Erinnerungen aus Offensen: Als der Liter Milch noch sechs Pfennige kostete

OFFENSEN. Der Heimatverein Offensen-Schwachhausen e.V. hatte wieder geladen und viele aus dem Ort waren gekommen. Im Fokus standen Caroline Surburg und Hermann Pahls. Das Chronik-Team arbeitete Interviews aus den Jahren 1967 und 1987 auf. Gemeinsam erinnerten sich nun die Gäste und Familien bei der Veranstaltung in Offensen.

Helmut Schmidt-Harries (geb. 1925 gest. 2015), Lehrer an der Realschule Westercelle und in den 80er Jahren Einzelkandidat für den Bundestag, führte in jener Zeit die Interviews mit den beiden Offensener Urgesteinen.

Ganz nach dem Logo des Heimatvereins “Unser Aller Offensen-Schwachhausen” kamen viele aus dem Ort zu den Familien Surburg und Pahls. Mit viel Engagement bereitete das Team die Chronik des Ortes auf, um die Erinnerung zu wahren. Anhand von vielen Fotos und vorab geführten Gesprächen mit den Familien, führte der Leiter den Chronikteams Hans-Heinrich Heidmann durch die Veranstaltung.

Mit den Tonbandeinspielungen, selbstverständlich auf plattdeutsch, kamen „Cammanns Line“, alias Caroline Surburg (geb. Tietje) (geb. 1873 gest.1975) und Hermann Pahls (geb. 1898 gest.1996) zu Wort. Aufgrund der schlechten Kassetten-Tonband-Aufzeichnung von Pahls, mussten dessen Einspielungen von Heidmann übersetzt werden.

1860 wurde die Hauptstraße durch den Ort mit einem leicht veränderten Verlauf neu gebaut; das betraf auch die Straßenführung von Wienhausen nach Offensen. Ebenso der im Ort befindliche Löschteich im Ort spielte bei den Erzählungen eine wichtige Rolle. Durch den Vergleich mit heutigen und damaligen Karten verdeutlichte Heidmann die Schilderung, denn die Höfe und Grundstücksgrenzen verlaufen heute etwas anders.

Pahls berichtete auch von einer Geschichte der missglückten Aller-Überqerung dank aus der Heide herbeigebrachter Steine an der Furt, der Ortsentwicklung oder der um 1870 befindlichen Situation an der Schule, wo die Schüler im Unterricht knien mussten. Die Landwirtschaft war auch ein wichtiges Thema, denn die Kühe mussten meist von den Kindern gehütet werden. 1903 kam mit der Dreschmaschine eine große Neuerung in den Ort. Pahls berichtete auch von einer Erinnerung nach dem Einmarsch der Engländer im Jahr 1945. Der Lehrer Lange war ein wirklicher Nazi. Er versteckte schnell seine SA Uniform, doch ein englischer Soldat fand sie, zog sie an und grüßte mit der ihm viel zu kleinen Uniform unter großem Gelächter militärisch seine Kameraden. Es war eine dramatische Zeit, in der auch die Häuser nicht geschlossen werden durften.

„Cammanns Line“ konnte sich an die Zeit des Kaisers erinnern, an die Wanderarbeiter 1880, die die Stauwiesen aushoben, und an das Schützenfest von 1890. Es ist das älteste Schützenfest des Ortes, wenn es nach den Aufzeichnungen und den Plaketten geht. Ebenso der Einzug des elektrischen Lichts im Ort, um 1910. Dabei wurde 1902 die Mühle gekauft, die heute ein Kulturhaus ist. 1908 wurde eine Turbine dort in der Mühle installiert und auch Wienhausen mit Strom versorgt. „Cammanns Line“ berichtete von dem 1923 in der Inflationszeit erhobenen Lichtgeld, was dann in Offensen in den eisernen Schrank kam. Ebenso erstaunt waren die Besucher, als sie von der aufwendigen Leinen-Herstellung erfuhren. Von der Saat, bis zum Weben und Sticken ein Prozess, der das ganze Jahr lang dauerte. Ein wesentlicher Meilenstein war damals auch ihre Hochzeit 1894. Es war eine große Feier mit über 100 Gäste und einem Zelt im Garten. „Cammanns Line“ berichtete im Detail vom Polterabend bis zur Trauung, der Brautjungfer und dem Bräutigamsknecht. Schmidt-Harries wollte dabei alle Einzelheiten wissen. Sie erzählte von dem schwarzen Brautkleid und dem weißen Schleier, was damals Mode war. Die Fahrt mit dem sogennanten Kastenwagen und der darin transportierten Mitgift. Von Donnerstag bis Sonntag dauerte das Spektakel, und es wurde ausgiebig gefeiert. Pastor Bettinghaus traute letztendlich das Paar Carl Surburg und Caroline Tietje.

Die rüstige 94-Jährige berichtete amüsant und lebhaft von Familien- und Gesellschaftsgeschichten. Sie nahm den Zuhörer mit auf eine Reise durch die Ortsgeschichte, die Kriegszeit, die Entwicklung der Höfe im Ort, Bränden und kleinen Informationen, dass z. B. ein Liter Milch damals 6 Pfennig kostete, was recht teuer war.

Eine gelungene Veranstaltung zur Stärkung der Dorfgemeinschaft und eine informative geschichtliche Aufarbeitung.

Redaktion
Celler Presse

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