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Zum Tag der Befreiung erklingt das Deutschlandlied

ESCHEDE. Es war am Samstag ein sonniger und schöner Tag; unter anderem das Netzwerk Südheide hatte zum Gedenken an den Tag der Befreiung aufgerufen. Am Ortsrand der Gemeinde Eschede versammelten sich am Nachmittag mehrere hundert Menschen, um im Anschluss zum NPD-Zentrum zu gehen. In Sichtweite des Hofes erinnerten sie in Reden an den geschichtsträchtigen Tag.

Um 14.00 Uhr war es soweit. Aus Eschede strömten die Menschen zu dem Versammlungsort am „Schweinestall“. Schon die Nebenstraße Am Dornbusch signalisierte den Ankommenden, dass hier viel los sein wird, denn zahlreiche Pkw säumten die Straße. An dem Kreuzungsbereich sammelten sich die vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmer. In den ersten Ansprachen an dem Startpunkt wurde deutlich, dass dieser Tag die Menschen bewegte.

Hier kam es jedoch schon durch einen ausgefallenen Zug zu der ersten Verzögerung, denn man wollte noch auf die weiteren anreisenden Teilnehmerinnen und Teilnehmer warten.

Als die Kundgebungsgruppe nach einer über 30-minütigen Verzögerung nun komplett war, ging es auf den langen Weg zum NPD-Zentrum. Im hinteren Bereich siedelten sich indes die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der angereisten Antifa an. In einem recht ruhigen und friedlichen Spaziergang passierte der lange Kundgebungszug das Zentrum. Während der Großteil der Kundgebung des Wegs weiterschritt und sich auf dem Feld in 150 Metern sich aufstellte, kündigte die Antifa ihr Kommen optisch mit Rauchtöpfen an. Diese Rauchtöpfe führten für wenige Sekunden dazu, dass noch vor dem Zentrum eine kleine rote Rauchwolke entstand, die jedoch sehr schnell verflogen war. Auf direkter Höhe blieb die Gruppe dann hängen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer fühlten sich von JN-Mitglied Michael Müller provoziert, der auf einer Leiter stehend über den Zaun die Personen fotografierte. Es folgten Sprechchöre und wechselseitige Wortwechsel niedrigschwelliger Natur. Die anwesenden Polizisten zeigten daraufhin verstärkte Präsenz und sicherte zudem den Zaun des Zentrums ab. Eine weitere Polizeikette versuchte von hinten die Gruppe dazu zu bewegen, den Weg zum Veranstaltungspunkt fortzusetzen.

Nachdem alle Seiten ihre Botschaften losgeworden waren, zog die Gruppe von sich aus weiter und wollte zur Kundgebungsgruppe wieder aufschließen. Kaum das Zentrum passiert, erfolgte für alle der gesamten Kundgebung eine ungeheuerliche Provokation. Die Anwesenden auf dem Hof des NPD Zentrum spielten nunmehr in ohrenbetäubender Lautstärke das Deutschlandlied in alles Strophen in einer Endlosschleife. Augenscheinlich war das Ehepaar Nahtz, der Bauunternehmer Manfred Börm und das JN-Mitglied Michael Müller zugegen. Während man sich auf Seiten der NPD über die angespielte Musik freute, führte es auf der Gegenseite zu einem erheblichen Protest.

Die Antifa-Gruppe blieb somit wieder stehen, und es erfolgte vom Veranstaltungsort des Feldes und der Antifa verbal aufklingender Protest. Die Polizei versuchte zu schlichten, denn das reine Abspielen aller Strophen sei nicht verboten. Zugleich wollten die Einsatzkräfte die Lage beruhigen und die Gruppe weiter dazu zu bewegen, zu der Kundgebung aufzuschließen. Nach wenigen Minuten waren auch die meisten Anwesenden bereit weiterzugehen, doch nur eine Handvoll Personen stellte sich stur. Nicht provokant und auch nicht gewaltvoll, dennoch wollten sie ihren Unmut über die jüngste Provokation zum Ausdruck bringen und einfach nicht weitergehen. Nach vielen Bitten der Polizisten versuchten diese ein wenig zu drängeln und die einzelnen Teilnehmer voranzudrücken. In einer wenig dramatischen Aktion kam es im augenscheinlichen „Pulk“ zu einer Rangelei und ein Teilnehmer fiel zu Boden. Diese hektisch wirkende Situation dauerte jedoch nur wenige Sekunden und nachdem die Anmelderin und die Bundestagsabgeordnete Kirsten Lühmann zu dem „Knotenpunkt“ vordringen konnten, schlichtete sich alles schnell. Es ging somit wieder etwas beruhigt zur restlichen Kundgebung. Erleichternd für alle Seiten war, dass sich offiziell über die Lautstärke der abgespielten Hymne beschwert wurde und diese heruntergeregelt wurde.

