Lebenshilfe eröffnet in Garßen ein Zentrum für inklusive Bildung für Leben und Lernen

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GARßEN. Vor über 200 Gästen wurde heute in Garßen das Zentrum für inklusive Bildung des Bereiches Leben und Lernen eröffnet. Zu diesem Anlass kam auch der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil in den Celler Ortsteil Garßen, um der Eröffnung eine landespolitische Bedeutung zu verleihen, werde doch die Entwicklung der Inklusion, so Weil, nicht in allen Regionen gleichermaßen positiv gesehen. Lobende Worte fand der Ministerpräsident für „das überdurchschnittliche Engagement der Lebenshilfe Celle ohne staatliche Hilfe“.

Die Realisierung der Inklusion sei ein Langstreckenlauf und erfordere Zeit und Geduld, so Weil, „mehr als anfangs gedacht.“ So habe er sich vorgenommen, sich darum zu kümmern, dass auf Landesebene schnellere Entscheidungen getroffen werden. Weil: „Schritt für Schritt geht es voran mit der Inklusion.“

Unter den Gästen waren zahlreiche Vertreter aus Kommunalpolitik, Verwaltung und Institutionen. Henning Otte und Kirsten Lühmann repräsentierten den Bundestag, und Jörg Schepelmann den Landtag.

Landrat Klaus Wiswe, der auch im Namen der Stadt sprach, betonte das Motto „Niemand soll verloren gehen“, das der Landkreis als größter Bildungsträger in der Region seit langem gelebt habe. Die Einrichtung des neuen Zentrums sei ein richtiger Weg und sehr wichtig für den Landkreis. Auch aus städtischer Sicht sei die Lebenshilfe ein wichtiger Partner für die Stadt.

In seiner Begrüßung der Gäste hatte der Geschäftsführer der Lebenshilfe Celle, Clemens Kasper, einen besonderen Gast versprochen. Das war nun Martin Fromme mit einem speziellen Blick auf Behinderung. Sein Buchtitel „Lieber Arm ab als arm dran“ macht sein Anliegen überdeutlich, was spätestens bei seinem Auftritt überrascht. Verblüffend, wie er mit seiner Behinderung umgeht, natürlich sei er behindert, schließlich trage er eine Brille. Und viele Menschen im Publikum tragen eine Brille. Auch vor der Politik machte er nicht Halt. Schäuble als Bundeskanzler habe er sich nicht vorstellen können, da dieser ja nicht hätte zurücktreten können. Zwischendurch musste Fromme mal eine Pille schlucken: Contergan, um wieder aufzufrischen. Und ein Arzt habe ihm geraten, Golf zu spielen, um sein Handicap zu verbessern.

Ca. 250 Kinder aus Schulen und Kitas bildeten den größten inklusiven Kinderchor, der unter der Leitung von Steffen Hollung das Lied „Ich, du, wir“ sang.

„Protokoll“ führten am Rande Samis Josefine Obst und Joao Krahl. Sie zeichneten auf Flipchart und wenigen Stichwort das Programmgeschehen (s. Fotos dazu).

Bereits seit ihrer Gründung 1961 gehört die Kinderbetreuung zu den erklärten Schwerpunkten der Lebenshilfe Celle. So sammelten sich zum einen ein großer Erfahrungsschatz und wertvolle fachliche Kompetenzen in unserem Unternehmen an. Zum anderen resultiert aus diesem Selbstverständnis der anhaltende Anspruch, die eigenen pädagogischen Angebote stets zu optimieren und zeitgemäß weiterzuentwickeln.

Haus Hohenesch | Lebenshilfe Celle Archiv
Garßen Luftbild | Oliver Schiano

Dass Menschen, insbesondere Kinder und Erwachsene mit Beeinträchtigung, diese Kompetenzen als Unterstützungsleistung nutzen und in Anspruch nehmen können und sogar einen Rechtsanspruch darauf haben, war nicht immer so. Gerade bei Menschen mit kognitiven Einschränkungen ist die Erkenntnis ihres Rechtes auf Förderung erst sehr spät erwacht, und sie verlief zum Teil in erschreckenden Kurven.

1965 wurde die erste „Schule für Geistigbehinderte“ in Frankfurt gegründet. Unter dem Gedanken der „praktischen Bildbarkeit“ und der Brauchbarkeit als Arbeitskräfte und Steuerzahlende wurden an diese Kinder Mindestvoraussetzungen gestellt, sodass vor allem Kinder mit schwereren und schwersten Beeinträchtigungen diese Schulen nicht besuchen konnten – trotz allen Fortschritts immer noch Separation. Eine Schulpflicht bestand zu diesem Zeitpunkt laut Schulgesetz von 1968 noch nicht für alle Kinder; Kinder mit schwererer Beeinträchtigung waren ausgenommen.

Bereits 1964 aber betrieb die Lebenshilfe Celle im Haus Hohenesch in der Alten Dorfstraße eine Bildungsstätte für Menschen mit schweren und schwersten Beeinträchtigungen und beschulte so auch den Personenkreis, der erst mit der 1978 gesetzlich eingeführten allgemeinen Schulpflicht das Recht auf Bildung erhielt. (An der Stelle dieses Hauses entsteht ab Januar 2019 ein modernes Wohnhaus für Menschen mit schweren Autismus-Spektrum-Störungen.)

Von den Schrecken der Vergangenheit und dem langen Weg von der Verfolgung und Vernichtung, aus der Separation hin zum Recht auf Bildung und Beschulung, spüren die aus Altencelle umgezogenen Kinder, Schülerinnen und Schüler nichts mehr. Der Gedanke der Begegnung und Kooperation geht hier noch einen wichtigen Schritt weiter, der sich durch die besonderen Gegebenheiten vor Ort ergibt: In unmittelbarer Nachbarschaft zum neuen Gebäude befinden sich sowohl ein Regelkindergarten als auch eine Regelgrundschule und etwas weiter entfernt die berufsbildenden Schulen sowie die kommunale Vereinsturnhalle (ehemals Sporthalle der Erich-Kästner-Schule). Hier werden sich in Zukunft viele Chancen gemeinsamer Aktivitäten ergeben, mit denen Inklusion beworben und behutsam verwirklicht wird: Eine Inklusion, die sich ganz natürlich Schritt für Schritt entwickelt, weil man in der räumlichen Situation „Zaun an Zaun“ vor allem die Gelegenheit wahrnimmt, Zäune zu öffnen – ohne Schutzräume zu tilgen.

Mit dem Neubeginn in Garßen kann die Lebenshilfe Celle zusätzlich eine ganz besondere Premiere melden: Sie bietet vor Ort mit 14 Plätzen Celles erste Integrative Krippe an.

PR/Redaktion
Celler Presse
Fotos: Celler-Presse.de





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