Anzeige

HERMANNSBURG. In einem offenen Brief wendet sich die Fachhochschule für Interkulturelle Theologie Hermannsburg (FIT) an die Leitungen von Trägerstiftung und Trägerkirchen zum Schließungsbeschluss vom 9.3.2021. Die Veröffentlichung erfolgt im Wortlaut:

„In den vergangenen Wochen haben sich viele Menschen, insbesondere solche, die sich in ihren Kirchen für Interkulturelle Öffnung und für ein zeit- wie auch schriftgemäßes Verständnis von Ökumene und Glaubenszeugnis einsetzen, bei uns gemeldet, weil sie unsere Enttäuschung, ja Entrüstung über die Entscheidung, die noch junge Fachhochschule zu schließen, teilen. Das bewegt uns und macht uns Mut, unseren Dienst an jungen Menschen aus vielen Kirchen u. Religionsgemeinschaften der Welt so lange dies möglich ist und in der von uns angestrebten Qualität zu tun. Ganz besonders haben wir uns darüber gefreut, dass unsere Studierenden sich mit zwei öffentlichen Petitionen an die Leitung des Missionswerkes und die Synoden der drei Trägerkirchen des ELM gewandt haben, weil sie unsere Arbeit in den zurückliegenden Jahren für ihren beruflichen Weg und ihr ganzes Leben als sehr wertvoll erlebt haben.

Wir können und sollten nicht selbst über die Qualität der von uns geleisteten Arbeit öffentlich reden. Aber wir wollen im Folgenden noch einmal für unser akademisches Fachgebiet und dessen Bedeutung für die Kirchen und die Gesellschaft in unserem Land werben und bitten Kolleg*innen, welche diesen offenen Brief lesen, sich ggf. hiermit aus ihrer Perspektive und im Rahmen ihrer Arbeitsgebiete zu solidarisieren.

Was ist und was macht die FIT?

Die staatlich akkreditierte Fachhochschule für Interkulturelle Theologie Hermannsburg, getragen vom Evangelisch-lutherischen Missionswerks in Niedersachen (ELM), engagiert sich seit 2012 für Diversitätssensibilität in Kirche und Gesellschaft. Sie bietet zwei Bachelor-Studiengänge und einen Master-Studiengang an, letzteren in Kooperation mit der Georg-August-Universität Göttingen. Ziel der Studiengänge ist es, Studierenden aus unter-schiedlichen Kontexten ein praxisnahes Studium in Themenfeldern der weltweiten Ökumene zu ermöglichen.

Der Bachelor-Studiengang ‚Intercultural Theology, Migration and Global Cooperation‘ reflektiert theologisch, ekklesiologisch und soziologisch Migration als formatives Element von Kirche und Gesellschaft, während der Bachelor-Studiengang ‚Interkulturelle Theologie und Diakonie global‘ Ökumene in international diakonischer Handlungsperspektive in den Mittel-punkt stellt. Beide Studiengänge setzen sich mit interkultureller Theologie und Hermeneutik, interreligiösem Dialog und Leitungsfragen auseinander. Beide beinhalten ein Praxissemester.

Der in Göttingen akkreditierte Master-Studiengang ‚Intercultural Theology‘ bietet Zugänge zu interkultureller Methodik, postkolonialen theologischen Ansätzen und ein Forschungs-semester.

Bei der FIT handelt es sich um ein deutschlandweit einzigartiges Angebot. Zurzeit studieren an der FIT Menschen aus 24 Herkunftsländern, darunter auch eine kleinere Anzahl von Studierenden muslimischen und anderen Glaubens sowie anderer Weltanschauung. Lehrveranstaltungen und Campus bieten gute Möglichkeiten interkulturellen und interreligiösen Lebens und (voneinander) Lernens. Das Ausbildungsangebot für neue Berufe in Kirche, Diakonie und Gesellschaft richtet sich im Rahmen der allgemeinen Offenheit insbesondere auch an Interessierte aus den 23 Partnerkirchen des ELM, welches Kandidat*innen mit Stipendien fördert.

Bedeutung der Schließung für Kirche und Gesellschaft

Am 9.3.2021 hat der Missionsausschuss als Aufsichtsgremium des ELM die Schließung der FIT nach einem Übergangszeitraum von 4-5 Jahren beschlossen. Als ausschlaggebend für den Beschluss wurden finanzielle Gründe angegeben.

