Integration und Qualifikation – Fachwerktriennale 19: Zehn Städte machen dringenden Handlungsbedarf deutlich

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CELLE/HANNOVERSCH MÜNDEN. Ein aktuelleres Thema hätte die Arbeitsgemeinschaft Deutsche Fachwerkstädte (ADF) für die Fachwerktriennale 19 kaum wählen können. Im historischen „Ochsenkopf“, begrüßte Prof. Manfred Gerner, Präsident der ADF, Anfang Juni 26 Projektbeteiligte aus vier Bundesländern sowie Mitarbeiter von Arbeitsagenturen und weiteren Kommunen. Sieben von zehn Fachwerkstädten stellten ihre Projekte vor. Im Herbst 2019 sollen die Ergebnisse präsentiert werden.

Diskutiert und referiert wurde über bürgerschaftliches Engagement, Qualifikation in Baufachberufen und Wohneigentumsbildung in einer Fachwerkstadt.  „Möglicherweise hängt die Zukunftsfähigkeit der EU davon ab, wie wir mit der Integration der Geflüchteten umgehen werden. „Die Verunsicherung in der Gesellschaft macht unser Projekt zu einer Herausforderung“, so Prof. Gerner. Jeder vierte Migrant habe einen Job, etwa jeder fünfte einen sozialversicherten Arbeitsplatz, zitierte Prof. Gerner den Generalanzeiger. Mit etwa 180.000 Personen sei deren Beschäftigungszahl dennoch relativ gering. Im vom Personalmangel gezeichneten Handwerk sieht Gerner darum für Migranten gute Chancen auf Qualifikation und Integration innerhalb der Fachwerkstädte.

Auch in Celle sei es „höchste Zeit, einen gemeinnützigen, integrativen Pool zu bilden, aus dem wir alle schöpfen können, sagte Karin Abenhausen. Denn in der Altstadt gäbe es einen unübersehbaren und dramatischen Wohnungsleerstand. Nur noch 1.000 Menschen lebten in der Altstadt, bei 70.000 Einwohnern insgesamt. Das Problem ist seit Jahren bekannt, es gab bisher viele gelungene Ansätze, darunter das Triennale 15-Projekt der Lokalhelden, das kreativen Unternehmern ihren Start in der Celler Altstadt erleichtere.“

Das Triennale 19-Projekt zieht es jetzt nach Bennebostel, auf den Hof Wietfeldt, wo ein Backhaus aus dem Jahr 1743 saniert werden soll. Der Eigentümer ist Bauingenieur und unterstützt das Vorhaben, er übernimmt Materialkosten und Bauleitung. „Die Berufsschule stellt Fachkräfte und richtet eine Klasse mit zwölf Schülern dafür ein. Handwerkskammern und -innungen, das städtische Baumanagement, Betriebe, die Bürgerstiftung und die Zuwanderungsagentur sind ebenfalls eingebunden. Wenn es fertig ist, sollen Veranstaltungen, Backtage oder Vorträge durch die Bürgerstiftung organisiert werden. Trägerschaft ist die Bürgerstiftung, sie wird das Haus für 10 bis 15 Jahre übernehmen, somit wird es einem gemeinnützigen Zweck übergeben“, ergänzte Karin Abenhausen. Menschen so schnell wie möglich wieder in Arbeit zu bringen und vor allem jungen Menschen das Handwerk und der Wert der historischen Altstadt zu vermitteln, habe für sie Priorität.

Als zweites Projekt zum Thema Lehrbaustelle stellte Dirk Diekmann von der Stadt Celle ein ehemaliges Werkstattgebäude in der historischen Altstadt vor. Mit dem gemeinnützigen Träger und Eigentümer KIBIS gibt es laufende Gespräche zur baulichen Umsetzung und Finanzierung des Nutzungskonzeptes als kulturelles  und soziales Begegnungszentrum. Hier laufen derzeitig die Diskussionen mit den bereits im Projekt Backhaus eingebundenen Akteuren zur möglichen Trägerschaft, Finanzierung und Förderung der Maßnahme und Projektidee.

Der Celler Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge betont in diesem Zusammenhang die synergetischen Effekte der Projekte: „Die Einrichtung  von Lehrbaustellen in historischer Bausubstanz  unterstütze  die Berufsorientierung von Jugendlichen im Bereich Handwerk und Denkmalpflege und diene gleichzeitig dem Erwerb von handwerklichen und sozialen Kompetenzen. Als gemeinsame Aufgabe in der Gruppe in einer verlässlichen und bewährten Ausbildungsstruktur führe sie zu einer Identifikation mit historischer Bausubstanz. Gleichzeitig wird das Ziel der Stadt Celle, den Wohnstandort Altstadt nachhaltig zu stärken, in idealerweise öffentlichkeitswirksam unterstützt. “

Die Herausforderungen für das Stadtmanagement werden immer größer. „Wir müssen eigene Lösungen finden, die auf kleinere und mittlere Fachwerkstädte zugeschnitten sind und diese voranbringen“, sagte Dr. Ferber vom projektbegleitenden Büro STADTLAND GmbH aus Leipzig. „Mit den vorhandenen Instrumenten kommen wir nicht weiter, die Triennale 19, an der auch Duderstadt, Hann. Münden, Salzwedel, Eschwege, Spangenberg, Herborn, Seligenstadt, Riedlingen und Neumünster teilnehmen, arbeitet an einer Schnittstelle zwischen Integration, Migration und der Stadtentwicklung.

Diana Wetzestein