Dienstag, 9. Dezember 2025

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„Die List des Feinds verbrennt uns nicht“

„Aufpoliert“: Stolpersteine von Irmgard Ruschenbusch und Agnes Timme erstrahlen in Hermannsburg in neuem Glanz. Am Donnerstag wurde an den gewaltsamen Tod der beiden Hermannsburgerinnen gedacht.

Von 1939 bis 1945 wurden fast 200.000 wehrlose Menschen umgebracht. Ihr Leben wurde als „lebensunwert“ bezeichnet, ihre Ermordung hieß „Euthanasie“. Sie starben in den Gaskammern von Grafeneck, Brandenburg, Hartheim, Pirna, Bernburg oder – wie die Hermannsburgerinnen Irmgard Ruschenbusch und Agnes Timme – in Hadamar, sie starben durch Exekutionskommandos, durch geplanten Hunger und Gift. Die Täter waren Wissenschaftler, Ärzte, Pfleger, Angehörige der Justiz, der Polizei, der Gesundheits- und Arbeitsverwaltungen. Die Opfer waren arm, verzweifelt, aufsässig oder hilfsbedürftig. Sie kamen aus psychiatrischen Kliniken und Kinderkrankenhäusern, aus Altenheimen, Fürsorgeanstalten, Lazaretten und Lagern. Die Zahl der Opfer ist groß, gering die Zahl der verurteilten Täter.

Gegen das Vergessen

Johanna Ottermann, David Bodammer, Kathrin Schacht Jost Hasselhorn sind engagierte Bürger:innen die gegen das Vergessen kämpfen. Sie möchten die Erinnerung an den gewaltsamen Tod von Irmgard Ruschenbusch und Agnes Timme bewahren und erinnern mit dem jährlichen Gedenken am 16.06. an die Ermordung der Hermansburgerinnen. Obgleich in den Unterlagen der Todestag am 24.06.1941 notiert wurde, sind sich die Historiker im Nachhinein einig, dass es der 16. oder 17. eigentlich war. Die Mitglieder gegen das Vergessen haben sich so den 16. Juni für das einheitliche Gedenken auserkoren. Ob sich damals Timme und Ruschenbusch kannten, konnte bis jetzt nicht geklärt werden. Zu unterschiedlichen Zeiten wurden beide zunächst in die Zwischenanstalt Herborn verbracht. Hier hätte es theoretisch einen Begegnungspunkt geben können. Schließlich wurden alle aus dem Sammellager nach Hadamar in den sicheren Tod geschickt.

Hasselhorn war am Donnerstag aus dem Organisationsteam der einzige Anwesende, da die drei anderen verhindert waren. Hasselhorn moderierte und koordinierte das Gedenken vor Ort an den Stolpersteinen.

Irmgard Ruschenbusch

Stolperstein: Lotharstraße 14

Irmgard Ruschenbusch (*5.3.1896 – †16.6.1941), die Großnichte von Ludwig Harms, war unheilbar an Schizophrenie erkrankt und wurde im Rahmen des T4 Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten 1941 im hessischen Hadamar ermordet. Ruschenbusch hatte bereits seit 1921 in der Landesheilanstalt Lüneburg gelebt.

In Erinnerung an Irmgard Ruschenbusch verlas Bernd Eichert den ausgesuchten Text von Nelly Sachs (*10.12.1891 – †12.05.1970) bevor die Anwesenden in kurzer Stille verharrten.

Wir sind so wund,
daß wir zu sterben glauben
wenn die Gasse uns ein böses Wort nachwirft.
Die Gasse weiß es nicht,
aber sie erträgt nicht eine solche Belastung;
nicht gewöhnt ist sie einen Vesuv der Schmerzen
auf ihr ausbrechen zu sehn.
Die Erinnerungen an Urzeiten sind ausgetilgt bei ihr,
seitdem das Licht künstlich wurde
und die Engel nur noch mit Vögeln und Blumen spielen
oder im Traum eines Kindes lächeln
.

