75 Jahre nach dem Ende des Krieges – Auf dem Friedensplatz in Bergen wurde sich erinnert: Nie wieder Faschismus! – Nie wieder Krieg!

BERGEN. Auf Initiative der „Friedensaktion Lüneburger Heide“ versammelten sich 80 Menschen, statt der erwarteten 30,  auf dem Friedensplatz in Bergen zum „Tag der Befreiung vom Faschismus“. Die Organisatoren Doris Artelt, Hans-Dietrich Springhorn (Kreis Celle und Hamburg) und H.-D. Charly Braun (Heidekreis) freuten sich über „ein buntes, fröhliches und friedliches Bild!“ Viele Fahnen und Transparente von Parteien, Gewerkschaften, Initiativen, Bündnissen und von Einzelpersonen zeigten eindeutig: Wir erinnern uns an das was geschah, nie wieder darf so etwas passieren und wehret den Anfängen, denn der Schoß ist fruchtbar noch in unserem Lande.

Die Organisatoren Doris Artelt, H-D Charly Braun und Hans-Dietrich Springhorn begrüßten die Teilnehmer der Veranstaltung. Einige waren von weit her gekommen. Mitten in der Südheide liegen auf Europas größtem Truppenübungsplatz das ehemalige KZ-Bergen-Belsen und die Friedhöfe für zehntausende ermordete sowjetische Kriegsgefangene in Hörsten, Wietzendorf und Oerbke / Bad Fallingbostel.

Charly Braun machte in seiner Rede deutlich, dass „hier in den Landkreisen Celle und Heidekreis die größte Militär- und Rüstungskonzentration Mitteleuropas ist“. Aus der Südheide, so Braun, gingen und gehen auch heute keine friedlichen Signale in unser Land und in die ganze Welt aus. Diese Region mit Bergen-Hohne, Celle-Wietzenbruch, Faßberg, Munster, Unterlüß etc. ist erneut waffenstarrendes Kriegstrainingsgebiet. Der Gewerkschaftsvertreter wies auf Forderungen vom Ver.di Bundeskongress und von DGB Konferenzen hin, die für den Truppenübungsplatz eine neue soziale, ökologische nicht-militärische Wirtschaftsstruktur einfordern. „Gemeinsam mit unserer Bürgerinitiative wollen wir ein UNESCO-Biosphärengebiet entwickeln, das erfahrungsgemäß viele neue landwirtschaftliche und touristische Arbeitsplätze schafft“.

Die Bürgermeisterin der Stadt Bergen, Claudia Dettmar-Müller war anwesend. Aus Faßberg war die stellvertretende Bürgermeisterin Angelika Cremer zugegen und sprach als Sprecherin der Geschichtswerkstatt Gemeinde Faßberg und als Ratsmitglied sehr persönliche Worte. Marlies Petersen von den Grünen berichtete von den Auseinandersetzungen in Eschede um den NPD-Nahtz-Hof und machte damit deutlich, dass die Geschichte in der Gegenwart ganz aktuell in unseren Dörfern ist. Soltaus langjähriger Ratsvorssitzender Willi Schwethelm, SPD-Mitglied, berichtete von antifaschistischen Ereignissen im Heidekreis.

Grüße von Elke von Meding, AG Bergen-Belsen wurden übermittelt. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes stellte den Offenen Brief an Politik und Gesellschaft ihrer Ehrenvorsitzenden, der Auschwitz-Überlebenden Ester Bejarano vor. In dem Brief fordert sie, den 8. Mai zum Feiertag zu machen. Der Bundestagsabgeordnete Diether Dehm, von der Partei DIE LINKE, erinnerte an die Banken, wie der Deutschen und der Dresdener Bank, die mit dem Faschismus und im Krieg Geld verdient haben. Auch heute verdienen diese Geldinstitute mit Militär, Rüstung und an den weltweiten Kriegen erneut viel Geld. Die Kriegsproduktion von Rheinmetall wurde ebenso häufig kritisiert wie die geplante fast Verdoppelung des deutschen Rüstungsetats. Ver.di Vertreterin Agnes Hasenjäger: „Wir brauchen das Geld dringend, um dem seit 20 Jahren krank gesparten Gesundheitswesen auf die Beine zu helfen“.

Viele weitere Wortbeiträge kamen immer wieder auch auf das Thema – wir dürfen nicht vergessen und müssen aus der Geschichte lernen – zurück. Von der Politik wurde einmütig gefordert runter mit der Rüstung, aktiver sein gegen Rechts und mehr Unterstützung für die Gruppen und Organisationen, die sich mit der Geschichtsaufarbeitung beschäftigen und Militär- und Rüstungskonversion fordern. Keine Stationierung von US-Atomwaffen in unserem Land und Schluss mit dem „Säbelrasseln“ und den ständigen weltweiten NATO-Manövern, verstärkt auch an der Westgrenze Russlands.

