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Oskar Ansull liest aus seinem neuen Buch „Gedichte“

CELLE. Das von Otto Haesler gebaute Direktorenhaus in der Magnusstraße zeigte sich wieder einmal als wunderbarer Ort für Kulturveranstaltungen, als Oskar Ansull hier aus seinem neu erschienenen Band mit dem trefflichen Titel „Gedichte“ las. Seine Verehrerinnen und Verehrer hatten sich nicht abhalten lassen, ihn zu hören, auch zu Corona-Zeiten und mit Maske waren sie von fern und nah gekommen. Die Ernst-Schulze-Gesellschaft konnte eine größere Gruppe begrüßen. Zur Freude aller hatte der Dichter einen außergewöhnlichen Akkordeon-Künstlerfreund mitgebracht, Stefan Goreiski. Seine musikalischen Improvisationen hielten einfühlsam Zwiesprache mit Ansulls Rezitationen, mal leise, mal heftig, immer auf den Text und seinen Rhythmus eingehend.

Der neue Band „Gedichte“ umfasst drei größere Zeitabschnitte des Schaffens des Autors: 46 Gedichte des Bandes „Disparates“ von 1984 (aus dem Radius-Verlag), 44 Gedichte des Bandes „Entsicherte Zeit“ von 1988 (aus dem Postskriptum-Verlag) und 63 in neuerer Zeit entstandene Gedichte, versammelt unter dem Titel „in die laufende trommel“. Die jüngsten Gedichte zeichnen sich optisch durch Kleinschreibung aus. Leserinnen und Leser werden so auf eine nachdrückliche Aussage vorbereitet: Alle Momentaufnahmen, festgehalten in Wörtern und Verszeilen, sind gleichwertig, denn in unserem Dasein gibt es keine herauszuhebenden „Hauptwörter“, alle Wörter sind kleinwertige Versuche, eine Sinnhaftigkeit in einer erhofften Lebensordnung zu bezeichnen.

Oskar Ansull ist ein gesellschaftspolitisch orientierter Lyriker. Viele seiner Gedichte signalisieren bereits mit dem Titel, dass es um das Wahrnehmen unserer Vergangenheit wie auch unseres jetzigen Standortes – unserer „Heimat“ – geht. Er reflektiert sich dabei selbst beispielhaft. Nicht selten sucht er mit seinen Versen den Dialog mit anderen Dichtern, heutigen wie früheren, den antiken Größen wie den deutschen Klassikern.

So erinnert das Gedicht „rachegötter“ an Schillers Ballade „Die Kraniche des Ibykus“, indem einem ihrer Verse als Motto vorangestellt ist: „wenn keine andre stimme spricht“. Doch während bei Schiller das Unrecht, der Mord, durch die Macht der Erinnyen aufgedeckt und gesühnt wird, fragt sich, so Ansull, der Mensch von heute, zagend: „wer schreibt / die gottverlassene / plutoniumballade / […] mit / gutem ausgang“ ? Alle Gewissheiten erscheinen uns verschwunden, unsere Bedrohtheit durch menschenverachtende Wissenschaften ist gewaltig.

Das Gedicht „Zahlen & Figuren“ ist vor fast dreißig Jahren entstanden. Bevor Ansull es rezitierte, machte er die Zuhörerschaft auf den engen Bezug zu gleichwertigen Problemen in der Gegenwart aufmerksam: So zählten Menschen heute wie damals oft nur noch als Kartei-Eintrag, ohne Papiere erscheine der Mensch als ein Nichts. Ansull stellt sich in seinem Gedicht direkt neben zwei Dichter, um dieses politische Problem auszuleuchten: Er zitiert als Motto Worte von Joseph Roth: „Und was ist ein Mensch ohne Papiere? / Weniger als ein Papier ohne einen Menschen!“ Später im Gedicht zitiert er Novalis: „wenn nicht mehr Zahlen und Figuren / sind Schlüssel aller Kreaturen“. Mit eindrucksstarken Versen bringt sich Ansull in diesen Dialog ein: „Menschenerfassung & Menschenauswertung / von der Geburt bis zum Grab / die totale Kartei“ […] und schließt mit den Zeilen: „Schlüssel aller Kreaturen / Papiermenschen, Novalis / Papiermenschen“. Welch ein Aufruf, endlich zur Besinnung zu kommen! Stefan Goreiski interpretierte die Worte mit schnellen Tönen des Akkordeons, mit lauten, unmelodischen Frequenzen, einen aufgeregten Herzschlag verdeutlichend.

