„Zeitgeschichte in 3D“ – Mit Akribie und Geschichtsbewusstsein zum idealen Modell

MÜDEN/Aller. Die Veranstaltung „Frischer Dampf auf allen Gleisen 2.0“ zog am Wochenende viele Besucher in die Johannes Gemeinde in Müden/Aller. Modellbaufreunde und Interessiert freuten sich über die verschiedensten Eisenbahnmodelle und Antriebstechniken. Von der Dampfmaschine, zu fertigen Modulen, über Legobahnen zur digitalisierten Display-Variante. Ein Hobby für wahre Eisenbahn-Fans, die Geduld und Geschichtsbewusstsein erfordern.

Die Veranstaltung „Frischer Dampf auf alles Gleisen“ ging am Wochenende in die zweite Runde, so passend auch der Zusatz „2.0“. Schon im Jahr 2011 hatten sich Freunde der Eisenbahn getroffen und ihre Bauten und Modelleisenbahnen präsentiert, am Wochenende trafen sie sich nun wieder in der Johannes Gemeinde in Müden/Aller. Passend, den hinter dem Gelände liegt der ehemalige Bahnhof Müden-Dieckhorst, der jedoch schon seit 1993 nicht mehr am Netz und heute ein Mehrfamilienhaus ist.

Der Bahnhof Müden-Dieckhorst:

Passend dazu hat Lucas Grüning aus Ettenbüttel, der an der IGS in Gifhorn zur Schule geht, einen Vortrag zum alten Bahnhof gehalten. Grüning hatte es schon in seiner Schule zum Thema gemacht und konnte nun bei der Veranstaltung etwas zur Geschichte des alten Bahnhofs erzählen.

Das Thema des alten Bahnhofs zog sich bei einigen Ausstellern wie ein roter Faden durch. Der Freundeskreis Europäischer Modellbahner e. V., vielmehr deren N-Bahn-Stammtisch aus Braunschweig, hatten ihre schmalen 9 mm Schienen, Bahnen, Gebäude und Landschaften im Maßstab von 1.160 im Gepäck dabei. N-Bahner Ubbo Lanske zeigt sich begeistert von den Modellen und ist mit Leidenschaft und viel Ehrgeiz dabei. Gerade in dem kleinen Maßstab muss man besonders achtsam sein und Fingerspitzengefühl beweisen. Lanske ist besonders auf seine eigens gebaute Regelweiche stolz, denn die zu kaufende Alternative ist viel breiter und größer, als seine filigrane Variante. Lanske uns seine mitgereisten Modellbahner aus Braunschweig hatten sich im Vorfeld auch die Region und den Bahnhof Müden-Dieckhorst angeschaut. Im Maßstab 1.160 haben sie sich auch dem Nachbau gewidmet. Sogar die geschichtliche Darstellung und Außenbereichs war ihnen wichtig, doch je weiter die Zeit fortschreitet, desto eher verwischen die Erinnerungen. Im Repertoire vor Ort waren auch noch die Bahngebäude in Meinholz und Wittingen Süd, aber auch die Zuckerfabrik in Papenteich.

Die Geschichte hinter der Geschichte ist ein zentrales Thema, findet auch Heinz Königsbrück aus Langlingen, der schon als Kind vom Modellbau und den Eisenbahnen fasziniert war. Königsbrück arbeitet im H0 Format, der Normalspur, im Maßstab 1:87. Neben vielen Projekten, kleinen und riesigen Anlagen hat Königsbrück etwas ganz Besonderes zur Veranstaltung mitgebracht. Der Langlinger Heinz Königsbrück hat die Bahnhöfe Müden-Dieckhorst, Wienhausen, Langlingen und Wilsche aus der Region nachgebaut. Im Vorfeld war dazu viel Recherchearbeit erforderlich, berichtet der Modellbauer. Alte Pläne, Fotos und auch Befragungen müssen zusammengetragen werden. Im Anschluss muss man sich generell auf eine Zeit einigen, damit alle Gebäude ungefähr aus der gleichen Zeit stammen. Die Gebäude selbst sind zum Teil viel älter gewesen und sie haben sich im Laufe der Zeit durch Umbauarbeiten verändert, dies ist auch den Modellbauern bekannt und noch mehr. Durch ihre Recherche erfahren sie viel von den Objekten, der Geschichte und den Personen, die dort arbeiteten. Neben den Bahnhofsgebäuden, zeigte Königsbrück vor Ort den Bahnhof Langlingen mit Güterbahnhof im Ganzen.

Handanlegen war am Wochenende an bestimmten Positionen auch erwünscht. Kinder und Erwachsene konnten Bahnen steuern, oder aber auch mithelfen Module zu bauen. Einige Modellbauer bauen gerade für Veranstaltungen kleine Module mit einem Gleisstück, gegebenenfalls einem Gebäude und der Landschaft. Ist alles fertig, dann kann man schnell und einfach vor Ort die unterschiedlichsten Module miteinander kombinieren.