Der Kundgebung auf dem Friedensplatz in Bergen schloss sich eine Demonstration zur Rampe Bergen an. Es folgten weitere Wortbeiträge am offenen Mikrofon. Von Lutz Krügener, Pastor und Friedensbeauftragter der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers wurde ein „persönlicher Zwischenruf“ verlesen in dem u. a. die horrenden Rüstungsausgaben in der ganzen Welt, aber auch in unserem Land scharf kritisiert wurden. Die Versammlung endete am Abzweig Belsener Straße zur Rampe mit einem vielstimmigen Friedenslied, das von Gitta Emmann aus dem Heidekreis angeleitet wurde.

Nach der Veranstaltung gingen viele Teilnehmer noch mit Charly Braun zum Gedenkort Güterwaggon an der Rampe um sich vor Ort über die Nazi-Verbrechen und  über die aktuelle Nutzung der Verladeanlage zum Transport von Kriegsgeräten zu informieren.

Hans-Dietrich Springhorn
Fotos: Hans-Dietrich Springhorn

Rede H-D Charly Braun

Liebe antimilitaristische und FriedensfreunInnen, liebe AntifaschistInnen, liebe Kolleginnen und Kollegen,

Der 8.MAI ist der Tag der Befreiung, der 9.Mai ist der Tag des Sieges der Rotarmisten über den Faschismus. AfD-Gauland philosophiert, dass sein Deutschland den 8.Mai 1945 als „Tag der absoluten Niederlage“ und Tag des „Verlustes von Gestaltungsmöglichkeit“ erlebte. Damit fand sein tausendjähriger „Vogelschiss der Geschichte“ das befreiende Ende. Lässt der „Verlust von Gestaltungsmöglichkeit“ Deutschlands 1945 Gauland von neuen Lagern mit modernster Überwachungstechnik, von neuen Wunderwaffen, von Eliteherrschaft und Massenarmut träumen? Wäre er gern ein mächtiger Nachwuchsverführer geworden?

Die Tage der Befreiung und des Sieges 1945 erlebten hier auf Europas größtem Truppenübungsplatz etwa 60.000 Rotarmisten und über 50.000 KZ-Häftlinge nicht mehr. Die sowjetischen Kriegsgefangenen verreckten elendig ohne ein Dach überm Kopf an Hunger, Seuchen und den Unbilden des Wetters in den Lagern der Wehrmacht in Oerbke/ Bad Fallingbostel, Wietzendorf und Hörsten. Das KZ Bergen-Belsen wurde besonders in den letzten Kriegsmonaten zum totalen Inferno. 14.000 starben trotz medizisch-pflegerischer Behandlung noch nach der Befreiung an den Folgen der KZ-Bedingungen. Tausende Gefangene und Häftlinge der dazugehörigen Außenlager verloren ihr Leben durch Zwangsarbeit – auch in nahe gelegener Rüstungsproduktion bei Rheinmetall Unterlüß, EIBIA in Bomlitz/ Walsrode und Untertage in den Stollen in Hambühren-Overgönne.

Mein Name ist Charly Braun, ich bin ehrenamtlich bei ver.di und als DGB-Kreisvorsitzender in der West-Region an diesem Kriegsübungsplatz tätig. Gemeinsam mit KollegInnen habe ich zur Beteiligung an den Protesten gegen Rheinmetall die „Gewerkschaftliche Initiative für aktive Friedenspolitik und Militär- und Rüstungskonversion in Niedersachsen“ gegründet. Seit 1993 bin ich Mitverantwortlicher der Internationalen Jugendarbeit in Bergen-Belsen. Mit Alt- und Neonazis teile ich seit Jahrzehnten ein unfreundliches Verhältnis – nicht erst seit sie unsere 1.MAI-Veranstaltungen zu stören versuchten.

Ich verteidige meine Heimat gegen Faschismus und Kriegstraining. Gut dass ihr das auch tut.

Fürs Grossmanöver Defender Europe2020 sollte in diesen Wochen hier zwischen Bad Fallingbostel und Bergen sowie im benachbarten größten Bundeswehr-Heeresstandort Munster mit 3000 Fahrzeugen, 500 Panzern aus USA, 6000 GIs plus Bundeswehr gegen Russland trainiert werden.

Mit Nachtschießen in Wohnortnähe und Häuserkampf hat der Platz viel zu bieten. Aber Corona hat nicht mehr alle ankommen lassen und das Kriegstraining vorerst „eingefroren“, wie es im neuen Militär-Sprech heißt.

Wieso all das in der schönen Heide?

