Zukunft des Karstadt-Areals – „Wo ist das Gesamtkonzept?“
Ein Blick von außen wirkte wie ein frischer Wind, der durch die Celler City wehte, als sich vor etwas mehr als einem Jahr viele interessierte Menschen im Stadtpalais trafen, um sich informieren zu lassen über die Chancen der Nachverwertung, die alte, aus der Mode gekommene und nun vor sich hin dämmernde Kaufhausimmobilien in sich bergen.


Die Initiative „Altstadt Celle Neu Denken“ hatte vor dem Hintergrund des Karstadt-Leerstands Experten eingeladen, die referierten und anschließend mit dem Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge sowie den Cellern diskutierten. Das Interesse war groß. Fast wie eine Mahnung aus berufenem Munde zogen sich zwei Kernaussagen wie ein roter Faden durch die Podiumsdiskussion und die Impulsvorträge: 1. Die Nachnutzung einer Kaufhaus-Immobilie dürfe nicht isoliert betrachtet werden, sondern muss sich einbetten in ein Gesamtkonzept für die Innenstadt. 2. Abriss sei nicht mehr das Gebot der Stunde, Architekten favorisieren die Sanierung im Bestand.
Nicht allein, aber auch auf diese beiden Leitsätze fokussieren sich Georgia Langhans und Meggie Hönig als Sprecherinnen der unpolitischen Initiative „Altstadt Celle Neu Denken“ bei der Beurteilung der Karstadt-Pläne des Verwaltungschefs, die er kurz vor Pfingsten in einer ratsinternen Sitzung der Celler Kommunalpolitik unterbreitet hat.
AKTUELLER STAND
Seit drei Jahren steht der graue, 1760 Quadratmeter umfassende Riese, der sich im Eigentum der Demire AG befindet, nun bereits leer – eine Ödnis im Herzen der Stadt. Das Thema ist von entscheidender Bedeutung, dennoch informierte die Fachverwaltung in den öffentlichen Ausschüssen nicht über den Stand der Dinge. Die Informationshoheit liegt allein beim Oberbürgermeister. Dieser war aktiv, suchte gemeinsam mit der Demire AG, die die laufenden Kosten für den Unterhalt des Gesamtareals mit Lagerhaus in der Bergstraße und Neuem Posthof zu tragen hat, nach Investoren. Einige Interessenten schauten sich das Mitte der 60er Jahre vom renommierten Kaufhausarchitekten Walter Brune errichtete Haus an und winkten laut OB ab, der Letzte kürzlich – zu hoch die finanziellen Risiken, zu belastet der bauliche Zustand. Wo es an Transparenz mangelt, ist Widersprüchen Tür und Tor geöffnet. „Wir wissen, dass es durchaus Investoren gegeben hat, die im Bestand sanieren wollten und ein Nutzungskonzept im Portfolio hatten“, sagt Georgia Langhans.
Auch eine Celler Besonderheit erwies sich laut OB als wenig einladend für Investoren: 481 Quadratmeter der Gesamtfläche des Haupthauses gehören zwei Erbpachtgebern, darunter die Celler Bürgerstiftung. Verhandelt werden muss also bei Kaufwunsch mit drei Parteien. Dieser Situation sieht sich Dr. Jörg Nigge aktuell gegenüber: Nachdem kein Investor gefunden wurde, strebt er an, als städtischer Akteur einzusteigen und hat hierfür bereits Vorarbeit geleistet. Die Demire AG sei laut OB bereit, das Lagergebäude in der Bergstraße und das Haupthaus für einen Euro zu überlassen. Den Alten Posthof (s. Foto) brauche man nicht, er bleibt außen vor. Es mag hier eine Rolle spielen, dass der Posthof anders als das Haupthaus denkmalgeschützt ist. Das Lager in der Bergstraße müsse ohnehin zurückgebaut werden, ein Investor hierfür finde sich schnell. Als Nachnutzung favorisiert Nigge persönlich den Abriss des Haupthauses zugunsten eines großen grünen Platzes mit Randbebauung für Gewerbe, Wohnen und Gastronomie. Vorgeschaltet werde in jedem Fall ein international ausgerichteter Architektenwettbewerb, der sich wiederum anschließt an eine Aktion zur Bürgerbeteiligung. Die Celler sollen die Rahmenbedingungen setzen, wie das Karstadt-Areal ohne Karstadt einmal aussehen soll. Nigge hofft, dass sich das Problem der Erbbaurechte bis zum Herbst geklärt habe. Würde man das Gebäude sanieren, bliebe nicht mehr als die Grundmauern stehen, finanziell ergebe sich kein Unterschied zum kompletten Rückbau.
