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UNTERLÜß. Der große Auftakt der AfD sollte in Unterlüß stattfinden. Mit prominenter Unterstützung des Bundesvorsitzenden Prof. Jörg Meuthen riefen die AfD Kreisverbände Uelzen und Celle zum Wahlendspurt auf. Begleitet von zahlreichen Gegendemonstranten unterlag die AfD letztendlich zahlenmäßig mit knapp 100 Besucherinnen und Besuchern den gezählten 110 Teilnehmenden der Gegenveranstaltung.

Trotz der widrigen Wetterbedingungen ließen es sich die 110 Teilnehmenden der vom DGB angemeldeten Demonstration vor dem Bürgerhaus Südheide in Unterlüß nicht nehmen, gegen die Veranstaltung der AfD zu protestieren. 

Die anreisenden Teilnehmenden der AfD kamen an den Demonstrierenden nicht vorbei und wurden bei Einlass von den singenden und pfeifenden Gegendemonstranten empfangen. Die Polizei war zur Sicherheit aufgefahren und sorgte zusammen mit dem eingesetzten Sicherheitsdienst der Halle für ausreichend Abstand zwischen den Gruppen. Der Gegenprotest verlief friedlich und die Stimmung draußen im Regen war dennoch ausgelassen gut.

Das Bürgerhaus füllte sich indes mit interessierten Anhängern der AfD. Gespannt wartete man auf den Bundesvorsitzenden Prof. Jörg Meuthen. Es gab nunmehr die Gelegenheit des Austauschs und Smalltalk. Die Sitzreihen wiesen bis kurz vor Beginn noch große Lücken auf und erst nachdem der Uelzener Vorsitzende Frank Rinck die Veranstaltung eröffnete, kamen noch einige Zuschauer hinzu. Generell blieb die Besucherzahl wohl hinter den Erwartungen, denn bei gleich fünf Rednern, inklusive des Ehrengastes, hatte man wohl mit noch mehr Zuspruch gerechnet.

Joachim Wundrak, Generalleutnant a. D. der Luftwaffe der Bundeswehr, war der erste Redner; er versuchte in seiner in der Themenvielfalt vollkommen überladenen Rede den Spagat zwischen allen relevanten Themen. Der Schwerpunkt war zu Beginn der Anschlag in Afghanistan und die Folgen und Gefahren des Rückzugs. Wundrak warnte vor einer erneuten Flüchtlingswelle und der steigenden Terrorgefahr. Hektisch wurde es anschließend bei den weiteren Themen, die eng geknüpft hintereinander folgten. „Ausnahmezustand ist die neue Normalität“, „Corona-Missmanagement“, „Infrastruktur“ und „Sozialexperimente“, hier hätte es gutgetan, dass sich die Redner im Vorfeld bei Schwerpunktthemen absprechen, denn Wundrak überschlug sich fast, um möglichst viel in seine Rede mit aufzunehmen. Am Ende seiner Rede setzte er jedoch ein wichtiges Zeichen, dass die AfD in ihrem politischen Gegner ganz klar die Grünen sehen. Wundrak sei klar gegen die CO2 Planwirtschaft oder einen europäischen Öko-Sozialismus – „15 oder mehr Prozent ist das Ziel der AfD“.

Es war ein holpriger und vollkommen überfordernder Einstieg in diese Veranstaltung. Die Themenkomplexität wurde auf ein Minimum reduziert und hektisch vorangetrieben, da Wundrak ja auch nur ein gewisses Zeitfenster zur Verfügung hatte. Dennoch produzierte Wundrak mit seiner Strategie erste Verluste, denn der eine oder andere Platz war plötzlich unbesetzt.

Schnell musste gleich der Bundesvorsitzende Prof. Jörg Meuthen an das Rednerpult. Mit Charme und Witz versuchte der liberaler eingestellte Meuthen die Wogen zu glätten und in seiner Rede einen übergreifenden Konsens der Meinungen und Stimmungen auch innerhalb der Partei herzustellen. Das Mitglied des Europäischen Parlaments Meuthen kritisierte, dass Deutschland keine Führung habe und Europa mit unfähigen Regierungen ausgestattet sei. „Zum Glück werde das Kanzleramt jetzt auch neu besetzt“, so Meuthen und verwies zugleich, dass nunmehr vier Jahre Schwarz-Grün alles noch viel schlimmer machen würden. Er geht jedoch davon aus, dass es wohlmöglich eine Dreier-Konstellation geben wird. Meuthen betitelte nun die SPD bei einer solchen Konstellation als Sättigungsbeilage und die FDP als Steigbügelhalter. Der Bundesvorsitzende der AfD warnte, dass der Sozialismus hat immer Leid gebracht habe und nun wohlmöglich mit grüner Lackierung in der zukünftigen Regierung.