Wir als Mitarbeitende der FIT halten dies für eine falsche kirchenpolitische Grundsatz-entscheidung, weil damit Kompetenzen und Themen, die zum kirchlichen Leben und Handeln in pluraler, interkultureller Gesellschaft mehr denn je benötigt werden, aufgegeben werden.

Die neutestamentlichen Schriften dokumentieren Interkulturalität als den Normalfall von Gemeinde. In den Studiengängen der FIT kommen Studierende aus unterschiedlichen religiösen und konfessionellen, insbesondere charismatisch- pentekostalen Hintergründen zusammen. Ökumene wird in wesentlich breiterem Sinne verstanden als die klassische Konfessionsökumene. Die Suche nach Grundlagen und Formen gemeinsamen Kirche-Seins und Glauben-Lebens (s. Hochschulandachten an den Vorlesungstagen) bildet einen zentralen Teil der theologischen Ausbildung.

Für die meisten Mitgliedskirchen der EKD stellen Gemeinden mit hoher Diversität eher den Sonderfall dar. U.a. die Freiburger Studie zeigt aber, dass eine primär monoethnische Volkskirche nicht zukunftsfähig ist. Absolvent*innen der FIT bieten u.a. den Trägerkirchen des ELM (Hannover, Braunschweig, Schaumburg-Lippe) die Möglichkeit, in Festanstellungen, Projekten und Erprobungsräumen ‚einladende Kirche‘ zu werden, sich neu, offen, rassismuskritisch und international-ökumenisch zu verorten und Interkulturelle Öffnung auf den unterschiedlichen Ebenen zu leben.

Interkulturelle Theologie hat vielfältige Komponenten. Eine Kritik an hegemonialen Deutungsstrukturen gehört ebenso dazu wie die Ermutigung, Theologie ‚zu tun‘. Die FIT ermöglicht eine denkende und gesprächsweise Reflexion des christlichen Glaubens im Miteinander und Gegenüber etwa zu muslimischen o.a. Glaubens aus multiplen Perspektiven.

Sie fördert eine Diversitätssensibilität und verfolgt einen gerechtigkeitsorientierten Ansatz. Damit schließt sie eine Lücke in der oft eher klassisch-exegetischen Ausbildung an den Fakultäten. Studierende der FIT werden durch das praxisnahe Studium dazu befähigt, gleichberechtigte Partizipation und Teilhabe von zugewanderten Menschen in Kirche und Gesellschaft zu fördern. So ist ein hoher Anteil der FIT Absolvent*innen in der Betreuung, Beratung und Begleitung von jungen Migrant*innen und Geflüchteten bei diakonischen Werken, Kirchengemeinden, Stiftungen, Kommunen und gemeinnützigen Vereinen tätig. Andere leisten als Leiter*innen von Migrationsgemeinden oder als Funktionsträger in interkulturellen Projekten wichtige integrative und kommunikative Arbeit. Die Relevanz und das große Potential dieser Tätigkeiten und Engagements zeigt sich auch an folgenden Zahlen:  

In Deutschland leben 20,8 Mio. Menschen mit sogen. Migrationshintergrund. Ca. 55 Prozent der Eingewanderten und ihrer Kinder verstehen sich als Christ*innen. Etwa 14 bis 16 % aller Personen mit Migrationshintergrund sind Mitglied evangelischer Landeskirchen, etwa 3 bis
4 % zählen sich zu weiteren evangelischen Kirchen (einheimische Freikirchen und Migrations-gemeinden). 10 % der Gemeindeglieder der EKD (ca. 2,4 Millionen) haben einen Migrations-hintergrund.

