Freitag, 13. Februar 2026

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„Erzählt unsere Geschichten weiter“ – Bewegende Gedenken an der „Rampe“

„Ich bin kein Opfer. Ich bin ein Überlebender.“ Die Rede von Leo Lewin ist kurz, prägnant, voller kluger Sätze. Diese beiden sind die markantesten, vorgetragen in einer atmosphärisch dichten Umgebung, an der sogenannten „Rampe“, wo die Menschen vor mehr als 80 Jahren ankamen, um anschließend ins KZ Bergen-Belsen getrieben zu werden.. „In Viehwaggons oder offenen Kohlewaggons wurden sie transportiert“, berichtet Elke von Meding, die Leiterin der AG Bergen-Belsen, die die Gedenkveranstaltung einen Tag vor dem 80. Jahrestag der Befreiung am 27. April auf dem Gelände der Gedenkstätte Bergen-Belsen, organisiert hat.

„Das Schöne an diesen Veranstaltungen hier ist, dass sie frei sind von protokollarischen Zwängen“, sagt die Historikerin und Kuratorin Diana Gring. „Unsere Definition von VIPs ist ganz einfach: Es sind die Überlebenden und ihre Familien.“ Neben Leo Lewin befinden sich weitere als Gäste vor Ort, Lewin hält als einziger eine Ansprache, er kommt aus den Niederlanden und hat sich für das Englische entschieden.

Als die britischen Soldaten am 15. April 1945 das Konzentrationslager befreiten, war er sechs Jahre alt. „Es war ein strahlender Frühlingssonntag“, berichtet Elke von Meding, doch im Lager bot sich den Militärangehörigen ein Bild des puren Grauens. „Sie trafen auf ausgemergelte Gestalten, einer von ihnen war der kleine Leo Lewin.“ Noch lebte seine Mutter, Elly Polak-Jacobs, doch die Typhus-Erkrankung überstand sie nicht, sie starb Ende April 1945. Der kleine Leo blieb allein zurück, denn sein Vater, Charles Polak, war bereits 1944 an einer Lungenentzündung in Bergen-Belsen gestorben. „Nach dem Krieg bekam ich ‚neue‘ Eltern, eine Cousine meiner ‚ersten‘ Mutter und deren Mann adoptierten mich“, blickt der heute 87-Jährige zurück.

„Erzählt unsere Geschichten weiter“, lautet das Motto der diesjährigen Gedenkfeier, die musikalisch begleitet wird von der jüdischen Band „Mizwa“ aus Hannover. Eingehend haben sich die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft mit dem Schicksal der Kinder in Bergen-Belsen auseinandergesetzt. „Viele versuchten verzweifelt, sich zu erinnern“, erläutert Diana Gring. „Nicht zu wissen, was einem als Kind widerfahren ist, ist mindestens so belastend wie die schlimmen Erinnerungen, die viele Erwachsene verdrängten.“ In vielen Fällen wurden die Kinder früh von den Eltern getrennt, mussten sich später anpassen an den unmenschlichen Lageralltag. Nach dem Ende des Krieges war es erforderlich, sich Verhaltensweisen wieder abzugewöhnen, sie mussten verlernen. Viele hatten Schwierigkeiten, sich in der normalen Welt zurechtzufinden. Für seltene Momente der Zerstreuung und Ablenkung hatten während der Inhaftierung Spiele gesorgt. Es gibt Zeugnisse der Erinnerung, Texte von Kindern im KZ. Sie spielten mit allem, was sich bot, Steine, Matsch, Sand, sangen Lieder. Die Gruppe „Südheidebund“ hat sich mit dem Thema beschäftigt, Passagen herausgesucht, die sie sehr professionell vorträgt. Elke von Meding beendet den Programmpunkt mit dem Satz: „Mich erinnert das an die Aussage einer Überlebenden: Sie raubten uns alles, was Kinder sich erträumen.“

Leo Lewin endet seine Rede mit den Worten: „Mein Wunsch ist es, dass Menschen, unabhängig von ihrer Religion, Nationalität, Herkunft, ethnischen Zugehörigkeit, Hautfarbe, Geschlecht, sexuellen Orientierung gleichberechtigt zusammenleben… Aber bitte lasst unsere Gleichheit als Menschen immer an erster Stelle stehen. Wenn ich eine Lehre aus dem ziehen darf, was hier und anderswo in den Jahren geschehen ist, an die wir uns in diesen Tagen erinnern, dann ist es Folgendes: Den Gegensatz zwischen ‚uns‘ und ‚ihnen‘ zu überwinden, jegliches Denken in Zuordnungen kann zu den schrecklichsten Dingen führen und führt selten, wenn überhaupt, zu etwas Gutem.“

Anke Schlicht
Redaktion Celler Presse
Fotos: Anke Schlicht

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