Auch Meuthen schlug in die einheitliche Kerbe Wundraks, der die Attacken auf die Grünen ja schon ansprach. Meuthen versuchte in seiner Rede, den Schwerpunkt auf die Energiewende und den Klimaschutz zu setzen, wobei er auch gleich forderte, die EEG Abgabe und CO2 Steuer müssen abgeschafft werden. Er sehe positive Seiten an einem gesunden Energiemix, doch mit dem Schwerpunkt auf reine grüne Energie sieht Meuthen Gefahren. Bei der Corona-Pandemie stellt sich Meuthen klar auf die Seite, dass das Virus existiere, jedoch kritisiere er das Corona-Management. „Fehler vom Anfang werden wiederholt und keine vernünftige Krisen-Kommunikation“. Meuthen sieht zudem die stetige Präsenz vom bayrischen Ministerpräsidenten Markus Söder und Karl Lauterbach (SPD) als nicht zielführend, denn es führe eher zu Unsicherheiten in der Bevölkerung. „Es fehlt eine Kommunikation auf Augenhöhe“, ist sich Meuthen sicher.

Von Afghanistan bis Hochwasser, konnten von nun an alle Redner nur Wiederholungen einbringen, was auch unter Meuthen dazu führte, dass im Publikum Auflösungserscheinungen sichtbar wurden.

Auch die am Ende Meuthens Rede Stichelei gegen die Kanzlerkandidaten brachte da auch keinen Erfolg, das Ruder wieder herumzureißen.

„Baerbock, die einen Bock nach dem anderen schießt. Man solle ihr erstmal zeigen, wie man einen eigenen Lebenslauf schreibt.“ Sie sei ohne ohne Führungs- oder Regierungserfahrung …. „Ist sie denn überhaupt geeignet?“

„Feixender Armin, Armin im Katastrophengebiet. Armin Las…es“.

„König Olaf. Was ist das für ein König. Cum-Ex-Skandal heruntergespielt und sich bei G20 die halbe Stadt zerstören lassen. Aber er war der einzige Kandida,t den die SPD überhaupt hatte, oder hätten sie die Esken nehmen sollen.“

Der Bundestagsabgeordnete Martin Hess konnte von nun an nur noch verlieren, denn beide Vorredner hatte schon alle verfügbaren und wahlrelevanten Themen beackert, die Luft war auch nach zwei aufeinander folgenden Reden raus. Während auch Hess wieder das Regierungsversagen anprangerte und das Versagen beim Schutz und der Sicherheit hervorhob, war die stetige Auflösung auch bei den darauffolgenden Beiträgen von Corinna Miazga und Thomas Ehrhorn nicht mehr aufzuhalten.

Es war eine große Veranstaltung der AfD mit Spitzenkandidaten und dem Bundesvorsitzenden. Gut gemeint, aber viele prominente Redner reichen nicht aus, um viele Interessierte Bürgerinnen und Bürger anzuziehen. Der Rahmen und schnell hintereinander laufende Reden hätten viel besser koordiniert werden müssen, dass nicht schon nach dem ersten Redner keine Themen mehr offenbleiben und von dort an nur noch Wiederholungen folgen.

Während im Bürgerhaus sich die Zuschauer dezimierten, beendeten die Gegendemonstranten langsam ihre Veranstaltung.

Bei Beginn, zwei Stunden zuvor, hatte Anmelder Dirk Garvels (DGB) angekündigt, mit der Gegen-Aktion die AfD mit ihren Worten und Aktionen zu begrüßen. Das täten sie mit einem starken Protest und Redebeiträgen von Kollegen.

Wilfried Manneke – Pastor Südheide a.D. und Sprecher des Netzwerks Südheide gegen Rechtsextremismus trägt 6 Gründe gegen die AfD vor:

1. AfD spiele mit der Angst. Fazit: Deutschland sei jetzt so sicher wie zuvor – auch ohne AfD.

2. Die AfD sei islamfeindlich. Fazit: Religiöse Intoleranz verstoße gegen unsere Grundrechte.

3. Die AfD betreibe eine rassistische Asylpolitik. Fazit: Rassistische Asylpolitik und rassistische Rhetorik ergebe eine rassistische Partei.

4. Die AfD treibe eine Klimapolitik á la Donald Trump. Fazit: Die Klimakatastrophe sei für die AfD eine Glaubenssache. Das sei egoistisch, wissenschaftsfeindlich und gefährlich.

5. Abgrenzung von Europa, Nationalstaat im Vordergrund. Fazit: Die AfD sei eine EU-feindliche Partei, die ihre Defizite in Europa für ihre eigenen Interessen ausnutzen wolle.