Nun konnte der offizielle Teil der Kundgebung beginnen, denn schließlich wollten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den Tag der Befreiung erinnern. Es fiel ihnen aber sichtlich schwer, denn die Hymne wurde nun wieder in voller Lautstärke aufgedreht und beschallte die Kundgebung.

Auszug aus der Rede
Wilfried Manneke (Netzwerk Südeheide gegen Rechtsextremismus:

„08. Mai 1945 feiert Deutschland als Tag der Befreiung. Für die Nazis sei es ein Tag der Niederlage. In der Stadt Demmin brachten sich Anfang Mai 1945 zwischen 500-1000 Menschen um aus Angst der roten Armee in die Hände zu fallen. (Ergänzung: Verzweiflung und Scham, aber auch ideologische Schuld, Patriotismus und durch die NS-Propaganda geschürte Panik trieben die Menschen massenhaft in den Tod.) Rechte versuchen Geschehnisse in Demmin für ihre Zwecke zu missbrauchen. Daher marschieren Nazis dort, um über die Selbstmörder zu trauern. Nazis würden sich an die gefallenen Helden erinnern und die Geschichte als eine Verlust- und Leidensgeschichte umdeuten. Mit einer deutschen Opfer-Tradition würden sie die eigentlichen Geschehnisse relativeren. Die Erinnerungskultur der Bundesrepublik sei den Deutschen von den Siegermächten aufgezwungen worden. Dies diene der Legitimierung der eigenen rassistischen und nationalistischen Politikvorstellungen“.
Begegnung mit Nazi Michael Müller
Im roten Rauch eingehüllt erscheint der schwarze Tross umrahmt von Banner und mit schwarzen Regenschirmen verdeckt am Hof Nahtz. Mit skandierten Sprüchen begegnen sie dem einzigen Nazi – Michael Müller – am Zaun, welcher wiederum die Demonstranten versucht zu fotografieren. Es folgen einige Rangeleien zwischen Polizei und der schwarz gekleideten Antifa. Als letztes Bollwerk gegen die Rufe der Antifa reißt Michael Müller die Anlage auf und lässt das komplette Deutschlandlied lautstark erklingen. Entgegen den Vermutungen einiger Demonstranten, ist das Abspielen aller Strophen nicht verboten sondern nur geächtet. Hier zeigt sich die von Pastor Manneke beschriebene Umdeutung. Einst war die Hymne zur Einigung Deutschlands geschrieben worden, denn damals war Deutschland eine Splitterlandschaft. Heute wird die Hymne von Nazis gespielt, um die Nazizeit zu glorifizieren. Der Versuch, den Gegner mundtot zu machen, gelang der Polizei nciht, sie  ermahnte lediglich, sie leiser zu spielen.

Auszug der Rede
Diana Gring (Gedenkstätte Bergen-Belsen):

08. Mai sei eine befreiende Niederlage und ein rettender Zusammenbruch für die Befreiten. In einer Bundestagsrede nannte Bundespräsident Richard von Weizsäcker 08. Mai 1985 jenen Tag als Tag der Befreiung: „Wir dürfen den 08. Mai nicht vom 30. Januar 1933 trennen.“ Hitler und die NSDAP hätten nicht die Macht ergriffen. Diana Gring sagt weiters: „November 1932 fanden die letzten freien Reichstagswahlen statt. Die NSDAP erhielt 33% der Wählerstimmen. Im Januar 33 wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt. Die nächste Reichstagswahl im März 33 stand schon unter dem Vorzeichen des politischen Terrors. Die NSDAP wurde die stärkste Partei mit 44%. Die Wahlbeteiligung lag bei über 85%. Für das Ermächtigungsgesetz benötigt die NSDAP im Reichstag eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Diese bekamen sich durch die Zustimmung der Parteien der Mitte. Die nächsten Schritte waren die Auflösung des Reichstags und das Verbot aller Parteien. Dies macht deutlich, die NSDAP verschaffte sich mit demokratischen Mitteln plus Terror auf den Straßen eine Machtposition. Sie bekam ein politisches Mandat von der Mehrheit der Bürger*innen. Hitler sicherte sich die alleinige Macht, den direkten Weg zur Diktatur mit parlamentarischen Mitteln. Demokratiefeinde hatten die Mittel der Demokratie genutzt, um dann die Demokratie zu beseitigen. […] Ich möchte vor den aktuellen Demokratiefeinden warnen. […] Wir müssen die Feinde der freiheitlich demokratischen Grundordnung erkennen, klar benennen und Nein sagen.“