Nach der Machtübertragung 1933 auf die Nazis, wurde schnell kräftig aufgerüstet. Gegen den Plan hier einen Riesen-Kriegsübungsplatz einzurichten wehrte sich die Bevölkerung aus den vielen Dörfern. Das blieb erfolglos, sie wurden ausgesiedelt. Der Überfall auf die Sowjetunion wurde hier trainiert. Auf den Rampen Bergen und Bad Fallingbostel wurden Panzer in den Krieg verladen und Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge ausgeladen.

Von diesem Platz gingen massenhafte Verbrechen in ganz Europa aus..

Nach dem 2. Weltkrieg zog von hier aus die British Army nicht nur in Kriege ums Öl. Selbst Singapur lässt hier seine Panzer rollen.

Hier in der Heide ist das so:

– Bei Rheinmetall in Unterlüß werden die Panzer gebaut, die Panzertruppenschule Munster ist die Fahrschule, der TrÜbPlatz zwischen Bad Fallingbostel und Bergen ist der Trainingsplatz, an der Rampe Bergen werden die Panzer für Kriegseinsätze verladen und ausgediente Exemplare sind im Panzermuseum Munster zu bewundern.

Da kann es dann schon mal vorkommen, dass auf dem Gelände des Panzermuseums – ganz entgegen den Tarnungsvorschriften – ein Kettenfahrzeug in freundlichem Pink angemalt wird.

Ich aber frage euch: Was sind ein paar Eimer Farbe gegen die Ketten und Schüsse eines Panzers ?

Gegen militärische Belastungen gab es hier schon immer Proteste. Um 1990 hatten wir Hoffnungen den Platz ziviler Nutzung zuführen zu können. Doch nach Ende des Kalten Krieges mit der Sowjetunion entwickelten unsere Regierenden eine neue Strategie.

Die Verteidigungspolitischen Richtlinien der Bundesregierung (VPR) von 1991 beschrieben den Zweck deutscher Auslandseinsätze. In der aktuellen Fassung von 2011 heißt es zu den Bundeswehraufgaben: „einen freien und ungehinderten Welthandel sowie den freien Zugang zur Hohen See und zu natürlichen Ressourcen zu ermöglichen“. Das hat nun gar nichts mit Landesverteidigung zu tun, sondern nur mit Schutz globaler Konzerninteressen.

Mit dem Abzug der Briten 2015 verloren Bergen und Bad Fallingbostel ein Drittel ihrer Einwohnenden und entsprechend an Wirtschaftskraft. Auf unsere lokale Initiative hin beschlossen ver.di-Bundeskongress und DGB-Konferenz Niedersachsen-Bremen-Sachsen-Anhalt Forderungen an die Regierung zur Finanzierung einer neuen Wirtschaftsstruktur für den Truppenübungsplatz. Und die soll sozial, ökologisch, nicht-militärisch sein.

Dazu passend wollen wir mit unserer Bürgerinitiative aus dem Platz und Umgebung ein UNESCO-Biosphärengebiet machen. Das schafft viele neue Arbeitsplätze in Tourismus, Ökolandbau und mehr.

Es ist ohnehin besser für die Gesundheit. Ja, für die Gesundheit auch der Menschen in Russland, in Rojava, Syrien, Afrika und am Hindukusch.

Wir richten unsere Forderungen an Politik, an Krieger und Kapital:

Frau Kramp-Karrenbauer wir brauchen keine teuren neuen Kriegsflieger, die sogar US-Atombomben transportieren. Wir wollen auch nicht die nahezu Verdoppelung des Rüstungsetats.

Seit über 20 Jahren wird das Gesundheitswesen krank gespart. Wir brauchen das Geld dringend für Gesundheit und Soziales, für Bildung und den Neuaufbau einer sozial gerechten klimafreundlichen Wirtschaft. Ohne Corona und Krieg!

Kasernen zu Kliniken, Schutzkleidung statt Uniformen !

Internationale Solidarität statt ausbeuterischen Welthandel !

Ob Kriegsübungsplatz oder Profiteure von Rheinmetall – zu beiden passt Bert Brecht’s Lied gegen den Krieg:

Der Prolet baut ihnen die Kriegsmaschinen, damit sie ums Leben bringen mit ihnen, mancher Proletenmutter Sohn.

Der Prolet wird in den Krieg verladen, dass er tapfer und selbstlos ficht. Warum und für wen wird ihm nicht verraten. Für ihn selber, für ihn selber ist es nicht“.

Europas größter Truppenübungsplatz ist auch der Ort des ersten Ostermarsches in der BRD, des Antikriegsfilms mit John Lennon und unserer Proteste.

Faschismus und Militarismus sind keine Meinung, sondern ein Verbrechen!

Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!

Liebe Freundinnen und Freunde, bald wird es wieder laut auf den Straßen hallen:

Wir sind viele, wir sind laut, weil ihr uns den Frieden klaut!“

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