6. Die AfD werde der NPD immer ähnlicher: Die NPD habe im thüringischen Wartburgkreis bei der Kommunalwahl dazu aufgerufen, die AfD zu wählen und sei selber nicht angetreten.

Einige würden die AfD aus Protest wählen, weil sie anders sei. Rechtspopulismus aber sei ein Teil des Problems und nicht der Lösung. 

Hans-Dietrich Springhorn – spontane Wortmeldung: Er sei glücklich darüber, alle Parlamentarier aus den örtlichen Gemeinderäten zu sehen. AfD und NPD wären nahezu siamesische Zwillinge. Man wolle hier in der Südheide kein braunes Pack.

Johanna Ottermann (Netzwerk Südheide gegen Rechtsextremismus) gibt Anweisung zu einem ganz besonderen Pfeifkonzert. Mittels Morsezeichen soll die Botschaft: „Keiner braucht die AfD!“ an die AfD übermittelt werden. In der ersten Probe zeigt sich schon, dass es nicht den gewünschten Erfolg haben kann.

Charly Braun (DGB): Mit einer Partei, die die Gleichheit aller Menschen bestreite, könne man nicht in den Dialog treten. Aber man könne ihr argumentativ entgegentreten. Allen Flügeln der AfD gemeinsam sei das Prinzip der Ungleichheit und das beziehe sich auch auf die soziale Spaltung. So wolle die AfD das staatliche Rentensystem abwickeln. Das Recht des Stärkeren (Reicheren) solle denn auch zum Staatsziel gemacht werden. Sie würden die „vollständige Privatisierung aller, auch teilweise im Staatsbesitz befindlichen Unternehmen“ und gleichzeitig den Rückzug des Staates aus sozialer Sicherung und Fürsorge wollen. Ebenso würde die AfD sich für ein liberales Waffenrecht aussprechen, um die Villen der Milliardäre vor den künftig Hungerleidenden zu verteidigen. Dem würden die Demonstrierenden erfolgreich widerstehen – antifaschistisch, antimilitaristisch und sozial-solidarisch. Wer diese Demagogen wähle, dem sei folgendes gesagt: „Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Schlächter selber!“ – Bert Brecht

Olaf Meyer (Antifaschistische Aktion Lüneburg / Uelzen): AfD sei eine Partei der Ungleichheit und werde nie eine soziale Partei sein. Eine soziale Welt sei möglich aber nur ohne oder gegen die AfD. Mit dem Protest gegen die AfD wollten die Antifa nicht nur gegen die faschistische Politik der Partei demonstrieren, sondern sie wollen deren Politik der sozialen Spaltung einen solidarischen Gesellschaftsentwurf entgegenstellen. Danach zeigt Meyer Solidaritätsbekundungen zu:

  • Menschen, die mitbestimmen, wie dörfliches oder städtisches Zusammenleben aussehen soll
  • Menschen, die sich engagieren, dass Wohnraum bezahlbar bleibt
  • Menschen, die auf dem Land für eine bessere Infrastruktur und Perspektiven kämpfen
  • Umweltaktivisten, mit denen sie die Klimakrise gemeinsam angehen und für ein selbstbestimmtes,  ökologisches Leben sich einsetzen
  • Menschen, die in Seenot befindliche Flüchtlinge retten
  • Pflegekräfte, für die Gesundheit keine Ware bleibt
  • Arbeiter*innen und Gewerkschaften für ihren Einsatz für eine gerechte Arbeitswelt

Klaus Meier (VVN-BdA Niedersachsen) wolle kurz an Esther Bejarano erinnern. Sie sei am 05. Juli 21 als 96-Jährige verstorben. Sie habe vor allen Dingen an die Jugend appelliert. Sie habe gemeint, wenn die Jugend das begreife, dann habe man schon viel gewonnen. Bis zuletzt habe sie in Schulen Interviews geführt, um ihre Geschichte zu erzählen. Sie habe bei ihrer Befreiung aus dem KZ Ausschwitz-Birkenau gesehen, wie Sowjet-Soldaten, Rote-Armee-Soldaten und amerikanische Soldaten sich umarmt und gefreut haben. Das wäre ihr schönster Tag im Leben gewesen.

Johanna Ottermann (Netzwerk Südheide gegen Rechtsextremismus) gibt Anweisung zu einem ganz besonderen Pfeifkonzert. Mittels Morsezeichen soll die Botschaft: „Keiner braucht die AfD!“ an die AfD übermittelt werden. Leider scheitert auch der 2. Versuch und wird von dem Schlagruf „Nazis raus!“ übertönt.

Mehrfach sagen die Teilnehmer*innen zu anderen erstaunt, dass sie überrascht sind, dass sich so viele (110 Teilnehmer) bei der Mahnwache gegen die AfD treffen.

Redaktion
Celler Presse






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