Entscheiden wird letztendlich der neu gewählte Rat in seiner ersten Sitzung im Oktober.
KOMMENTIERUNG UND KRITIK
Erfahrungsgemäß versammelt der Verwaltungschef für seine Ideen und Pläne stabile Mehrheiten der Parteien CDU, FDP, Unabhängige und AfD hinter sich. Kritisch äußern sich indes zu den aktuellen Karstadt-Verlautbarungen Die Grünen, Die Linke und Zukunft Celle. Dessen Vorsitzender Dr. Jörg Rodenwaldt kommentiert: „Ein Kaufpreis von einem Euro klingt zunächst verlockend, ist aber keineswegs automatisch ein gutes Geschäft. Die erheblichen laufenden Kosten und die Risiken können schnell ein Vielfaches dessen erreichen, was die Stadt derzeit leisten kann. Ein symbolischer Kaufpreis ersetzt keine solide Wirtschaftlichkeitsprüfung.“ Dennoch zeigt sich „Zukunft Celle“ keineswegs ablehnend, man nehme die Vorschläge der Verwaltung zur Nachnutzung der Karstadt-Immobilien genauso ernst wie fachlich begleitete, initiierte Ideenwettbewerbe, solle aber realistisch bleiben: „Die Stadt steuert auf einen historischen Schuldenstand zu. Das selbst gemanagte Bauhof-Projekt zieht sich seit über einem Jahrzehnt mit erheblichen siebenstelligen Zusatzkosten hin. Viele Vorhaben wie die Sanierung Neuenhäusens, das Alte Rathaus mit dem Ratskeller und die Congress Union sind angeschoben, erzeugen Kosten in Millionenhöhe, kommen aber nicht richtig voran. Vor diesem Hintergrund wirkt es zumindest ambitioniert, wenn die Verwaltung nun ein weiteres Projekt mit hohen Risiken in Millionenhöhe schultern möchte. Häufig ist es besser, wenn eine Kommune nicht als Käuferin oder wirtschaftliche Akteurin agiert, sondern als regulierende und steuernde Kraft.“
Stephan Ohl (Die Linke) fordert die Einbindung von Karstadt in ein klares Gesamtkonzept für die Innenstadt, das er bereits seit zwei Jahren anmahne. Auch „Altstadt Celle Neu Denken“ vermisst ein „notwendiges städtebauliches Gesamtkonzept“ und „bedauert die geringe Bereitschaft, das Haus zu erhalten“. Dass es sich um eine „Schrottimmobilie“ handele, sei gutachterlich nicht wirklich belegt. Insgesamt fehle es an belastbaren Zahlen. „Abriss passt nicht mehr in die Zeit, Nachhaltigkeit, Sanieren im Bestand ist heute gefragt“, betont Meggie Hönig. Rückbau würde eine Großbaustelle bedeuten, „eine riesige Belastung für die Innenstadt. Unzumutbar für den Einzelhandel und die Gastronomie“, so Langhans und Hönig. Die Kritikpunkte decken sich mit denen der Grünen.
Eine lebendige Innenstadt ist ein wichtiges Ziel, und jede ernsthafte Idee verdient eine faire Prüfung. Diese Aussage stellt Jörg Rodenwaldt seinen Ausführungen zu den Karstadt-Plänen des Oberbürgermeisters Jörg Nigge voran und resümiert abschließend: „Wir sind bereit, konstruktiv mitzuwirken, aber nur auf Grundlage belastbarer Zahlen, einer soliden Planung, eines tragfähigen Finanzierungskonzeptes und einer ehrlichen Einschätzung der eigenen Leistungsfähigkeit. Die Innenstadt braucht Lösungen, keine neuen Projekte, die am Ende die gleichen strukturellen Probleme aufweisen wie so viele zuvor.“
Anke Schlicht
Redaktion Celler Presse
Fotos: Anke Schlicht
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