Montag, 16. Februar 2026

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Wenn Menschen scheitern und Bücher verschütt gehen

Beides, das Scheitern von Menschen und das Verlorengehen von Büchern, in einem Atemzug zu nennen, verbietet sich eigentlich, wiegt Ersteres doch ungleich schwerer. Doch im Falle des Pastors, Publizisten und Schriftstellers Georg W. F. Beneken (1765-1824) passt die Nichtauffindbarkeit einiger Kisten des Buches „Ja, bleiben muss und werde ich…“ zum Schicksal des einstigen Bewohners und Pfarrers der Gemeinde Nienhagen, dass ein Abweichen von der Regel erlaubt sein muss.

Gesucht wurde das in einer Auflage von 1000 Stück im Jahr 2011 erschienene Werk anlässlich des Planes von Marianne Stumpf, die aus Nienhagen stammt, eine Lesung in „Wandliebe“ im Zusammenhang mit ihrem Heimatort zu veranstalten. Was lag da näher, als den Celler Schriftsteller, Lyriker und Rezitator Oskar Ansull ins Boot zu holen, der eine Nienhägener Geschichte mit tatkräftiger Unterstützung des damaligen Bürgermeisters Klaus Gärtner ans Tageslicht geholt und zu Papier gebracht hatte. Unmöglich konnten alle Exemplare verkauft worden sein, erinnerte sich Ansull, doch die Kontaktaufnahme mit der aktuellen Nienhägener Verwaltung ergab, man wisse von solchen Büchern nichts.

Sie waren also verschütt gegangen. Oskar Ansull leitet seine Lesung im bis auf die letzten „Treppennotplätze“ voll besetzten „Wandliebe“ mit dieser knappen Mitteilung ein und setzt den Gedankengang fort: „Ein doppeltes Verschüttgehen also!“ Denn obwohl Georg W.F. Beneken der erste Herausgeber des „Zelleschen Anzeigers“, dem Vorläufer der heutigen Celleschen Zeitung (CZ), war, die Konzession dafür bei ihm lag, ist der begabte Mann, der sich mit einer Pfarrstelle nicht zufriedengab, sondern darüber hinaus schrieb und publizierte, vergessen. Kein Abbild zeigt sein Gesicht. Fünfzehn Jahre, von 1803 bis 1818, arbeitete er als Pastor in dem „bitterarmen Dorf, das sich im Grunde nicht einmal einen Pfarrer mit Familie leisten konnte.“ „In Nienhagen war nichts zu entdecken, das war nicht einmal ein Durchreiseort, Intellektuelle hielten sich hier nicht auf“, berichtet Ansull, und Celle war damals weit weg. Noch im Jahr 1900 war Nienhagen verkehrstechnisch unerschlossen.

EIN MANN DES GEISTES IM BETTELARMEN DORF

Beneken als ein Mann des Geistes fehlte der Umgang mit gebildeten Menschen, Nienhagen bot nichts, das die Leere in seinem Inneren füllt. Der Pfarrerssohn, der vom Vater unterrichtet worden war und aufgrund knapper finanzieller Ressourcen nur kurz in Helmstedt und Göttingen studieren konnte, suchte Trost im Alkohol.

Wenige glückliche Jahre hatte er in Hannover verbracht, wo er als Hauslehrer arbeitete und gemeinsam mit seinem engen Freund Georg Friedrich Palm die ersten Schriften, ein zweibändiges „Wissenschaftliches Magazin für Jünglinge“ sowie die dreibändigen „Vorübungen zur Akademie für Jünglinge“, publizierte. Zusammen mit Palm schmiedete er Pläne für die berufliche Zukunft. Als der Freund und engste Vertraute im Jahr 1798 mit nur 38 Jahren plötzlich stirbt, bedeutet dieses für Beneken einen Verlust, den er nie verwinden wird. Der zweite Schicksalsschlag ereilt ihn, als seine Frau Friederike Ernestine bei der Geburt von Zwillingen im Jahr 1812 stirbt, auch die Kinder überleben nicht. Nun ist er allein mit den acht Söhnen und Töchtern, die aus der Ehe hervorgegangen waren.

Lediglich als Absicherung in finanzieller Hinsicht hatte er die Übernahme einer Pfarrstelle betrachtet, die berufliche Zukunft in schriftstellerischer, publizistischer und philosophischer Tätigkeit gesehen. Doch die Realität hieß Nienhagen. „Er ist gescheitert, er hat ausgedient, ist verarmt und wurde abgeschoben“, heißt es in „Ja, bleiben muss und werde ich…“ Beneken gab Anlass für Beschwerden, war letztendlich nicht mehr in der Lage, seine Gemeinde zu betreuen. Der Superintendent gibt ein ärztliches Gutachten zum Gemütszustand des Pfarrers in Auftrag, Oskar Ansull zitiert daraus, es besiegelt das endgültige Aus. Beneken wird des Amtes enthoben, übersiedelt nach Hannover, wo er in einem Werk- und Arbeitshaus, einer Armeneinrichtung vor dem Steintor, unterkommt. Am 24. Januar 1824 stirbt er mit 59 Jahren, als er noch einmal zu Besuch in Nienhagen ist. Dennoch findet er dort nicht seine letzte Ruhe.

PHILOSOPH IN DER LÜNEBURGER HEIDE

Ans Ende des Buches stellt Oskar Ansull Texte von Georg W.F. Beneken, der auch als Philosoph in der Lüneburger Heide bezeichnet wurde. Er wusste um das harte Leben der Bauern in diesem Landstrich und beschrieb es in einem gleichnamigen Essay, aus dem auszugsweise vorgetragen wird.

Oskar Ansull hat sein Publikum vertraut gemacht mit einem Mann, über den er in seiner Vorrede zum Buch schreibt: „G.W.F. Beneken ist in Nienhagen und Celle verdrängt und vergessen worden. Mich ließ der Tote nicht ruhen, warum auch immer. Ich bin kein Historiker, kein Philosoph, kein Theologe, doch mich ziehen die Gescheiten und Gescheiterten gleichermaßen an, zumal wenn sie in meiner Gegend gewirkt haben…“

Entstanden ist ein aufwändiges, über die Person Beneken hinaus aussagekräftiges Werk, über das der damalige Bürgermeister Klaus Gärtner schrieb: „Beneken soll nun fernerhin in Nienhagen nicht mehr vergessen sein. Dieses Buch ist ein Anfang dazu.“ Und warum ging es dann in der Zwischenzeit verschütt? Ansull löst am Ende der Lesung auf: Auf den CDU-Verwaltungschef Gärtner folgte ein SPD-Bürgermeister. Die Genossen hatten das Ansinnen, die Würdigung des G.W.F. Beneken zu unterstützen, schon damals im Kulturausschuss abgelehnt. Vor vierzehn Jahren nur eine Randnotiz, doch als die Mehrheiten sich verschoben, sahen die neuen Verantwortlichen im Rathaus für die Fülle an lokaler Kultur zwischen den Buchdeckeln keine andere Verwendung, als sie in dem Schrank zu verstauen, der auch die anderen Überbleibsel der abgelaufenen CDU-„Regentschaft“ beherbergte. Sorgsam wurde der Schrank verschlossen. So ging Leben und Werk von Georg W.F. Beneken ein zweites Mal verschütt, lieferte das Motto für die mit kräftigem Applaus bedachte Lesung in „Wandliebe“ und sorgte für ein Schmunzeln über die Gemeinde Nienhagen, die an diesem Kulturabend im Mittelpunkt stand.

Anke Schlicht
Redaktion Celler Presse
Fotos: Anke Schlicht

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