Montag, 16. Februar 2026

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„Comedian Harmonists“ – Inszenierung schöpft Potential der Story nicht aus

Frierend und bibbernd, tief in ihre Mäntel gehüllt proben sie in der ungeheizten Wohnung von Harry Frommermann. Die Zeiten sind für einen großen Teil der Menschen im Berlin der 1920er Jahre alles andere als rosig. Regisseur Andreas Döring schickt als Symbol für die politischen und wirtschaftlichen Missstände einen Kriegsversehrten an Krücken zum Probesingen auf die Bühne. Widerwillig hört Frommermann sich das zynische, die Kriegserlebnisse thematisierende Protest-Lied an, keine Spur von Mitgefühl. So einen kann Frommermann für die ihm vorschwebende Gesangsformation nicht gebrauchen, also raus mit ihm: „Tanzen kann ick nich‘ mehr“, schickt der Veteran noch hinterher.

Der Einstieg zu „Die Comedian Harmonists“, das am Freitagabend unter der Regie des Intendanten Döring und der musikalischen Leitung von Moritz Aring auf der Hauptbühne des Schlosstheaters Premiere feierte, gelingt. Erzählt wird die Geschichte des legendären Vokalensembles „Comedian Harmonists“. Eine Facette ihres Erfolgs, der sie zu Weltstars machte, beruhte auf Komik, wie der Name schon sagt. Döring greift im ersten Teil vor der Pause auf dieses Element zurück, bringt das Publikum zum Lachen, indem er Frommermanns Wirtin, gespielt von Alexander von Säbel, im Bademantel und mit rosa Plüsch-Schlappen die konzentrierten Gesangsproben stören lässt: „Meine Herren, SO geht das nicht…“ Wie die jungen Männer die nicht mehr ganz junge Vermieterin bezirzen, sie tanzend umkreisen und um den Finger wickeln, ist lustig und wird entsprechend bejubelt.

Erzählt wird chronologisch

Der Regisseur hat sich für die chronologische Erzählweise entschieden. Vor dem Hintergrund eines Bühnenbildes, das die Bezeichnung eigentlich gar nicht verdient, denn es besteht aus nicht viel mehr als leuchtend umrandeten Podesten, bereitet er die tragisch endende Erfolgsstory, die sich über eine Spanne von sieben Jahren, von 1928 bis 1935, erstreckt, auf und scheitert am richtigen Timing. Intensiv und ausgedehnt beleuchtet er die Anfangsphase des sich Findens und des Einstudierens. Viel Zeit wird verwendet für immer wieder aufkommende Zweifel, ob man es denn überhaupt jemals schaffen würde. Mal will der eine abspringen, dann der andere, die übrigen motivieren und letztendlich bleibt die Truppe beieinander.  Spannung kann in diesem Abschnitt nicht entstehen, denn das Ende, die Entwicklung zu einem Spitzenensemble, das einen Erfolg nach dem anderen feiert, ist bekannt. Und auch der weitere Verlauf, der von der Machtergreifung der Nationalsozialisten bestimmt wird und in der zwangsweisen Auflösung der A-cappella-Formation mündet, weil drei Mitglieder jüdisch sind, wurde mehrfach künstlerisch verarbeitet.

Neben dem preisgekrönten Spielfilm von Joseph Vilsmaier aus dem Jahr 1997 mit Stars wie Ben Becker gibt es unzählige Bücher. Zwanzig Jahre zuvor war es der Dokumentarfilmer Eberhard Fechner, der die einstige Boygroup ins Scheinwerferlicht zurückholte. Längst hatte sich der Mantel des Vergessens über die einstigen Stars gelegt, Fechner spürte sie auf, zeichnete die „Sechs Lebensläufe“ nach mit eindringlichen Interviews.

Auf die Hits ist Verlass

Wer sich dem Thema als Bühnenstoff widmet, kann also aus dem Vollen schöpfen, hat Material, um den Figuren Profil zu verleihen, die unterschiedlichen Charaktere zu schildern, die Beziehungen untereinander aufzuzeigen. Denn es sind diese Elemente, die in der dramatischen Trennungsphase zum Tragen kommen. Döring nutzt seinen Fokus auf den Monaten vor dem Durchbruch nicht, um die Gruppenhierarchie abzubilden, wie stehen die einzelnen Protagonisten zueinander, was kennzeichnet sie. Er lässt nur anklingen, es bleibt beim frotzelnden Geplänkel unter jungen Männern. Deutlich wird, dass Erich A. Collin, Harry Frommermann und Roman Cycowski jüdisch sind. Als running gag muss der Tenor Ari Leschnikoff, gespielt von Moritz Aring, herhalten, dem bulgarischen Virtuosen kommt im Stück die Rolle des Deppen zu. Aring ist kein Schauspieler, den dummen August, der stets alles falsch versteht und bewertet, nicht richtig Deutsch sprechen kann und sich gerne vor der Arbeit drückt, bekommt er gerade noch hin. Niemand darf ernsthaft erwarten, dass der Musiker Moritz Aring stimmlich an das Original herankommt, aber ein wenig klangvoller und markanter hätte man sich den musikalischen Leschnikoff, der im wahren Leben nicht nur durch die außergewöhnliche Höhe seiner Stimme, sondern auch durch warmherzige Interpretationen beeindruckte, durchaus gewünscht.

Für die zahlreichen Gesangs- und Tanzszenen erntet das Ensemble viel Applaus, auf die Wirkung der Hits „Mein kleiner grüner Kaktus“, „Der Onkel Bumba aus Calumba tanzt nur Rumba“, „Veronika der Lenz ist da“ und viele weitere ist Verlass. Lars Fabian sticht gesanglich und tänzerisch heraus. Insgesamt bleiben die Schauspieler jedoch blass, Philipp Keßel als Robert Biberti fehlt es an feister Berliner Schnoddrigkeit und Witz, Dirk Böther verkörpert nicht den feingliedrigen, durch und durch musikalischen und ehrgeizigen Harry Frommermann.

Gemeinsam mit Erich A. Collin und Roman Cycowski emigrierte dieser aufgrund des Berufsverbots in Deutschland 1935 nach Wien, vorausgegangen waren der Trennung heftige Auseinandersetzungen unter den sechs Männern. Wie gravierend diese gewesen sein müssen, lässt sich daran ablesen, dass sich die Formation in ihrer Gesamtheit niemals wiedertraf. Für diesen Teil der Geschichte bleibt in der Schlosstheater-Inszenierung wenig Raum. Nach der Pause im zweiten Teil wird temporeich abgehandelt anhand von Dialogen, denen es an Tiefe fehlt. Ein eindringliches Schlussbild, das den Bruch symbolisiert ähnlich wie die frierenden und bibbernden Talente in der ungeheizten Wohnung den Anfang, liefert die Aufführung nicht. Andreas Döring schöpft das Potential der Story nicht aus. Auf dem Weg zum Ruhm sagt Erich A. Collin an einer Stelle: „Wir sind Durchschnitt“. Das Sextett überwindet diesen Status, die Schlosstheater-Inszenierung nicht.

Anke Schlicht
Redaktion Celler Presse
Foto: Schlosstheater Celle

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