Samstag, 17. Januar 2026

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„Maß und Mitte gehen in Celle verloren“ – Kritik am verabschiedeten Haushalt 2026/2027

Während die klammen Kassen der Kommunen in den überregionalen Medien rauf und runter thematisiert werden, gibt sich der Celler Oberbürgermeister Dr. Jörg Nigge (CDU) großzügig. „Keine Idee scheitert am Geld“, sagt er beispielsweise im Rahmen der Diskussion über ein neues Lehrschwimmbecken in der jüngsten Ratssitzung, in der auch der Doppelhaushalt für 2026/27 verabschiedet wurde. Die Mehrheit, bestehend aus den Fraktionen der CDU, AfD, Unabhängigen und FDP, votierte dafür. Immer wieder ist es die „Schuloffensive“, die lobend hervorgehoben wird. „Wir stimmen zu, weil in die Bildung investiert wurde“, argumentierte etwa Anatoli Trenkenschu (AfD) im Zuge der Haushaltsdebatte, er kennt sich aus mit Finanzen, hat beruflich damit zu tun, zeigt sich im Rat häufig als „Sparkommissar“, doch das ausgewiesene Minus von 27,6 Mio. für das ordentliche Ergebnis des laufenden Jahres 2025 wie auch die Ansätze für 2026 in Höhe von minus 18,3 Mio und für 2027 über minus 16,5 Mio hält ihn aktuell nicht ab vom positiven Votum. „Die Stadt Celle erwartet für die Jahre 2026/27 ein Defizit von jeweils mehr als 14 Mio Euro“, schreibt Kämmerin Nicole Mrotzek in ihrem Vorwort zum Doppelhaushalt.

Keine warnenden Stimmen

„Der Verwaltungschef bekommt im Rat alles durch, es gibt keinen Widerstand“, sagt Dr. Jörg Rodenwaldt (Zukunft Celle) im Nachgang, der Finanzexperte war persönlich bei der jüngsten Ratssitzung nicht anwesend, hätte wie die Grünen, die Linke und die SPD dagegen gestimmt. Er hat verglichen mit den Zahlen von vor zehn Jahren unter dem damaligen Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende (SPD) und seinem Kämmerer Thomas Bertram. „Wir sehen aktuell mit einer Netto-Neuverschuldung von 42,3 Mio Euro für 2026 mehr als ein Zehnfaches im Vergleich zu 2016, als diese 3,9 Mio Euro betrug“, konstatiert der Ratsherr. Eine Maßnahme, die zu Beginn des Jahres im Rat diskutiert wurde und eine Mehrheit fand, wirkte sich positiv auf die Bilanz für das Jahr 2025 aus. Jörg Rodenwaldt bezeichnet es als Finanztrick, dass im Zuge der Auflösung des bisherigen Betriebsmodells für die Congress Union das Aktien- und Beteiligungsvermögen im Wert von 26,8 Mio Euro entnommen und in den Kernhaushalt der Stadt überführt wurde. In der Folge der Herauslösung und Übertragung in das hoheitliche Vermögen der Stadt fallen im Jahr 2026 Steuern in Höhe von über 11 Mio Euro an. Diese werden kreditfinanziert. „Das wird zukünftig den städtischen Haushalt mit einer Mio Euro pro Jahr belasten“, berichtet Rodenwaldt.

Der promovierte Volkswirt meint: „Maß und Mitte gehen hier in Celle total verloren. Vor zehn Jahren gab es immer Stimmen, die warnten, heute nicht mehr.“ Die Gesamtverschuldung werde sich für die Stadt nach der Kommunalwahl extrem schnell erhöhen (s. Schaubild). „Einen konsolidierten Abschluss der Stadt Celle, d. h. einen der die einzelnen Töchtergesellschaften wie die Stadtwerke, die allerland, die Parkbetriebe umfasst, gibt es nicht. Für diese garantiert die Stadt. Die Gesamtsituation der städtischen Finanzen ist nicht bekannt“, erläutert der Autor von Büchern und Artikeln zu finanzspezifischen und asienrelevanten Themen.

