„Durch Vielfalt lernen“ – Rechtsanspruch und Praxis sind zweierlei

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CELLE. Recht hoch ging es her, als die Voraussetzungen für die Inklusive Schule diskutiert wurden. Ca. 350 Interessenten aus ganz Niedersachen hatten sich in der Celler Alten Exerzierhalle eingefunden, teils um sich zu informieren, teils um Frust abzuladen. Zu viele Details sind ungeklärt, wenn auch die Politik den Ball flach halten wollte. Schließlich soll es erst zu Beginn des Schuljahres 2012/2013 mit der gemeinsamen Unterrichtung behinderter und nicht behinderter Kinder an den Regelschulen losgehen. 

Die gemeinsame Veranstaltung der SoVD Niedersachsen e.V. und der Stadt Celle richtete sich an Betroffenen bzw. deren Angehörige, sowie auch Berufstätige auf diesem Themengebiet. Bei der Begrüßung räumte Stadtrat Stephan Kassel ein, dass zwar der Anspruch ab 1. August bestehe und das Kultusministerium daran arbeite, es sei jedoch noch zu klären, welche Stolpersteine es gebe. Dabei müssten Ängste und Sorgen überwunden werden. Derzeit sei „das Problem nicht Bildung sondern die Sortierung“. Kinder dürften nicht ohne Qualifikation in das Berufsleben verabschiedet werden. Inklusives Lernen biete die Möglichkeit der gleichen Bildung, und das sei eine große gesellschaftliche Aufgabe. 

Professor Dr. Hans Wocken von der Universität Hamburg machte die Notwendigkeit der inklusiven Schule an der UNO-Behindertenrechtskonvention, Artikel 24, fest: „Inklusion ist eine völkerrechtlich verbindliche Aufgabe. Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen. Bei der Verwirklichung dieses Rechts stellen die Vertragsstaaten sicher, dass Menschen mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden und dass Kinder mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden.“ Diese Vorgaben münden in einem Verbot der Sonderschulpflicht. Inklusion sei ein förderliches Entwicklungsmilieu. Kinder und Jugendliche mit und ohne Förderbedarf lernen im Bereich des sozialen Lernens mehr als in allgemeinen Schulen und Förderschulen. 

Das Dialoggespräch „Stolpersteine durch ein inklusives Bildungssystem“ wurde von Ute Wrede, Förderverein „Eine Schule für alle! in Hannover e.V.“ und Jörg Zuromski, Schulleitung GHS Wietzenbruch gehalten. Gefolgt von dem Thema „Was müssen Eltern beachten?“ von Elke Lengert, Mittendrin Hannover e.V.. Diese Themen sollten den interessierten Besuchern einen Einblick in dieses stiefmütterlich behandelte Themengebiet gehen. Ziel war es, bewährte Systeme und die Einführung der neuen inklusiven Form hervor zu heben. 

Bei einigen Besuchern machte sich anschießend jedoch leichte Skepsis breit. Christian Post von einer der Förderschule in Gifhorn fand die angesprochenen Themen zwar gut, viele Aspekte wurden aufgegriffen, die sonst nicht erwähnt werden. Dennoch könne er den Sachverhalt noch nicht genau beurteilen, inwieweit es jetzt seine Förderschule betrifft. Konkrete Beschlüsse fehlen und die Zukunftsaussichten für die Lehrkräfte seien ungewiss. Auch verunsichert äußerte Astrid Gäde. Sie arbeitet als Kinder- und Jugendärztin beim Gesundheitsamt in Wilhelmshaven. Gäde moniert die unsichere Zukunft und die unklare Sachlage. Die Gesundheitsämter seien da immer außen vor und sehen die neuen Beurteilungskriterien mit Skepsis. Sie habe sich im Allgemeinen mehr erhofft – gar erwartet. 

Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende und Landrat Klaus Wiswe stellten sich anschließend dem von Moderator Christian Hoffmann geführten Interview. Mende sah dem Interview angesichts vier laufender inklusiver Schulen im Celler Stadtgebiet gelassen entgegen. Die generelle Einführung der Schulform sei mit noch genaueren Prüfungen und auch mit Umbaumaßnahmen an den einzelnen Schulgebäuden verbunden. Wiswe findet die inklusive Form wichtig, doch hegt er noch einige Bedenken in der Umsetzung. Dieses Zögern und die Tatsache, dass der Landkreis nur eine Inklusive Schule in der Heese vorweisen kann, löste bei einigen Besuchern Empörung aus. Wiswe wurde durch zahlreiche Zwischenrufe und Gelächter unterbrochen, obwohl er sich nicht gegen diese Schulform ausgesprochen hatte. 

An der darauf folgenden Diskussionsrunde nahmen: Dr. Bernd Althusmann, Kultusminister des Landes Niedersachsen, Frauke Heiligenstadt, Schulpolitische Sprecherin der SPD in Niedersachsen, Ina Korter, Schulpolitische Sprecherin von Bündnis 90 / Die Grünen in Niedersachsen und Erst-Bernhard Jaensch, Schulpolitischer Sprecher des SoVd-Landesverbandes Niedersachsens e.V.. Moderiert wurde die Diskussionsrunde ebenfalls von Christian Hoffmann. 