Es verwundert nicht, dass Erich Fried den Celler Oskar Ansull nicht nur wahrnahm, sondern auch nachdrücklich zu schätzen wusste. So erzählte Ansull davon, wie er dem damals hochberühmten, seit 1938 in London im Exil lebenden Lyriker bekannt wurde. Dessen Anerkennung habe ihn sehr motiviert. Die Zuhörerschaft im Direktorenhaus freute sich nachträglich mit.

Nach einer corona-gemäßen Lüftungspause begann der zweite Teil der Lesung mit einer „Kür“, wie Ansull sich ausdrückte und Stefan Goreiski es musikalisch durch eine schwungvolle Tanzmusik unterstrich: Wir hörten Gedichte zu Reisen in den Süden, ein erstes, dem verstorbenen Freund und Mitstreiter RWLE Möller gewidmet, trägt den Titel: „Ich war in Delphi“. „Einzig die vierfarbige Postkarte / aus der Kindheit ist geblieben“, bedauert das Ich seine unzureichende Wahrnehmung der großen Kunst- und Geschichtsschätze. Das Ich bereist in verschiedenen Gedichten in Italien Rom, die Toskana. Einen weiteren Höhepunkt bildete dabei die Erzählung „Moses“ aus dem 2020 erschienenen Band „Papierstreifen“. Sie handelt vom Petersdom, der dortigen Geschäftemacherei und auch von einem Mann, der sich hoch oben am marmornen Judas-Standbild unendlich lange anklammert, ohne dass er beachtet wird.

Ebenfalls in Prosa, ergötzlich, aber nachdenklich, hat Ansull auf einmalige Weise seinen Weg zur Sprache, zur Literatur beschrieben. Die Skizze „Heimat“ aus dem Erzählband „Papierstreifen“, trug er ausdrucksvoll vor: Als kleines Kind in Westercelle, das erst spät zu sprechen begann, habe er den dortigen Friedhof mit seinen uralten Grabsteinen für sich entdeckt. Die eingemeißelten Namen und Berufe hätten ihn fasziniert, denn sie ließen ihn die einmalige Geschichte des Ortes erahnen. Ansull beschreibt sich als kleinen Jungen mit diesem Satz: „Hier, an der Fuhse, mitten im gesprochenen Platt und geschriebenen Hochdeutsch, erstolperte und erstotterte er sich Heimat.“

Am Schluss gab es überwältigenden Applaus für den Dichter wie für seinen Musik-Interpreten Stefan Goreiski. Ansull schenkte den Zuhörenden, den aktuell wunderbar mit Sprache und Literatur Geimpften als Zugabe die köstliche Kleinstschilderung „Jocko“ aus „Papierstreifen“: Der durch einen Fensterschlag heftig getroffenen Papagei Jocko muss für tot gehalten werden, kommt aber wieder zu sich und kommentiert das Unglück selbst mit dem antrainierten Seufzer „Ogottogott“.

Für die Ernst-Schulze-Gesellschaft konnte Lothar Haas mit einem herzlichen Dank an beide Künstler für diese mitreißende Veranstaltung schließen. Oskar Ansull versprach unter starkem Beifall auch für das kommende Jahr wieder ein Buch.

PR
Fotos: Rainer Schieding






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