Agnes Timme

Stolperstein: Lutterweg 16

Sabine Röhrs, die Enkelin von Agnes Timme (*10.01.1912 – †16.06.1941), berichtete in eindringlichen Worten, wie Timme am 16.06.1941 im Rahmen des T4 Euthanasie-Programms in Hadamar durch Gas ermordet wurde.
In Ihrer Rede fuhr Röhrs weiter fort: „Sie starb im Alter von 29 Jahren als verheiratete Frau mit 4 Kindern, weil sie nach der Geburt ihrer letzten Tochter eine postnatale Schizophrenie entwickelte. Diese Erkrankung führte dazu, dass die 4 Jahre in der Landesheilanstalt Lüneburg verbrachte. Ein erbbiologisches Gutachten der T4-Zentrale in Berlin besiegelte ihr Schicksal, denn ihr Zustand wurde als lebensunwert eingestuft, was das Todesurteil zur Folge hatte. Die 4 Kinder waren zu dem Zeitpunkt zwischen 4 und 9 Jahren alt. 2017 wurde, zum Abschluss jahrelanger Recherche über ihre Diagnose, welche ihr das Todesurteil einbrachte, ein Stolperstein verlegt, der mahnen soll. Er soll mahnen, gegen das Vergessen, gegen die Angst sich bei Unrecht zu erheben, und gegen Gewalt jeglicher Art dem Leben gegenüber.“

Während der Stolperstein nun aufpoliert wurde, verlas Jürgen Schneider das Gedicht Flüsterlied (1936) von Fritz Bruegel (*1897 – †1955):

Man sieht uns nicht,
man kennt uns nicht,
wir tragen keine Zeichen.
Die List des Feinds verbrennt uns nicht,
Er kann uns nicht erreichen.

Man fängt uns nicht,
man hört uns nicht,
wir leben nicht im Hellen
Der Hass des Feinds zerstört uns nicht
das Netz der stummen Zellen.

Wir spinnen unsre Fäden fort,
das Netz wird immer dichter.
Von Stadt zu Stadt,
von Ort zu Ort,
trotz Henker, Kerker, Richter.

Wir sind wie Atem, Luft und Wind,
der Feind kann uns nicht greifen.
Er starrt sich seine Augen blind
und fühlt nur, dass wir reifen.

Die heut im Grau des Dämmerlichts
die schmalen Wege graben:
Sie haben nichts, sie haben nichts,
sie werden alles haben.

Mit einem Moment der Stille hielten die Anwesenden inne und gedachten der Timmes.

Stolperstein und Stolperschwelle

Während die Stolpersteine, ein Kunstprojekt von Gunter Demnig, mittlerweile in der gesamten Republik zu finden sind, machte Wilfried Manneke auf eine Besonderheit in Unterlüß aufmerksam: eine Stolperschwelle.

In Erinnerung an die tausenden Zwangsarbeiter in Unterüß, erinnert gleich eine ganze Schwelle an die Gräueltaten der Nationalsozialisten in der Rüstungsindustrie.

Die Schwelle bezieht sich hierbei nicht auf konkrete Namen, sondern erinnert im Allgemeinen:

1939 BIS 1945 AUS DER HEIMAT VERSCHLEPPT UND IN UNTERLÜSS INERNIERT
MÄNNERLAGER – FRAUENLAGER – SÄUGLINGSLAGER – ARBEITSERZIEHUNGSLAGER
LAGER TANNENBERG ALS AUSSENLAGER DES KZ BERGEN-BELSEN
ZWAGSARBEIT IN DER RÜSTUNG BEI RHEINMETALL-BORSIG UND ANDEREN WIRTSCHAFTSZWEIGEN
ZUR ARBEIT GEZWUNGEN-AUSGEBEUTET-ENTRECHTET-UNTERERNÄHRT-MISSHANDELT
VIELE VON IHNEN VERLOREN HIER IHR LEBEN

Jährlich erinnern die Organisatoren an die Hermannsburger Ermordeten und „poliert“ die Stolpersteine auf. Es finden sich immer wieder Angehörige, Nachfahren und Menschen, die sich an vergangene Zeiten erinnern ein. Interessierte können der Veranstaltung immer beiwohnen und am Rande ins Gespräch kommen. So wird die Erinnerung lebendig und bezieht sich direkt auf Geschehnisse vor Ort.

Redaktion
Celler Presse

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