Auf dem Podium – Karin Abenhausen und Dr. Jörg Nigge stellen sich den Fragen der Gewerkschaft
Es ist nicht das Terrain des Oberbürgermeisters Dr. Jörg Nigge, aber auch nicht wirklich das seiner Kontrahentin für das höchste Amt im Neuen Rathaus Karin Abenhausen, auch wenn sie, wie sich im Verlauf der Veranstaltung herausstellt, mehr als 45 Jahre Gewerkschaftsmitglied ist.
Der Celler Kreisverband des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) hat am Freitagnachmittag eingeladen zu seinem Sommerfest im Hof der Geschäftsstelle von IG Metall und DGB. „In diesem Jahr mit politischem Charakter“, betont der Vorsitzende Dirk Garvels, „wir wollen den Kandidierenden auf den Zahn fühlen“, allein von den Umständen her eine Herausforderung für die beiden Kommunalpolitiker. Der Komposthaufen ist nicht weggeräumt, das Mikrofon mag die Stimme von Karin Abenhausen nicht, es versagt regelmäßig, der Standort des Podiums ist ungünstig gewählt, krabbelnde Ameisen überall, Jörg Nigge schaut gegen die Sonne.
Die Moderation vor einer Zuhörerschaft von 58 Personen übernimmt die DGB-Regions-Geschäftsführerin Ute Neumann, die den Fragenblock mit jeweils zwei Minuten für die Beantwortung anlehnt an aktuelle Gewerkschaftsthemen.
Zum Auftakt steht jedoch die Stadt Celle mit ihren größten Herausforderungen im Mittelpunkt. Der Oberbürgermeister, der häufiger in bestimmten Kontexten propagiert, Geld spiele keine Rolle, trifft eine für ihn eher untypische Aussagen, indem er die Stichwörter soziale Verwerfungen und knappe Kassen nennt. „Sie hören es ja überall, dass den Kommunen das Geld fehlt. Wir müssen bei den freiwilligen Leistungen streichen und sehr stark drauf aufpassen, dass wir bei den Finanzen die Waage halten.“ Karin Abenhausen, die parteilos, aber unterstützt von den Grünen und der SPD antritt, antwortet: „Das Klima, unsere Städte müssen sich wandeln. Bezahlbarer Wohnraum ist wichtig, und zwar nicht nur sozialer Wohnungsbau, sondern auch eine Stufe drüber müssen wir den Menschen ermöglichen, in bezahlbaren Unterkünften zu leben.“
Industrie-Arbeitsplätze, Fachkräftemangel
Bei der ersten „Gewerkschaftsfrage“, wie man zum neuen niedersächsischen Tariftreue- und Vergabegesetz stehe, sind sich die beiden Gäste auf dem Podium einig: „Das ist eine Vorgabe, die muss umgesetzt werden“, sagt Nigge und fügt hinzu: „Es wäre eine Erleichterung, wenn bei der Vergabe nicht das Finanzielle an oberster Stelle stünde. Es braucht weitere Kriterien.“ Karin Abenhausen ergänzt, man müsse auf Subunternehmer, die Regeln umgehen, Acht geben. „Wir haben Vorbildfunktion.“
Auch der nächste Block spricht mit dem bundesweiten Gewaltschutzgesetz Inhalte an, die keine kontroversen Ansichten zu Tage fördern.
Erst die Themen Industrie mit dem von Ute Neumann benannte rasanten Verlust von tarifgebundenen Industrie-Arbeitsplätzen in den vergangenen anderthalb Jahren sowie der Fachkräftemangel und die Überschrift Energie bieten für die Kandidatin Gelegenheit, Ideen und Lösungsvorschläge vorzubringen. Der Amtsinhaber spielt indes seinen Pragmatismus aus. Er bricht die Headlines herunter auf seine Handschrift, mit der er die Stadt gestaltet, und deren Ergebnisse. „Wir leben von den Gewerbesteuern, wir müssen die Wirtschaft stärken“, sagt er, um dann überzugehen auf seine viel beschworenen Projekte, die in dieser Diskussion auch als die erbetenen Rezepte dienen. Fachkräfte locke man an, indem man den Weg zur „familienfreundlichsten Stadt“ weiter gehe. Er spreche viel mit Unternehmern und diese seien glücklich, dass es Bauland, ausreichende Kita-Plätze und gute Schulen dank der „Schuloffensive“ gebe. „Wir schaffen die Rahmenbedingungen“, betont der Verwaltungschef. Darüber hinaus steige die Nachfrage für Gewerbestandorte, hier komme auch die gute Wirtschaftsförderung mit einer Infrastruktur, die auf direkte Gespräche setze, im Neuen Rathaus zum Tragen.