Hinzu käme, dass das Neue Rathaus sich im Prozess der Digitalisierung befinde, was Personal einspart, und etliche Aufgaben wie beispielsweise die Jugend- und Sozialhilfe abgegeben hat an den Landkreis, „auch aus der Verantwortung für das AKH hat sich der Oberbürgermeister rausgezogen“. Dennoch weise der Stellenplan mehr Angestellte und Beamte aus als vor zehn Jahren.

Social Media statt soziales Profil

Ratsherr Stephan Ohl (Die Linke) stellt in seiner Rede die Situation Celles in sozialer Hinsicht in den Fokus: „Eine Stadt erkennt man daran, wie sie mit den Menschen umgeht, die keine Lobby haben. Der Blick auf Celle fällt hier ernüchternd aus. Man setzt auf Social Media statt auf ein soziales Profil.“ Vor dem Hintergrund des Funparks, der auf dem Gelände des Sportplatzes neben dem Gymnasium Hermann Billung entstehen sollte, sagt Ohl: „Es ist leichter, Fun-Projekte zu finanzieren, als Verantwortung für die Schwächsten zu übernehmen.“

Er bezeichnet den Haushalt als „nicht nur politisch fragwürdig, sondern auch als finanziell riskant und sozial blind.“ Ohl betont: Wir sprechen von erheblichen Risiken für die künftige Zahlungsfähigkeit der Stadt hinsichtlich Karstadt, städtischer Congress Union und Altem Rathaus.“

Klimaschutz nur eine Randnotiz

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen Johanna Thomsen wendet sich an den Verwaltungschef mit den Worten: „Herr Oberbürgermeister, Sie vermitteln oft den Eindruck, dass Sie großzügig verteilen können, als würde Geld plötzlich keine Rolle mehr spielen. Das ist ein gefährlicher Eindruck. Denn Bonbons und Geschenke auf Pump sind keine nachhaltige Politik. Wer heute alles verspricht, schränkt morgen den Handlungsspielraum ein.“ Sie hat beim Studium des Zahlenwerks den Klimaschutz in den Blick genommen und wurde nur an wenigen Stellen fündig: „Klimaschutz darf kein Nebensatz im Haushalt sein. Er muss Leitprinzip sein mit messbaren Zielen und einem klar definierten CO2-Budget“, mahnt die grüne Fraktionsvorsitzende.

Nichts Zukunftsgewandtes zu erkennen

Ihre Parteikollegin Karin Abenhausen fasst sich kurz. „Wie sieht das Profil von Celle in Zukunft aus“, fragt sie rhetorisch. Es fehle die Vision, nicht einmal der Wille, das traditionsreiche Alte zu bewahren, sei da. „Die Devise lautet: Bauplätze schaffen und verscherbeln… Investitionen wären das, was die Wirtschaft ankurbelt. Mehrwert schaffen. Stattdessen geht es weiter mit dem Betriebsmodell Flächenfraß für nichts.“ Sie vermisst eine verantwortungsvolle Stadtplanung. Angesichts des bevorstehenden Wahlkampfjahres verweist sie auf einen Wahlkampfslogan, den der Oberbürgermeister im Jahr 2016 nutzte: „Celle kann mehr!“ Karin Abenhausen kommentiert: „Wenn Celle wirklich mehr kann, wo ist denn dann nach neun Jahren dieses Mehr? Die Bilanz ist ernüchternd. Auch im Doppelhaushalt 2026/27 ist Zukunftsgewandtes nicht zu erkennen.“

Am Ende der Debatte wird der Haushalt mehrheitlich genehmigt.

Anke Schlicht
Redaktion Celler Presse
Foto: Archivbild Ratssitzung Celle, Anke Schlicht

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