dieser sich auch mit Dirndl verträgt, beweist die witzige Performance. Die Ukrainer setzen auf eine Mischung aus Theater und Tanz. Zwei im Land beliebte Fernsehshows dienen als Plattform für Spielszenen und Show. „Ohne Traditionskleidung im Gepäck fahren Letten nicht zu internationalen Begegnungen“, erläutert das Vorstandsmitglied des Kreisverbandes, Ketija Talberga, die selbst aus Lettland stammt, zu den zwei lettischen Volkstänzen. In dieser Hinsicht gibt es eine Übereinstimmung zwischen den drei Gastländern. Auch die Ukrainer und Weißrussen sind mit Trachten angereist. Belarus präsentiert sich durch Volkslieder, Tänze und eine Fotoshow.

Warmherzig geht es bei den Dankesreden zu. „Wir haben Leben gefühlt“, heißt es aus den Reihen der Gastländer. Dem Eindruck von Zuschauerseite, allzu sehr würden sich die Jugendgruppen nicht unterscheiden, widerspricht der Auslandsbeauftragte, Klaus Werner Bunke, energisch: „Die Kulturen sind völlig unterschiedlich. Es ist das Rote Kreuz, das verbindet.“

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