„Was nützt eine gute Infrastruktur, wenn wir nicht die richtigen Unternehmen bekommen. Von Firmen mit innovativem Charakter war bei der Ausschreibung neuer Gewerbegebiete die Rede. Ich habe mir diese angeguckt, solche Unternehmen finde ich dort nicht, aber diese bräuchten wir“, entgegnet Abenhausen und regt in puncto Industrie und Energie an, auf die vorhandene Erdöl- und Bohrindustrie im Zusammenhang mit Geothermie zu setzen. „Wir können als Stadt als ‚Ordner-Instanz‘ wirken, indem wir in innerstädtischen Baugebieten die Energieform vorschreiben. Celle kann ein Leuchtturm werden. Auch die Niedersächsische Landesregierung sei daran sehr interessiert.“ Darüber hinaus habe man die Industrie im Landkreis, Rheinmetall ist der größte Player, das Personal, das am Standort nicht zuhause sein wolle, könne man in die Stadt zum Wohnen holen. Auch Lindhorst sei ein großer Arbeitgeber. Dr. Jörg Nigge möchte die Aussage zu den Gewerbegebieten so nicht stehen lassen: „Es ist selten geworden, dass Unternehmen heutzutage überhaupt den Standort wechseln. Ich nehme alles, was Arbeitsplätze schafft. Im Westerceller Gewerbegebiet sind schon 100 neue Stellen entstanden.“
Bezahlbares Wohnen
Auch beim letzten Gewerkschaftsthema „Bezahlbares Wohnen“ greift Nigge auf die Bilanz seiner Amtszeit zurück: „Was Wohnen angeht, sind wir relativ gut aufgestellt“, die Preise auf der Allerinsel und in der Wehlstraße würden günstiger werden. Wie Abenhausen ist er der Meinung, man solle nicht nur das unterste Segment bedienen. Die Kandidatin zitiert als Einleitung zu ihren Vorschlägen eine Architektin: „Deutschland ist gebaut“. Wohnraum sei ausreichend vorhanden, man müsse reaktivieren und: „Wir müssen die Stadtteile am Leben erhalten und nicht nur das Bauen am Stadtrand im Auge haben.“ Dort sei die Infrastruktur vorhanden, es müssten beispielsweise keine neuen Kitas errichtet werden. Ohnehin sei zu beachten: „Wir werden weniger.“
Anschließend hat das Publikum mit seinen Anliegen das Wort, gefragt wird zu den Themen Allgemeines Krankenhaus (AKH), der soziale Aspekt in Schulen („Es gibt viele hungrige Kinder in Grundschulen“), Mobilität und öffentliche Toiletten. Der Redeanteil des Amtsinhabers ist in der Schlussrunde höher, weil sich die Fragen eher an den Amtsinhaber richten. Er hat noch einmal Gelegenheit, seine Stadtpolitik zu erläutern, während Karin Abenhausen die von ihr wahrgenommenen Defizite im Bereich Soziales benennt.
Ein klassisches SPD-Thema, und damit ein Moment für wahrnehmbare Unterstützung von Seiten der Genossen, die bei einem DGB-Fest eigentlich nicht fehlen dürften. Natürlich sind einige vor Ort, aber ein wirklicher Rückhalt von Seiten der Partei, die traditionell am engsten mit der Gewerkschaftsbewegung verbunden ist, vermittelt sich für die gemeinsame Kandidatin nicht.
Der Ort für das erste direkte Aufeinandertreffen des Bewerbers und der Bewerberin im Rahmen des Wahlkampfs ist weder das Terrain der Grünen Karin Abenhausen noch des CDU-Mitglieds Jörg Nigge. Die Souveränität und Gelassenheit, die dieser bei öffentlichen Auftritten mittlerweile an den Tag legt, waren bei diesem Termin nicht spürbar. Er wirkte nervöser als seine Herausforderin, und dennoch begegneten sich beide mit Respekt, blieben ruhig und sachlich und gaben so Raum für das, was die Wählerschaft vermutlich am stärksten interessiert – die politischen Inhalte.
Anke Schlicht
Redaktion Celler Presse
Fotos: Privat
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