Der kirchliche Kontext in Deutschland zeichnet sich u.a. durch „etwa 2.000 bis 3.000 evan-gelische internationale Gemeinden, 460 katholische muttersprachliche Gemeinden und etwa 450 orthodoxe bzw. orientalisch-orthodoxe Gemeinden, die durch Migration entstanden sind“[3], aus.  Dabei übernehmen diese Gemeinden Brückenfunktionen, agieren als Inklusions-agenten und erfüllen zahlreiche sozialdiakonische Aufgaben. Die FIT bietet mit ihren Bachelor-Studiengängen eine theologisch-diakonische Ausbildung, die Absolvent*innen auf Arbeit in Kontexten mit hoher Diversität vorbereitet. Gleichzeitig kommen die ‚Internationalen Gemeinden‘ als Akteure in den Blick. Hieraus ergeben sich mögliche und notwendige Koope-rationsflächen mit etablierten Diakonischen Werken und Einrichtungen der Trägerkirchen.

Um die Herausforderungen in Gegenwart und Zukunft zu meistern, müssen sich nicht nur die Politik, sondern auch und gerade die Kirchen den Themen Zuwanderung, Interkulturalität, Interkultureller Öffnung, Teilhabe und Partizipation zuwenden und vermittelnde Lösungs-ansätze entwickeln. Sollten die Kirchen sich diesen Fragen nicht stellen, werden sie weiter an Relevanz verlieren.

In diesem Zusammenhang erinnern wir an die Verankerungen eines ökumenischen Verständnisses der Dienstgemeinschaft in vielen Gliedkirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland und appellieren, diese rechtlichen Grundlagen ernst zu nehmen. So heißt es in der Kirchenverfassung der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers [Art. 1(3)] „Verkündigung, Zeugnis und Dienst erfolgen in Gemeinschaft mit anderen christlichen Kirchen und im Zeichen der Treue Gottes zum jüdischen Volk.“

Handlungsbitten

Im Namen der FIT bitten wir die Leitenden der Trägerkirchen des ELM, in ihren jeweiligen Synoden das Thema ökumenische theologisch-diakonische Ausbildung (erneut) auf die Tagesordnung zu setzen, um über eine nachhaltige Zuweisung zum Erhalt dieser Ausbildung auf dem Gebiet der Trägerkirchen ebenso zu beraten wie über Fragen der Interkulturellen Öffnung. Gern lassen wir uns seitens des Professoriums der Hochschule in diese Beratungen einbeziehen.

Sollten sich Zuwendungen aus landeskirchlichen Haushalten unabhängig von den Zuwendungen an das ELM als nicht realisierbar zeigen, bitten wir den Vorsitzenden des Missionsausschusses, Landesbischof Ralf Meister, und den Direktor des ELM, Pastor Michael Thiel, sich dafür einzusetzen, beispielsweise mit Hilfe der Evangelischen Mission Weltweit (EMW) einen Runden Tisch zu etablieren, bei dem Stakeholder ökumenischer theologisch-diakonischer Ausbildung zusammenkommen, um nach Möglichkeiten einer gemeinschaftlich von Missionswerken und Landeskirchen finanzierten Ausbildung an einem zentralen Ort Deutschlands zu suchen.

„Es ist normal, verschieden zu sein. Wir wollen Inklusion“. Mit diesem Titel wirbt eine Veröffentlichung der Evangelische Kirche in Deutschland für eine diversitätssensible Öffnung von Theologie, Kirche und Gemeinde. Für eine solche Öffnung unter Migrations- und Gerechtigkeitsperspektive engagiert sich die Fachhochschule für Interkulturelle Theologie – und würde dies auch gerne weiterhin tun.

www.fh-hermannsburg.de

Für das Lehrkollegium der FIT:

Prof. Dr. Andreas Kunz-Lübcke (Prorektor für Verwaltung)

Prof. Dr. Gabriele Beckmann (Prorektorin für Studienangelegenheiten)

Prof. Dr. Wilhelm Richebächer (Rektor)“

PR





Informationen zum Artikel:
Texte und Bilder sind urheberrechtlich geschützt. Ist dieser namentlich in dem Beitrag nicht explizit erwähnt, so kann dieser bei der Redaktion angefragt werden. Bildrechte werden, wenn bekannt, gesondert aufgeführt. Allgemeinbilder zur Untermalung stammen in der Regel von: Celler-Presse.de oder Pixabay.com. Bitte beachten Sie, dass die Nutzung dieser Seite kostenfrei ist. Daher blenden wir Werbung ein und auch Serviceartikel können externe Verlinkungen enthalten. Sie erkennen Sie an der Kategorie "Service".



Anzeige


Anzeige