Auszug der Rede
Enno Stünkel (Netzwerk gegen Antisemitismus):

„Der verschwörungsideologische Antisemitismus ist eine Welterklärung, ein Modell, das die negativen Seiten der modernen Welt scheinbar erklärt.“ In ihrer Arbeit zeige sich immer wieder, dass die Wahrnehmungsfähigkeit unserer Gesellschaft gegenüber Antisemitismus beschädigt sei und die Thematisierung des Antisemitismus wecke immer auch Widerstand und Abwehr. „Von Anfang an stellte die Bewegung der Querdenker falsche Bezüge zum Nationalsozialismus her, setzte sich mit den Verfolgten des NS-Terrors gleich und fantasierte sich in die Rolle der Widerstandskämpfer hinein gegen die neue, faschistische Corona-Diktatur. Am ersten Mai legten auch in Celle Angehörige dieser Szene weiße Rosen vor den Gerichten nieder. Die Bezugnahme auf „Die weiße Rose“ war gewollt und alles andere als zufällig. […] Gefährlich wird der Mythos der Rothschild-Verschwörung in der Verbindung zu aktuellen Verschwörungserzählungen vom großen Austausch, dem „Great Reset“, und dem antisemitischen Kult von QAnon.  All das findet sich auch immer noch und immer wieder auf dem Kanal von Celle steht auf und damit sind sie ein getreues Abbild des Querdenker-Milieus. Deswegen ist der Ort, von dem aus der Antisemitismus wirkt, […] seit Februar der Große Plan in Celle, wo sich Sonnabend für Sonnabend „Celle steht auf“ versammelt.“ Bürger*innen aus der Mitte der Gesellschaft würden im Schulterschluss mit der AFD auf die Straße gehen. Was sie zusammenbringe sei eine Verschwörungsmentalität, der Glaube an eine geheime, satanische Macht, die zwar nahezu allmächtig sei. Aber von denen, die aufgewacht wären und die zur Wahrheitsbewegung gehörten, durchschaut werden könne. An dem Wahn wäre die Wiederholung des immer Gleichen so verführerisch. Verschwörungsideologen nähmen alte Stereotype, in die sie ihre Fantasien packen würden. Fantasien und Wahn wären zeitlos. Verschwörungsideologien wären Container für Aggressionen. Man müsse diesen Wahn durchbrechen. Gegen diese Spaziergänge der Gruppe „Celle steht auf“ wäre Protest nötig. Die Öffentlichkeit würde weitgehend schweigen. Es könne der Eindruck entstehen, dass die Querdenker als einzige den Unmut über die Maßnahmen aufnehmen. Das sei fahrlässig. Antisemitismus verbinde Demokratiefeinde, egal ob sie islamistisch, rechtsextrem, völkisch, antiimperialistisch oder bürgerlich kultiviert wären. Es sei schwer einzugestehen, dass die Mythen und Bilder nicht nur in Köpfen von Neonazis wirken würden. 

Auszüge der Rede
Kirsten Lühmann (SPD)

Krieg schaffe nur Verlierer. Der erste Verlierer wäre die Wahrheit, der zweite sei die Menschlichkeit. Nazis würden den Boden bereiten für ein Misstrauen gegenüber der Demokratie und für Angriffe auf die Presse. 252 Angriffe gäbe es im letzten Jahr auf die freie Presse. Davon 71% bei Corona-Demos, davon wiederum 31% wären tätliche Angriffe von Rechten gegenüber den Journalist*innen. Reporter ohne Grenzen habe die deutsche Presselandschaft von Platz 11 auf Platz 13 heruntergesetzt. Angriffe auf die freie Presse, auf die Demokratie und auf unsere Gesellschaft betreffe uns alle. Es bräuchte mehr politische Bildung. Mehr als 50% der 15-jährigen Schüler in Deutschland könnten nicht Tatsachenberichte von Kommentaren in Zeitung und im Internet unterscheiden. Politik sei aber nicht nur Parteiensache, sondern sei in erste Linie das Wissen und das Engagement für das Gemeinwohl. 