Althusmann stellte sein Konzept für die Inklusive Schule vor. Demnach sollen im laufenden Jahr 2011 rund 2500 Lehrkräfte in diesem Fachbereich weitergebildet werden. Eine Million Euro sind dafür in diesem Jahr eingeplant worden. Erst im Jahre 2012 soll es dann landesweit so weit sein. Althusmann ging auch noch auf die voreilige Einführung in anderen Bundesländern ein. Bremen hätte diesen Schritt zu schnell gewagt und muss feststellen, dass zuwenig gut ausgebildetes Betreuungspersonal vorhanden ist. Althusmann setzt auf sein klares Konzept und die Meilensteine. Die Ausbildung der Lehrkräfte sein immens wichtig in dieser Planung, schon jetzt werden angehende Lehrkräfte in ihrem Studium auf gemischte Klassen vorbereitet. 

Jaensch vertrat eine gegenteilige Position. Man hätte schon viel früher mit der Zusammenlegung beginnen können. Durch ein einfacheres Begutachtungsverfahren könnten z.B. sprachbehinderte Kinder auch jetzt schon in normalen Schulklassen unterrichtet werden. Zulange habe die Politik diese Punkte missachtet. Endlich müsse man doch den ersten Schritt wagen. Zudem ging er auch auf die im Interview von Mende geäußerten baulichen Maßnahmen ein. Schon jetzt könne man durch flexiblere Unterrichtslegungen die Schüler in einem Klassenzimmer nur im Erdgeschoss unterrichten. Dazu müsse kein teurer Fahrstuhl gebaut werden. Durch die zurückgefahrenen Förderschulen würden doch auch noch Lehrkräfte und weitere Gelder frei, diese könne man dann auch noch zusätzlich in den inkludierten Schulen einsetzen, so Jaensch. 

Heiligenstadt ist die verstrichene Zeit ein Dorn im Auge. Viel früher hätte man reagieren müssen. Außerdem griff sie die von Althusmann erwähnten eine Million Euro auf. Sie stellte diesen Betrag den aufgewendeten 10 Millionen Euro für die neue Struktur der Oberschulen gegenüber. Dies zeige deutlich, wie wichtig der Landesregierung die inkludierten Schulen sind. Althusmann konterte jedoch, man könne diese unterschiedlichen Dinge nicht mit einander vergleichen und Heiligenstadt möge die Punkte nicht gegeneinander ausspielen. 

Auch Korter kann nur die verstrichene Zeit bemängeln. Es müssten einfach mehr Ressourcen für die Schulen bereit gestellt werden. „Wieso brauchen diese Schulen solange? und „Endlich anfangen“ richtete Korter an Althusmann. 

Althusmann hatte in dieser Diskussionsrunde keinen leichten Stand. Seine oppositionellen Gesprächspartner und den Sprecher des SoVD kritisierten den angestrebten Zeitplan der Einführung, die zum Teil unstrukturierte Herangehensweise und die schon verstrichene Zeit. Aus dem Publikum bekam Althusmann ebenfalls Gegenwind zu spüren. Wiederholte Zwischenrufe störten die Runde. Dies veranlasste den Moderator Hoffmann eine nicht geplante Fragerunde einzuschieben. Insgesamt fünf Besucherinnen schilderten ihre persönlichen Erfahrungen und bekamen zumindest kurz aber direkt eine Antwort. So klagte z.B. Grit Belitz von der nicht transparenten Zuständigkeitsstruktur in diesen Fragen. Sie komme aus diesem Tätigkeitsbereich und wisse keinen direkten Ansprechpartner. Althusmann bekräftigte, dass sich dieser Zustand in Zukunft ändern werde. Die Wichtigkeit sei erkannt und entsprechende Ansprechpartner würden dafür eingesetzt werden. 

Die Zusammenfassung und den Ausblick – des doch am Ende recht hitzigen Themas – stellten Brigitte Fischer, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Celle und Manfred Grönda, Landesvorstandsmitglied des SoVD-Landesverbandes Niedersachsens e.V. vor. Grönda ist stolz auf die Fachtagung, das zuhörende und interessiert Publikum sowie die Leistungen des Verbandes. „Es gibt keine Ausgrenzung, weder für Migranten noch für Behinderte, nicht für Alte, nicht für Junge und schon gar nicht für Kinder“. Die Landesschulbehörde hat in Zukunft einen Ansprechpartner für Inklusion, der Landkreis Celle hat eine Lotsenstelle eingerichtet und die Stadt Celle hat seit einem Jahr eine Beauftragte für Inklusion. Fischer bedankte sich bei allen Teilnehmern und betonte hierbei „ohne dazu Titel und Ämter zu erwähnen, denn das ist Inklusion“. Fischer möchte das Thema Inklusion öffentlicher machen, schulische Gleichstellung von behinderten und nichtbehinderten Kindern in das große Gebiet der Gleichstellung mit einbeziehen. Fischer verdeutlichte die Inklusion, die Teilhabe und das Zusammenspiel mit einer Packung Gummibärchen. Sie bezieht sich mit diesem Hinweis auf einen Beitrag von Lisa Reimann, Vorstandsvorsitzende des Vereins „Integrationsprojekt“ in Berlin. „Keine Haribo-Tüte enthält nur goldene, grüne oder rote Bären. In jeder Tüte sind viele Farben vertreten. Die Zusammenstellung wechselt von Tüte zu Tüte. Die verschiedenen Bären in einer Tüte lernen sich kennen und wissen von den Nöten, Leiden und Ängsten der anderen Bären. Die Gummibärchen akzeptieren sich gegenseitig und haben gelernt, dass es Spaß macht bunt zu sein. Ihnen ist nie langweilig und keiner wird in der Bärentüte ausgeschlossen. Das ist Inklusion!“ 

Redaktion
Celler Presse 





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