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„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen“ – 78. Jahrestag der Befreiung des ehemaligen KZ Bergen-Belsen

Heute fand eine bewegende Gedenkveranstaltung zum 78. Jahrestag der Befreiung des ehemaligen KZ Bergen-Belsen statt. Das Lager war damals als „Belsen“ bekannt und war für unmenschliche Zustände und den Tod von Tausenden von Menschen verantwortlich. Die Gedenkveranstaltung erinnerte an diese Zeit und die Befreiung des Lagers

Die Liste der namhaften Gäste ist lang – wie international. Was zunächst in einem kleineren Kreis am Kriegsgefangenenfriedhof begann, füllte sich auf dem Gelände der Gedenkstätte am Obelisken.

Kriegsgefangenenfriedhof

Der Jahrestag begann auf dem Kriegsgefangenenfriedhof Hörsten mit der Begrüßung durch die Kuratorin der Gedenkstätte, Katja Seybold. Es ist auch der größte Kriegsgefangenen-Friedhof. Hier starben 19.580 meist sowjetische Soldaten, größtenteils während der Gefangenschaft, aber auch teilweise noch danach aufgrund der unvorstellbar schlechten Zustände im Lager.

„Was damals passiert ist, wird nie abgeschlossen sein“, begann Sabine Tippelt, Vizepräsidentin des Niedersächsischen Landtags, ihre Rede. Insbesondere mit Blick auf die aktuellen Ereignisse in der Ukraine seien neue Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu verurteilen. In dem Kriegsgefangenenlager 311 – Stalag 311 (XI C) in Hörsten zog damals der Tod ein, der sich zynischer nicht präsentieren konnte. Die Menschen starben beabsichtigt und in menschenverachtender Art und Weise. Während die Gefangenen noch versuchten, selbst die Rinde von den Bäumen zu essen, starben viele an Hunger, Kälte, Krankheiten oder wurden einfach willkürlich erschossen. Nur 11.000 Namen der Getöteten sind bekannt, einige werden wohl nie identifiziert werden können. Tippelt machte auf die prekäre Lage der Gefangenen aufmerksam, denn selbst bei einer Freilassung wurden die gefangengenommenen Soldaten für Stalin als Feiglinge, Verräter oder Deserteure betrachtet.

„Die Erinnerungen an die Gräueltaten sind nicht zum Scherzen“, sagte Tippelt und schloss mit einem Zitat des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier: „Wir sollten uns erinnern, nicht um heutige und künftige Generationen mit einer Schuld zu belasten, die nicht ihre ist, sondern um unserer selbst willen. Wir sollten erinnern, um zu verstehen, wie diese Vergangenheit in der Gegenwart fortwirkt. Nur wer die Spuren der Vergangenheit in der Gegenwart lesen lernt, wird zu einer Zukunft beitragen können, die Kriege vermeidet, Gewaltherrschaft ablehnt und ein friedliches Zusammenleben in Freiheit ermöglicht.“

Gedenken am Obelisken

Dr. Elke Gryglewski, Geschäftsführerin der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, begrüßte die internationalen Gäste. Offizielle Vertreter aus verschiedenen Ländern, wie zum Beispiel der Generalkonsul der USA, Jason Chue, Glaubensgemeinschaften, Politiker, Vertreter der Gesellschaft sowie Überlebende waren gekommen, um gemeinsam den Jahrestag zu begehen. Wie auch im letzten Jahr wurden die Vertreter aus der Ukraine und Russland gebeten, nicht an der Gedenkveranstaltung teilzunehmen. Gryglewski berichtete jedoch, dass russische Kräfte in der Nacht Kränze niedergelegt hatten. Diese wurden für die Zeit des Gedenkens im Rahmen des Jahrestages temporär wieder entfernt.

Julia Willie Hamburg, niedersächsische Kultusministerin und Vorsitzende des Stiftungsrats der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, sieht in dem ganzen Leid, was geschah, ein Leid in jeder Familiengeschichte. Es geht um die Geschichte, die am Leben gehaltet werden muss, aber auch das Gedenken als Mahnung der Gegenwart und der Zukunft. Schon damals nach dem Krieg versuchte man zu verdrängen, obwohl weitestgehend alle Menschen das System stützten und in vielen Familien auch Täter waren. Hamburg warnte angesichts der aktuellen Gewalt, Flucht und des Todes vor Falschmeldungen und Desinformationen, insbesondere aus Kreisen der Querdenker und Rechtsextremen. Abwehrendem Verhalten und Mythen muss gesellschaftlich entgegengetreten werden.