Während der Kundgebung hatten zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich im Nahbereich des Sprechers/Sprecherin versammelt. Andere nutzten die Gelegenheit für ein Picknick auf dem Felde und andere verteilten sich auf dem gesamten Felde. Teilnehmer drangen wenige Meter in den angrenzenden Wald ein, entspannten und schlossen sich dann wieder der Kundgebungsgruppe an.

Die Polizeikräfte hatten wahrscheinlich diese Szenen gesehen und anders bewertet. Im Kreise der Sicherheitskräfte kam Sorge auf, dass wohlmöglich Teilnehmer auf dem Rückweg „verschwinden“ könnten, um gar nach Abzug der Polizei noch für Unruhe zu sorgen.     

Bevor sich die Kundgebungsgruppe zum gemeinsamen Rückweg versammelte, liefen bei der Polizei schon die Vorbereitungen auf Hochtouren. Als sich letztendlich der Kundgebungszug aufmachte, verlief alles friedlich und ruhig. Alle zogen zügig und ohne eine Verzögerung an dem Zentrum vorbei. Danach griff aber der Plan der Polizei, keinen aus der Gruppe der Antifa „zu verlieren“. Schnell wurden Einsatzkräfte zusammengezogen und diese begleiteten die Gruppe in einer geschlossenen Formation.

Die Kundgebungsgruppe war kurz vor dem „Schweinestall“ angekommen und registrierten verwundert, dass dutzende Einsatzfahrzeuge, teils mit Blaulicht und Martinshorn anfuhren, um die Kreuzung sicherten. Etliche Bundespolizisten zogen auf, in schwerer Einsatzmontur und Helmen, um auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu warten. An der Kreuzung wartete schon die Anmelderin und wollte sichergehen, dass auch wirklich alle wieder zurückgekommen waren. Erst im Anschluss beendete sie offiziell die Veranstaltung. Auch die Polizei entließ die Antifa Gruppe aus der „sicheren Begleitung“.

Während nunmehr sich die Menschen auf den Weg zu ihren Fahrzeugen oder sich zu Fuß in den Ort machten, wollten die schnell angereisten Bundespolizisten in die Kerbe der Polizeikräfte schlagen und nahm die Antifa Gruppe wieder in „ihre Mitte“. Der „Schwarze Block“ wurde mit den schwarzen Uniformen der Beamten noch zahlenmäßig massiv vergrößert und so zog ein schwarzgekleideter Menschenpulk in Richtung Bahnhof. Ein skurriles Bild, denn der Polizei- und Antifa-Block zog recht geschlossen und in Polizeiformation durch fast leeren Straßen. Die Beamten wollten jedenfalls sicherstellen, dass die angereisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch alle zu ihrem Zug kommen, was ihnen bei diesem Aufgebot auch gelungen ist.

Das Gedenken an diesen besonderen Tag war jedoch nicht bedingt durch die Verzögerungen und Konflikte getrübt, vielmehr hatte das Netzwerk Südheide einen erhöhten Kraftaufwand, die teils sehr umfangreichen Reden über das Megafon an alle Teilnehmer zu übermitteln. Es weiterer Wermutstropfen war die Dauerbeschallung vom NPD Zentrum. Generell hatte sich das Netzwerk über die vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmer gefreut. Unter den vielen Gesichtern aus dem Ort und der Region, waren auch zahlreiche lokale Politikerinnen und Politiker zugegen.

Das Thema polarisiert und bewegt die Menschen. Immer wieder werden Veranstaltungen der NPD im Ort durchgeführt, und es findet ein Gegenprotest statt. Die Politik und die Verwaltung versuchen eine Lösung zu finden. Bereits in den vergangenen Wochen wurde eine eigene Stelle der Mobilen Beratung angestrebt, die wohl in Eschede angesiedelt werden wird.

Redaktion
Celler Presse





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