Organspende: Jeder sollte selbst entscheiden

CELLE. Unter dem Titel „Organspende – Was ist das? Wie funktioniert das? Was bedeutet „Hirntod“? Hilft die Widerspruchslösung?“ fand kürzlich im Allgemeinen Krankenhaus Celle eine Diskussionsrunde vor Zuhörern statt, dem drei einführende Impulsreferate vorangingen. Die Referenten: Prof. Dr. Eckhard Rickels, Prof. Dr. Wolfgang Heide und Dr. Ralph Sander.

vlnr: Prof. Dr. Ulf Culemann, Dr. Ralph Sander, Prof. Dr. Eckhard Rickels, Prof. Dr. Wolfgang Heide

Eingeladen hatte der Celler Ärzteverein, dessen Fortbildungsbeauftragter Prof. Dr. Culemann, der die Veranstaltung moderierte, und das AKH Celle. Ziel der Veranstaltung war es, die Diskussion in der Region Celle zum Thema Organspende anzuregen. Nach der Begrüßung der Besucher des gut gefüllten Fortbildungsraumes im Allgemeinen Krankenhaus Celle eröffnete er die Veranstaltung: „Der Ärzteverein Celle hat diesmal seine Türen geöffnet, da das Thema des heutigen Abends nicht nur medizinisch-wissenschaftlich zu betrachten ist, sondern gleichzeitig auch eine gesellschaftliche Aufgabe ist, die jeden Menschen betrifft.“

Zum Auftakt der Veranstaltung referierte Prof. Dr. Rickels, Chefarzt der Neurotraumatologie am AKH Celle über die Geschichte und Definition des Hirntodkonzeptes, dessen Diagnostik, seinen Ersatz durch den Begriff „irreversibler Hirnfunktionsausfall“ und dessen Bedeutung im Kontext des Transplantationsgesetzes. Prof. Dr. Rickels, meint: „Deutschland ist eines der Schlusslichter im europäischen Vergleich was die realisierten Organspenden angeht und das, obwohl 84 % der Deutschen sich für eine Organspende aussprechen. Es gab im letzten Jahr 955 Organspender, die im Durchschnitt 3,3 Organe spendeten, aber 9.500 Personen die auf ein Spenderorgan warten. Dies kommt durch eine Vielzahl von Faktoren, zum Beispiel von großen rechtlichen Unterschieden im europäischen Vergleich, aufgrund von religiösen Vorstellungen aber auch durch Angehörige, die die organprotektiven Maßnahmen als Leben fehlinterpretieren. Die Menschen sind noch warm und sehen lebendig aus und nicht so, wie die Angehörigen dies erwarten. Doch die Angst ist irrational, es gibt heute kein Land auf der Welt, in dem der irreversible Hirnfunktionsausfall nicht als eindeutiges Zeichen des Todes angesehen wird.“

„Ist das Hirn unwiederbringlich ausgefallen, ist das dem Tod gleichzusetzen“, erklärte auch Prof. Dr. Wolfgang Heide, Chefarzt der Neurologie am AKH Celle in seinem Vortrag über die Methodik der Hirntodfeststellung. „Es gibt strenge Richtlinien nach neuesten wissenschaftlichen Kriterien, die festlegen, wie und durch wen ein Irreversibler Hirnfunktionsausfall diagnostiziert werden kann. Ausschließlich ausgewiesene Spezialisten sind befugt, diese gesetzlich in Deutschland sehr streng geregelten, äußerst umfangreichen Untersuchungen für die folgenschwere Diagnose zu erbringen. Dieses komplexe Prozedere schließt weitgehend aus, dass heute noch Fehldiagnosen bei der Feststellung des irreversiblen Hirnfunktionsausfalles gestellt werden können.“

Dr. Ralph Sander, Leitender Oberarzt der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin und Transplantationsbeauftragter am AKH Celle veranschaulichte in seinem Referat die strikte organisatorische und räumliche Trennung von Organspende und Organtransplantation, die einen Missbrauch ausschließen soll. Zudem stellte er die besondere Funktion des Transplantationsbeauftragten vor, der unter anderem auch stetig den Ablauf der Organspenden analysiert und optimiert. “Die Anzahl der möglichen Organspender und der realisierten Organspenden wird durch eine große Zahl an Ausschlusskriterien stark minimiert. Von 2016 – 2018 kam es im AKH Celle bei 449 Todesfällen, die die Kriterien primäre oder sekundäre Hirnschädigung erfüllt hatten, zu 5 realisierten Organexplantationen. Die Ausschlusskriterien sind hierbei sehr vielseitig, von medizinischen Kontraindikationen über Therapielimitierungen durch Patientenverfügungen, bis hin zur Ablehnung der Organspende.“ In etwa zwei Dritteln der Fälle müssen die Angehörigen gemäß dem vermuteten Willen des Verstorbenen entscheiden, da aktuell nur 36% der Deutschen einen Organspendeausweis besitzen. Angehörige tun sich in dieser besonderen Situation verständlicherweise dann häufig schwer mit einer Zustimmung zur Organspende, wenn keine klare vorherige Äußerung des Patienten diesbezüglich vorliegt. Im Anschluss an die Referate wurde eine, teils sehr emotionale Debatte über das Pro und Contra von Organspende geführt. Von einer einheitlichen Meinung zum Thema Widerspruchslösung – ja oder nein – waren alle Beteiligten weit entfernt.

In der Diskussion wurden viele Problematiken dieses Themas angerissen. Es sind nicht nur ethische Grundsatzfragen, sondern auch irrationale und rationale Ängste, die dieses Thema für alle Beteiligten äußerst kompliziert macht. Nach angeregtem Diskurs beendete Prof. Dr. Ulf Culemann den offiziellen Teil der zweistündigen Veranstaltungen. Erkenntnis der Veranstaltung sei, dass sich jeder, vielleicht auch im Rahmen der Familie, Gedanken machen muss, wie er persönlich mit dem Thema Organspende umgehen möchte. „Durch diesen Abend haben wir sicherlich vielen Leuten Denkanstöße gegeben, sich auch im Nachgang mit der Thematik an sich zu beschäftigen“, so Prof. Dr. Culemann. Im Anschluss standen die Referenten noch Rede und Antwort und einige Fragestellungen aus der Diskussionsrunde wurden noch einmal aufgegriffen und ausgiebig besprochen.

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Foto: Christian Steins

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