Mittwoch, 22. April 2026

✔ unabhängig ✔ überparteilich ❤ kostenfrei

Anzeige

Anzeige

Interview BARMER Zahnreport 2024

Mädchen werden in Deutschland möglicherweise zu häufig kieferorthopädisch behandelt. Diesen Schluss legt der aktuelle Zahnreport der BARMER nahe. Im Interview mit der CELLER PRESSE stand BARMER-Landesgeschäftsführerin Heike Sander Rede und Antwort. 

CELLER PRESSE: Die Kieferorthopädie ist seit Jahrzehnten integraler Bestandteil der vertragszahnärztlichen Versorgung. Der aktuelle Zahnreport der BARMER wirft allerdings die Frage auf, ob bei der Korrektur von Zahn- und Kieferfehlstellungen bei Kindern und Jugendlichen in einigen Bereichen Übertherapie vorkommt.

HEIKE SANDER: Der Schluss liegt nahe, denn Mädchen werden in Deutschland möglicherweise zu häufig kieferorthopädisch behandelt. In Bayern betrug die Inanspruchnahme bei Mädchen beispielsweise 65 Prozent. Dieser Wert erscheint bei Gegenüberstellung mit verfügbaren epidemiologischen Primärdaten zum Behandlungsbedarf unerwartet hoch.  

CELLER PRESSE: Worin sehen Sie die Ursachen dafür?

HEIKE SANDER: Ursächlich könnten Unschärfen bei der Bewertung einer Behandlungsbedürftigkeit nach den bestehenden Kriterien der Gesetzlichen Krankenversicherung sein. Mögliche Gründe für das deutliche Mehr an Versorgung bei Mädchen können auch Schönheitsideale, Gruppendruck und eine mitunter übertriebene elterliche Fürsorge sein. In diesem Bereich braucht es deutlich mehr Aufklärungsarbeit. 

CELLER PRESSE: Sie haben eben Bayern erwähnt, gibt es große Unterschiede im Vergleich zwischen den Bundesländern?

HEIKE SANDER: Ganz genau. Bei der Inanspruchnahme kieferorthopädischer Behandlungen gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den Bundesländern. Die höchsten Inanspruchnahmen wurden mit 57 bis 60 Prozent in Baden-Württemberg, Brandenburg und Bayern festgestellt, die niedrigsten in Bremen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt mit 46 bis 50 Prozent. Das bundesweite Mittel lag bei 55 Prozent. Mit Kieferanomalien und Zahnfehlstellungen allein sind die teils gravierenden regionalen Unterschiede bei den Behandlungen nicht begründbar.

CELLER PRESSE: Wie würden Sie den Zugang zur Versorgung für Kinder und Jugendliche beschreiben?

HEIKE SANDER: Dem Zahnreport zufolge ist der Zugang zur kieferorthopädischen Versorgung für Kinder und Jugendliche deutschlandweit insgesamt zufriedenstellend, aber regional sehr unterschiedlich. Nach Umsatz geschätzt, finden zwischen 80 und 96 Prozent der kieferorthopädischen Behandlungen in fachzahnärztlichen Praxen für Kieferorthopädie statt. Im Bundesdurchschnitt werden etwa 13 Prozent der kieferorthopädischen Behandlungen von Praxen ohne kieferorthopädischen Schwerpunkt erbracht. In allen ostdeutschen Flächenländern liegt dieser Anteil über dem Bundesschnitt und beträgt dabei bis zu 19 Prozent.

Der Zahnreport belegt, dass bei einer geringeren Dichte kieferorthopädischer Schwerpunktpraxen regionale Zugangsnachteile zur Versorgung durch Praxen ohne einen solchen Schwerpunkt zumindest teilweise ausgeglichen werden.  

CELLER PRESSE: Behält die Kieferorthopädie ihre wichtige Rolle?

HEIKE SANDER: Festzuhalten bleibt, dass die Bedeutung der Kieferorthopädie vielschichtig ist und über kosmetische Aspekte hinausreicht. Sie trägt zur Gesundheit, Funktionalität und Lebensqualität von Patientinnen und Patienten bei und ist ein wichtiger Bestandteil der präventiven Gesundheitsversorgung in Deutschland. Zahn- und Kieferfehlstellungen können zu verschiedenen Problemen führen, darunter Karies, Zahnfleischerkrankungen, Abnutzung der Zähne und Funktionsstörungen des Kiefers.  

CELLER PRESSE: Dann müssten Zahnärztinnen und Zahnärzte auch rechtzeitig aufgesucht werden

HEIKE SANDER: Ja, durch die frühzeitige Korrektur solcher Fehlstellungen können entsprechende Risiken minimiert werden. Eine rechtzeitige kieferorthopädische Behandlung kann dazu beitragen, später notwendige und möglicherweise kostenintensive zahnärztliche oder chirurgische Eingriffe zu vermeiden. Das führt zu einer besseren Mundgesundheit und zu einer geringeren Wahrscheinlichkeit von langfristigen Komplikationen. Insbesondere für Kinder in der Entwicklungsphase ist das wichtig, da eine rechtzeitige Behandlung von Fehlstellungen potenzielle Probleme im Erwachsenenalter verhindern kann.

CELLER PRESSE: Ihr Fazit?

HEIKE SANDER: Der Zahnreport der BARMER wirft bei der kieferorthopädischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen eine Reihe von bislang ungeklärten Fragen auf, die im Interesse von Patientinnen und Patienten, Eltern und der Versichertengemeinschaft insgesamt durch mehr Analyse und Aufklärung zeitnah beantwortet werden sollten. 

CELLER PRESSE: Haben Sie vielen Dank für das Gespräch, Frau Sander

 Redaktion
 Celler Presse

Hinweis zu der Meldung
Diese Seite zeigt gesponsorten Marketing-Inhalt, Quell- und Informationslinks sowie extern eingespielte Banner und Flash-Anzeigen.

WhatsApp-Kanal Immer bestens informiert! Erhalten Sie die neuesten Nachrichten und Updates jetzt auch direkt auf Ihr Smartphone. Folgen Sie unserem WhatsApp-Kanal und bleiben Sie schnell und unkompliziert auf dem Laufenden. Hier klicken und abonnieren!



Anzeige