Organisator Mathias Herbig ist von der Resonanz begeistert. Herbig zählte viele Besucher und interessierte Kinder. Die Veranstaltung zeigt nicht nur viele Modelle und Kollagen der unterschiedlichen Größen und Jahrzehnte, freute sich Herbig. Das Netzwerk unter den Modellbauern hingegen ist ebenfalls ein wichtiger Punkt, so freute man sich in der Johannes Gemeinde über insgesamt 20 Aussteller. Eine Filmvorführung am Sonntag war ein weiteres Highlight. Mit dem „Kongo Express“, einem UFA-Spielfilm aus dem Jahr 1939, geht nicht nur das Eisenbahn-Herz auf, denn der Film wurde in dieser Region gedreht. Regisseur Eduard von Borsody fand die Region um Offensen und die Allerbrücke bei Flettmar wohl besonders geeignet, um diesen Abenteuerfilm zu drehen.

Geschichtlich ging es überall bei den Ausstellern zu, bis hin zu Albert Többen aus Moers. Többen hatte ein wunderbares Modell geschaffen, die den Betrachter in das Jahr 1835 führt. Hier wird die erste Fahrt der Lokomotive „Adler“ von Nürnberg und Fürth symbolisiert. Der Dampfwagen war der erste in Deutschland, der kommerziell im Personenverkehr in Deutschland eingesetzt wurde. Többen, vom Christlichen Modellbauteam e.V., hatte in seinem Modell nicht nur auf die alten Trix Express Schienen gesetzt, er hat dort auch eine damalige Bahnhofshalle mit Vorplatz nachgebaut.

Überall auf dem Gelände präsentierten die Aussteller ihre Modelle und gaben den Besuchern einen tiefen Einblick in die filigrane Arbeit der Modellbauer. Organisator Mathias Herbig nutze die Möglichkeit, die Veranstaltung am Samstagnachmittag offiziell zu eröffnen, während im Anschluss Albert Többen, vom Christlichen Modellbauteam, das Wort ergriff. Die Veranstaltung fand schließlich in der Johannes Gemeinde statt, und ein christliches Wort war an dieser Stelle angebracht. Többen schlug bei den vielen anwesenden Eisenbahn-Fans gleich eine Brücke und fragte nach der Bedeutung der roten Lichter, bzw. der Schlusstafel, am letzten Wagen. Da der Verkehr auf der Schiene straff gesteuert wird, wird eine Kennung am letzten Wagen doch gar nicht benötigt? Die Auflösung war schlüssig; denn in der geschichtlichen Entwicklung lief nicht immer alles nach Plan und so wurde schon mal ein Wagen auf der Strecke verloren. Am Bahnhof angekommen, wurde sofort am fehlenden roten Licht, bzw. der Schlusstafel erkannt, dass etwas passiert ist.

Die christlichen Worte Többens wechselten dann in das wahre Leben des hier und jetzt, was auch viele Modellbauer bei ihren Arbeiten berücksichtigen müssen. Neben den kleinen Maßstäben und der dafür kreierten Technik, setzen einige Modellbauer auf die Originale, so auch die Interessengemeinschaft der Modelleisenbahn in Hillerse. Sie hatten am Wochenende ein größeres Modul mitgebracht, während in Hillerse eine der größten Anlagen ihrer Art in Niedersachsen steht. Um diesen Betrieb am Laufen zu halten, ist ein Original-Stellwerktechnik von Siemens im Einsatz. Die ausgemusterten Teile sollten eigentlich entsorgt werden, wurden aber von den Modellbauern aufgekauft und es entstand eine riesige Anlage, die sich seit 1980 in Hillerse befindet.

Es geht bei den Modellbauern aber auch noch echter, denn je größer die Regelspurmodellbahn, kommen echte Dampfbetriebe zum Einsatz. Die Dampflokomotiven wachsen mit den Schienen und dennoch gestalten die Modellbauer mit Akribie die Gleisverläufe und Landschaften. Platzprobleme sind hier wohl an der Tagesordnung, doch mit einer Echtdampflokomotive als Gartenbahn muss man nicht nur ein besonders großer Fan sein, sondern vielleicht auch andere mal mitnehmen. Beide Punkte treffen auf Maik, Uwe und Gerold aus Bremen zu, die mit ihrer Gartenbahn und der Dampflok „Rhein“ gern zu solchen Festen fahren. Während ihr angelehntes Original zwischen Germersheim und Lingenfeld in einem Flussbett liegen soll, konnten sich die Besucher auf eine Fahrt mit der Lok freuen. Es ist schon ein besonderes Erlebnis und zeigt die Vielfältigkeit dieses „Hobbies“, dieser Leidenschaft.

Die Besucher freuten sich in Müden/Aller über das vielseitige Programm und die Aussteller, auch über die Region hinaus. Vielleicht können wir uns ja bald wieder auf eine Neuauflage „Frischer Dampf auf allen Gleisen 3.0“ dieser Veranstaltung freuen, hoffentlich nicht erst in sieben Jahren.

Redaktion
Celler Presse

 

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