Die Familie Michael Fürst mit Nicola Fürst-Schuhmacher (Tochter) und Lenny Schuhmacher (Enkelsohn) betrat die Bühne und berichtete von ihrer ganz eigenen Familiengeschichte und der Überlebenden „Oma Rosa“. Zuerst wollte sie auch nicht wieder zurückkehren und sich öffnen, doch erst 1980 war es soweit. „Das ist nicht mein Belsen“, kommentierte Oma Rosa die erste Begegnung. Nicola Fürst-Schuhmacher erklärte den Kommentar mit den stark veränderten Umständen vor Ort. Hier ähnelt alles einem Friedhof oder einem Park. Damals waren es unmenschliche Zustände, Leid und der Tod waren allgegenwärtig. Lenny Schuhmacher sieht die Zeitzeugen schwinden und fühlt sich durch die vielen Geschichten sehr bewegt, was ihn zugleich dazu veranlasst, darüber zu berichten. Michael Fürst kritisierte die Bürgerinnen und Bürger in der angrenzenden Ortschaft Walle. In dem nur 5 Kilometer entfernten Ort wurden damals täglich 1.000 Menschen durchgeschleust, um dann in Belsen ermordet zu werden. Noch heute ziert der Ort das alte Nazi-Symbol der Wolfskralle. So abschreckend die Fahrt für Fürst auch ist, lobte er die Gedenkstätte als Vorzeigegedenkstätte in Deutschland.

Dr. Mehmet Daimagüler, Antiziganismusbeauftragter der Bundesregierung, eröffnete seine Rede mit dem Zitat von William Faulkner: „Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen“. Er berichtete von einer Mandantin, die er als Anwalt betreute, die die Zeit nach der Befreiung überstand, indem sie alle schlimmen Erinnerungen in eine Kammer aus Eisen schloss und aus ihrem Gedächtnis verbannte. Daimagüler findet daher, dass die Befreiung des eigentlichen Ortes auch als trügerisch betrachtet werden sollte. „Die Menschen kamen zwar aus den Lagern, aber die Lager nicht aus den Menschen“, so der Antiziganismusbeauftragte. Er machte auch darauf aufmerksam, dass Erinnern und Gedenken nicht gleichzusetzen sind. Erinnern sind Fakten, das Gedenken führt jedoch bis in die Gegenwart. Daher schließt sich für ihn die Frage der zweiten Verfolgung nach 1945 an. Befreite KZ-Häftlinge kamen nach dem Krieg in ihre Heimatstädte zurück und bekamen keinen deutschen Pass mehr oder ihr enteignetes Eigentum wurde ihnen verwehrt. „Die Vergangenheit ist nicht tot. Wir leben in einem guten Land, das Land ist aber nicht für alle gut“, so Daimagüler. „Die Demokratie geht nicht unter, weil die Feinde zu stark sind, sondern weil die Demokraten zu leise sind“, schloss Dr. Mehmet Daimagüler.

Die Reden wurden vom Quartetto Con Piacere (Ingo Fritz, Violine 1; Daniel Abrunhosa, Violine 2; Christoph Schinke, Viola; Henning Bundies, Violoncello) begleitet, die eindrucksvoll und stimmungsgeladen überbrückten.

Nach den Reden und Kranzniederlegungen wurden die Vertreter gebeten, sich vor der Inschriftenwand niederzulegen, um der Opfer zu gedenken. Nach kurzem Innehalten kamen die Zuschauer hinzu, um ihre Ehre zu erweisen.

Die Holocaust-Überlebende Anastasia Gulej lebte in der Ukraine und weigerte sich zunächst die Flucht anzutreten. Ihre Worte: „Ich habe Hitler überlebt, Stalin überlebt und dieses Arschloch Putin werde ich auch überleben“, gingen um die Welt. Nunmehr ist Gulej in Magdeburg in Sicherheit und besuchte zum Jahrestag das KZ Bergen-Belsen. Mit ihrer Tochter, Helfern und Freunden gedachte sie der Gefallenen. Der Brauch sieht vor, Süßigkeiten als Geschenk zu drapieren. Selbst stößt man mit einem kleinen Schluck Wein und etwas zu essen an, um seinen Respekt zu zollen.

Während der Brauch noch gepflegt wurde, wurde in Sichtweite am Hochkreuz ein Gebet gesprochen, ehe es auf dem Gelände zum Gedenken am jüdischen Mahnmal weiterging. Hier folgte noch eine Rede von Menachem Rosensaft, Vertreter der DP-Children von Bergen-Belsen und Vorsitzender des Beirats der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten, der bereits gestern bei der Veranstaltung an der Verladerampe gesprochen hatte.

Eine weitere Kundgebung an diesem Tag des VNN und DGB am Kriegsgefangenenfriedhof.

Redaktion
Celler Presse

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