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Zum 275. Geburtstag: Walter Hettches Vortrag über Ludwig Höltys Lyrik

  • Celle

Im Kreistagssaal an der Trift wurde diesmal nicht über Kommunalpolitik debattiert, Dichtkunst war das Thema. Auf der großen Leinwand waren Verse und Strophen aus berühmten Gedichten des 18. Jahrhunderts in der Handschrift von Dichtern zu sehen, oder es wurden Auszüge aus damaligen Büchern wiedergegeben. Viele Literaturinteressierte blickten gebannt auf die Leinwand und lauschten den Erläuterungen des Literaturwissenschaftlers Walter Hettche von der Universität München. Auf Einladung der Ernst-Schulze-Gesellschaft war er nach Celle gekommen, weil sich in diesem Jahr der Geburtstag des Dichters Ludwig Hölty zum 275. Mal jährt.

Hölty hat krankheitsbedingt nur ein kurzes Leben gehabt, er starb schon 1776 mit nur 27 Jahren. Seine Mutter stammte aus Celle, er hat hier drei Jahre von 1765 bis 1768 die Lateinschule in der Kalandgasse besucht, beherbergt von seinem Onkel in der Schuhstraße 22. Celle ist dem großen Lyriker persönlich wichtig gewesen. Durch die Namengebung „Hölty-Gymnasium“ drückt die Stadt die Verehrung seines bedeutenden lyrischen Werks aus. Rund 150 Gedichte sind uns überliefert, und bis in die Gegenwart gibt es zahllose Vertonungen der beliebten Verse.

Das erwartungsvolle Publikum wurde reich beschenkt von dem überaus kompetenten Forscher Hettche, der Höltys „Gesammelte Werke und Briefe“ 1998 und in 2. Auflage 2008 herausgegeben und sorgfältig kommentiert hat.

Zum vergnüglichen Auftakt erfuhr das Publikum, dass das früheste überlieferte Gedicht Höltys aus dessen elftem Lebensjahr stammt und seinem Hund gewidmet war. Hettche konnte es sogar auswendig rezitieren. Die ernsthafte Arbeit mit gestalteter Sprache hatte aber dann erst in der Universitätsstadt Göttingen ihren Ort. Dort studierte Hölty Theologie und Sprachen. Kaum angekommen, bewarb er sich schon 1770, sehr ehrgeizig, mit einigen eigenen Gedichten um die Mitgliedschaft in der hochangesehenen „Deutschen Gesellschaft zu Göttingen“, die sich der Förderung der deutschen Literatur widmete. Hölty wollte, wie er schrieb, durch deren „Critick“ gefördert und „gebildet“ werden. Er wurde tatsächlich 1774 von jenem professoralen Gremium aufgenommen und mehrfach wohlwollend besprochen und gewürdigt.

Entscheidender aber für Höltys Entwicklung als Lyriker wurde eine Gruppe gleichaltriger Literaturbegeisterter, die sich 1772 zum Göttinger „Hainbund“ zusammenfanden. Boie, Voß und Hölty waren Vorreiter, hinzu kamen u.a. die Grafen Stolberg, die Brüder Miller, Bürger, Hahn, Wehrs, Gleim und auch unser Celler Leisewitz. Der schon sehr berühmte Klopstock, den die begeisterten Hainbündler bald auch als Unterstützer gewinnen konnten, war ihr großes Vorbild.

 „Herz und Verstand“ sollten für den Hainbund „Hand in Hand“ gehen. Das Ich und die Natur wurden zu  Hauptthemen. Der Dichter sollte die eigene Empfindung nicht nur wahrnehmen, sondern auch wahrhaftig ausdrücken. Die Natur sollte als unser Gegenüber intensiv beobachtet, erfahren und sprachlich vergegenwärtigt werden. Empfindungen auszudrücken wurde zum Programm, sollte aber nicht etwa in Empfindelei ausarten.

Neu und eine große Aufgabe war es, in der deutschen Sprache dafür literarisch passende Formen zu finden. Adressat der Hainbündler war das Bürgertum in ganz Deutschland, das sich, immer selbstbewusster werdend, in seiner eigenen Sprache ausgedrückt sehen sollte. Die jungen Dichter studierten selbstverständlich die zeitgenössische Literatur und versuchten dann aber, sie zu vervollkommnen. Hettche zeigte an Beispielen von Gedichten, die Johann Peter Uz (1720 – 1796) oder Friedrich Hagedorn (1708 – 1754) verfasst hatten, wie auch Ludwig Hölty deren Leistungen aufgreift, aber die Aussage von Individualität noch verstärkte, indem er die Intensität der eigenen Empfindung hörbarer und vorstellbarer machte. Wie Hölty verfuhr, zeigte Hettche mit Bildwiedergaben von Handschriften und Erstdrucken, auf großer Leinwand, für das Publikum gut nachlesbar.

Im Hinblick auf Inhalte und auch auf Gedichtformen blieb Klopstock Vorbild für den Hainbund. Er hatte beispielsweise antike Versmaße und Versformen übernommen und erweiterte damit den Formenkanon des deutschen Gedichts. Hölty widmete sich daher auch der von Klopstock propagierten „Ode“, so etwa mit seinem Gedicht „An die Grille“.

Zur Aussage und zum Inhalt der Gedichte erklärte Hölty, er wolle sich der „ländlichen Poesie“ widmen. Dies entsprach seiner eigenen Erfahrung, dass die Natur den Menschen wieder zu sich selbst bringen kann: „Drum komme, wem der May gefällt, / Und freue sich der schönen Welt, / Und Gottes Vatergüte, / Die diese Pracht / Hervorgebracht, / Den Baum und seine Blüthe.“ (Maylied / den 17 Febr. 1773)

Die Hainbündler diskutierten miteinander, sie verbesserten ihre Verse, sie korrigierten, ergänzten und intensivierten aber auch die Gedichte der Freunde. Dies gehörte zu ihrem Programm und war nicht etwa ein Eingriff in die Urheberschaft. Der schöne Vergleich „Leise wie Bienenton“, der in Höltys Gedicht „Auftrag“ zu lesen ist, der dem Vortrag Hettches den Titel gab, stammt aller Wahrscheinlichkeit nach von Voß, dem Freund. Hölty hatte Voß wohl grundsätzlich ermächtigt, bei Veröffentlichungen auch Ergänzungen, Änderungen vorzunehmen. Auf jeden Fall entsprachen sie dem Stil wie den Anliegen des Sprachgenies Hölty.

Die Zuhörer und Zuhörerinnen dankten Walter Hettche mit langanhaltendem Beifall für seinen Vortrag. Für die Ernst-Schulze-Gesellschaft dankte Lothar Haas nicht nur ihm, sondern auch dem Publikum, das mit seinem Interesse den Dichter Hölty wieder aus der Vergessenheit geholt hat.

PR
Fotos: Rainer Schiedung

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